Romantisch versinkt die Sonne im Atlantik. Ein amerikanisches Seenotrettungsflugzeug kreist schützend über dem Schlauchboot. Die Helden haben es geschafft – endlich! Die Erleichterung des Zuschauers gleicht mindestens der der geretteten Seeleute.
Wir schreiben das Jahr 1942. Deutsche U-Boote terrorisieren den Seeverkehr an der US-Ostküste. Die Alliierten verlieren die Kontrolle über den Atlantik und damit über die Nachschubwege zum europäischen Kriegsschauplatz.
Mitten im Atlantik bleibt ein deutsches U-Boot manövrierunfähig liegen. Die Wettfahrt zwischen Kriegsmarine und US Navy beginnt.
Begehrte Beute: ENIGMA, die Chiffrier-/Dechiffriermaschine der deutschen Marine. Es startet ein Seekriegsfilm, der überraschend viele Nahkampfszenen bietet – Action pur. Konventionell dagegen ist die Rollenverteilung.
Cleveren, smarten und heldenhaften Amerikanern stehen die dumpfen, grausamen und einfältigen Marineangehörigen Hitlers gegenüber. Den Navy-Jungs gelingt es in wenigen Minuten, das geenterte deutsche U-Boot zur Flucht klar zu machen, was die Deutschen in Tagen nicht schafften. Stereotypen halten sich lange und besonders gut in Hollywood, weil sie sich immer noch gut verkaufen. Kalte, deutsche Soldaten, die ein Boot voller Schiffsbrüchiger mit dem MG niedermähen. Die Besatzung eines deutschen Kriegsschiffes auf der Jagd nach den Amerikanern verwandelt sich in einen Hühnerhaufen, als der letzte Torpedo des U-Bootes auf sie abgefeuert wird.
U-571 – das andere "Boot"
Am Vergleich mit Wolfgang Petersens U-Boot-Klassiker kommt man nicht vorbei. Und da schneidet "U-571" schlecht ab.
Zwar hat Jon Bon Jovi (in der Rolle des Lt. Pete Emmett) mehr Platten verkauft als Herbert Grönemeyer und Harvey Keitel (Chief Klough) ist ein bunterer Hund im Filmgeschäft als Jürgen Prochnow, aber während "Das Boot" ein realistisches Bild des Seekriegs zeigt, wird in "U-571" der Krieg und sein Einfluss auf die Soldaten glorifiziert. Lt. Andrew Tyler (Matthew McConaughey) wird in der besten Szene des Films zur zentralen Figur. Ein deutsches Flugzeug fliegt das von den Amerikanern gekaperte deutsche U-Boot an; Panik bricht aus und Tyler schreit die Besatzung zusammen: "This ain’t a fucking democracy here!" Seine Entwicklung zur Führungspersönlichkeit wird durch das Opfern eines seiner Untergebenen gekrönt, während die Feindfahrt des "Bootes" seine Besatzung zermürbt. Ein Kriegsfilm auf der einen Seite, ein Antikriegsfilm auf der anderen.
Hollywood phantasiert, Großbritannien protestiert
Abgesehen davon, dass die Briten und nicht die Amerikaner die ENIGMA erbeuteten und den deutschen Funkcode knackten, ist "U-571" ein solider Actionfilm mit "Boot"-artigen Szenen. Der Patriotismus folgt dem Vorbild des Spielberg-Films "Der Soldat James Ryan". Das einzige, was zum perfekten Hollywood-Film fehlt, ist die gutaussehende weibliche Hauptdarstellerin.
Lassen wir die Sonne im Atlantik untergehen und das Flugzeug über den Helden kreisen – wir dürfen das Kino verlassen.
"U-571" (USA 2000)
seit dem 14. September 2000 in den deutschen Kinos
Regie: Jonathan Mostow
Buch: Jonathan Mostow
Produzenten: Dino De Laurentiis, Hal Lieberman, Martha Schumacher, Lucio Trentini
Kamera: Oliver Wood
Mit:
Matthew McConaughey (Lt. Andrew Tyler)
Bill Paxton (Lt. Commander Mike Dahlgren)
Harvey Keitel (Chief Klough)
Jon Bon Jovi (Lt. Pete Emmett)
Thomas Kretschmann (Kapitänleutnant Wassner)
Länge: 116 Minuten
Foto: Copyright liegt bei Highlight Film