Schließlich greift undemokratische
Rechthaberei an einem Ort um sich, an dem es die Beteiligten besser wissen müssten. Die Absurdität und das Groteske am ausufernden und totalitär anmutenden Mobbing- und
Intrigenspiel der Protagonisten - auch auf dem politischem Nebenkriegsschauplatz - darf nicht
davon ablenken, dass es in der Sache um die ernste Frage nach der Freiheit von Wissenschaft
geht. Da wäre zunächst die Forschung selbst gefragt. Wie weit darf deutsche
Zeitgeschichtsforschung mit der Verbreitung vermeintlicher oder tatsächlich abwegiger
Ansichten gehen? Wann muss dagegen die rote Karte gezeigt werden?
Institutsdirektor Dr. Klaus-Dietmar Henke ist zunächst nicht einmal übertrieben weit gegangen. Er hat nicht
im Vorfeld zensiert, aber nach Sichtung des Artikels vor einer Veröffentlichung in dieser Form
gewarnt. Wären die Aussagen des Autors Lothar Fritze entschärft worden, vermutlich wäre
kaum Aufsehen gemacht worden. Henke hat ein Prinzip zum Leitfaden seiner Bewertung
erhoben, gegen das wohl niemand einen haltbaren Einwand richten kann. Forschung ist eben
nicht "grenzenlos". Auch und gerade wenn es "nur" um die Infragestellung moralischer
Legitimität eines Attentats gegen Hitler geht. Wäre Wissenschaft "grenzenlos", hätten die
Moral und der gesellschaftliche Grundkonsens der Demokratie kläglich versagt. Natürlich
entstehen dadurch Hierarchien von Fragestellungen. Diese aber sind im Interesse von
Forschung und Lehre absolut notwendig - unabhängig um welche Wissenschaft es geht.
Was für Naturwissenschaftler gilt, sollte auch für Geisteswissenschaftler gelten
Die Ethik verbietet der medizinischen Forschung ebenso wie der Gentechnik eine
uneingeschränkte Freiheit des Ausprobierens - zurecht. Was hier gilt, läßt sich im Prinzip auch
auf die Sozialwissenschaften oder die Geschichtsforschung übertragen. Das Argument, wonach
Begrenzung der Freiheit immer auch der Beginn von Unfreiheit ist, läuft im konkreten Fall ins
Leere. Im Grunde hat Henke den Autor nur davor gewarnt, mit seiner absurden Aussage über
die moralische Verfehlung des Hitler-Attentäter Georg Elser die Diskussion in eine völlig
unsachliche Richtung zu lenken.
Unverständlich bleibt deshalb das Agieren des stellvertretenden Institutsleiters Dr. Uwe Backes,
der Fritze Rückendeckung gab. Überflüssig auch seine Äußerungen, in denen er der
Öffentlichkeit in der Bundesrepublik einen "neurotischen Umgang mit NS-Geschichte"
attestierte und zu mehr "Unverkrampftheit" aufrief. Es ist verständlich, dass über die Thesen Fritzes` inhaltlich und offensiv eine Auseinandersetzung geführt werden muss. Das Hannah-Arendt-Institut mit seinem wissenschaftlichen Renomee hätte es als Chance begreifen können, sich in
einem hausinternen sachlichem Diskurs zu streiten. Henke und Backes haben dies von Anfang
an versäumt. Gekränkte Eitelkeiten verhinderten die rationale Kritik. Aus dem Streit ist längst ein Personalkonflikt geworden, der hauptsächlich auf
den Feuilletonseiten der Zeitungen ausgetragen wird. Das Spiel mit dem Feuer hat sich zum
wissenschaftlichen und politischen Eklat ausgebreitet, der wohl nur noch juristisch gelöst
werden kann. Ob sich die Dresdner Bank als Geldgeber von dem Institut abwendet und
Hannah Arendts Nachlassverwalterin ihm das Namensrecht entzieht, gehört zu den offenen
Fragen. Dass es überhaupt soweit kommen musste, ist ein peinlicher Offenbarungseid
gestandener Wissenschaftler.