Für diesen Kassettenrekorder würde man auf dem Flohmarkt höchstens einen Liebhaberpreis erzielen. Es ist eins dieser Mono-Abspielgeräte, wie sie irgendwann in den 70ern "in" waren. Ibrahim A. aber führt es seinen Gästen voller Stolz vor. "Musik aus meiner Heimat", erklärt er. Von zwei Fischen erzählt das Lied, die sich über die Freiheit und die Liebe unterhalten - etwas, das den Menschen verboten ist. Es ist ein Lied über die Situation im Iran. Ibrahims Heimat.
Vor zwei Jahren ist der Zahntechniker nach Deutschland geflohen. Seither lebt er in einer Gemeinschaftsunterkunft in Puchheim, einer kleinen Gemeinde in der Nähe von München. Sein Asylverfahren ist noch immer offen.
In zwei kleinen Häusern, unsoliden Fertigbauten, sind insgesamt 56 Männer untergebracht - aus aller Herren Länder, aus dem Togo, aus Somalia, Pakistan und Afghanistan. Männer und Frauen, die sich noch im Asylverfahren befinden oder kein Asyl erhalten haben aber (noch) nicht abgeschoben werden können, müssen in einer solchen staatlichen Unterkunft leben.
Zum Nichtstun verurteilt
"Willkommen zum Todeshotel" - In großen Lettern steht die makabre Begrüßung am Eingang zu der Unterkunft von Ibrahim und seinen Mitbewohnern. "Wir sind schon tot und doch noch lebendig", versucht er die Worte zu erklären. Denn die Männer in der Unterkunft sind zum Nichtstun verurteilt. Wer nach Mai 1997 eingereist ist, erhält grundsätzlich keine Arbeitserlaubnis mehr. Alle anderen Asylbewerber können theoretisch eine einfache Tätigkeit ausüben - wie Hilfsarbeiter am Bau. Sie müssen sich aber einem umständlichen Genehmigungsverfahren unterwerfen, inklusive einer mehrwöchigen Arbeitsmarktprüfung, ob der angestrebte Job nicht auch mit einem Deutschen oder EU-Ausländer besetzt werden kann.
Der Tagesablauf der Männer ist darum trostlos. "Wir sind hier nur zum Schlafen und Essen", erklärt ein junger Mann aus Afghanistan, der gerade 19 Jahre alt ist. Und mit Blick auf seinen Zimmernachbarn ergänzt Ibrahim: "Ein so junger Mann muss doch etwas tun und nicht nur rumsitzen. Wir gehen noch auf der Erde, aber wir tun nichts mehr, wir hinterlassen keine Spuren mehr. Wir sind schon wie tot."
Warum also morgens aufstehen, warum regelmäßig essen oder sich umziehen? Um sich einen Rest an Würde zu bewahren. "Würde?", Ibrahim führt die Besucher in die Küche der Unterkunft. Gegenüber der Türe, genau im Blickfeld, haben die Männer einen verdorrten Baumstamm aufgestellt. Daran hängen ein paar Eierschalen und eine Mausefalle. "Es ist ein Symbol", betont Ibrahim. "Es ist ein Symbol für die Art wie wir hier leben müssen." Dann hebt er eine kleine Schachtel hoch, in der vier tote Mäuse liegen. "Unsere Gäste", sagt er.
Gleichberechtigung? - Ungleichberechtigung!
"Gleiche Rechte für alle", kann man darauf lesen, oder: "Alle Menschen sind gleich". Aber als gleichberechtigt fühlt sich hier niemand - und ist es hier auch niemand.
Für Asylbewerber und Ausländer ohne Aufenthaltstitel gelten eigene Regelungen. Die Männer in der Unterkunft deuten wie zum Beweis auf eine kleine Kunststoffbox mit Lebensmitteln. Zweimal die Woche werden sie so mit Öl, Reis, Nudeln, Fleisch oder Fisch, Obst und Gemüse versorgt. "Vielleicht will ich jeden Tag nur Reis essen", erklärt Ibrahim, "oder aber nur Nudeln. Das aber wäre meine Entscheidung." Und die ist den Männern abgenommen: Gegessen wird was in der Box ist. Dass sie nur ein eingeschränktes Recht auf Arbeit haben und mit Essen aus der Kiste versorgt werden, sind zwei der Sonderbestimmungen des Asylverfahrensgesetzes und des Asylbewerberleistungsgesetzes. Darüber hinaus dürfen Menschen wie Ibrahim den Landkreis in dem sie gemeldet sind, grundsätzlich nicht verlassen. Ausnahmen müssen im zuständigen Ausländeramt gesondert beantragt, begründet und genehmigt werden. "Und diese Erlaubnis kostet zehn Mark", erzählt der junge Mann aus Afghanistan kopfschüttelnd. "München ist doch nicht weit. Aber wir müssen hier bleiben und immer im Kreis laufen", ergänzt Ibrahim. "Es ist wie in einem Haus für Verrückte."
Eine eigene Welt ohne Sinn
Manche Männer leben nicht erst seit zwei Jahren hier. Sie nennen den kleinen Ort bereits seit vielen Jahren ihr Zuhause. Ohne aber Kontakt mit den Bürgern zu haben. Die Männer leben in einer eigenen Welt, in der Essen, Schlafen und Aufstehen sinnlos geworden sind. "Wozu sollten wir das tun? Im Iran schneidet man uns mit einem Messer den Hals durch. In Deutschland macht man es mit Wolle: langsam, ganz langsam", sagt Ibrahim.
Foto: Copyright liegt bei Günther Reger