Vielfach wird von der tödlichen Langzeitwirkung der "Uran-Munition" gesprochen. Doch das Bild, welches die Medien vom Szenario "Balkan-Syndrom" erstellen, ist weder gut recherchiert, noch hilft es Licht in die berechtigte Diskussion um den Einsatz von speziellen Munitionstypen zu bringen. Eine Zusammenfassung der wissenschaftlichen und militärtechnischen Fakten soll das Verständnis für die Debatte um die "DU-Munition" (DU = depleted uranium, abgereichertes Uran) verbessern.
Urankern-Munition im Einsatz der Panzerbekämpfung
Die Depleted-Uranium-Ammunition, im Deutschen findet man dafür den Begriff der Urankern-Munition, steht nicht im Entferntesten im Zusammenhang mit Nuklearwaffen. Während in Atomsprengköpfen waffenfähiges Plutonium steckt, beinhaltet die Urankern-Munition das abgereicherte, das heißt strahlungsarme Uran 235, welches bei der Aufarbeitung von Uran 238 in Atomkraftwerken als Restprodukt entsteht. Die durch die Abreicherung verminderte Radioaktivität des Uran 235 liegt etwa bei der Hälfte des Natururans.
Für den Einsatz in panzerbrechenden Waffen ist vor allem die Schwermetall-Eigenschaft des Uran 235 von Vorteil. Basierend auf der einfachen Newtonschen Formel "Kraft = Masse x Beschleunigung" erhöht man die kinetische Energie beim Aufprall des Geschosses auf eine Panzerung durch die Einführung eines Uran-235-Kernes in die Patrone.
Die im Kosovo-Krieg eingesetzte Urankern-Munition vom Typ PGU-14 "Armor Piercing Incendiary" wurde durch den US-Kampfbomber A-10 Thunderbolt verschossen, ein Flugzeug, das speziell für die Bekämpfung von gepanzerten Fahrzeugen oder Artilleriestellungen konzipiert ist. Es ist mit einer 30mm Kanone am Bug ausgestattet, die unter anderem auch diese spezielle Urankern-Munition verschießen kann. Es sind jedoch noch viele andere Kaliber und Munitionstypen mit einem Urankern im Einsatz, so zum Beispiel beim US-Kampfhubschrauber AH-64 Apache, der im Golfkrieg eingesetzt wurde, oder beim amerikanischen Kampfpanzer M-1 Abrams.
Wirkungsweise der Urankern-Munition
Urankern-Munition ist in seiner Einwirkung auf Panzerung mit dem Hohlladungsgeschoss einer Panzerfaust vergleichbar. Bereits im Zweiten Weltkrieg hatte die Deutsche Wehrmacht das "Wuchtgeschoss" eingesetzt, welches die Massewirkung eines Bleikerns nutzte. Beim Aufprall auf eine Panzerung wandelt sich die kinetische Energie des Geschosses durch die abrupte Abbremsung in Hitze um. Das Metall schmolz und verformte sich zu einer Art Stachel, der in Sekundenbruchteilen durch die Panzerung getrieben wurde. Beim Austritt auf der Innenseite der Panzerung entlud sich die Energie im Innenraum des gepanzerten Fahrzeuges und tötete die Besatzung.
Der selbe Effekt tritt bei der Urankern-Munition auf. Da Uran 235 sehr schwer und leicht entzündbar ist, wird es einem Bleikern vorgezogen.
Gefährdung durch Strahlung im Einsatzgebiet umstritten
Da beim Einsatz von Urankern-Munition Aerosole, also Gase und Staubpartikel des Urans freigesetzt werden, ist eine Einwirkung auf die Umwelt und die Bevölkerung unausweichlich. Ein direkter Kontakt kann durch Einatmen des Uranstaubs oder das Eindringen von kleinsten Uransplittern in den Körper geschehen. So werden etwa in den USA 30 Golfkriegsveteranen, die nichtentfernbare Splitter der DU-Munition in ihrem Körper haben, durch ein medizinisches Untersuchungsprogramm beobachtet. Bei keinem dieser Veteranen soll bis jetzt eine Spätfolge dieser Einwirkung zu erkennen sein.
Viel schwerwiegender ist die gesundheitliche Gefährdung bei Arbeitern in Uranabbaugebieten und -minen, da sie ein Leben lang täglich bis zu 8 Stunden mit dem um 60% strahlungsstärkeren Natururan in Kontakt sind. Selbst bei dieser Gruppe von Menschen sei laut Führungsstab der Bundeswehr bei mehreren Untersuchungsreihen keine Zunahme von Leukämiefällen festzustellen gewesen.
Untragbar ist aber das Verhalten der USA, die den deutschen Behörden den Lagerungsort der Urankern-Munition in Deutschland vorenthalten. Diese Auskunftsverweigerung und das geradezu typisch amerikanische Verhalten der Desinformation und Bagatellisierung eines solchen Problems lassen die Glaubwürdigkeit der Beschwichtigungen seitens der Vereinigten Staaten sinken.
Debatte über DU-Munition sollte sachlicher geführt werden
Eine Gefährdung für Mensch und Natur durch den Einsatz von Urankern-Munition kann zwar nicht gänzlich ausgeschlossen werden, sie sollte jedoch auch nicht überbewertet werden. Die Todesfälle in Italien lassen jedenfalls keinen direkten Rückschluss auf eine Verseuchung durch den Aufenthalt im Einsatzgebiet Kosovo zu. Unabhängig davon ist jedoch der Umgang mit der DU-Munition in den letzten Jahren zu wenig thematisiert worden.
Alarmiert durch die Meldungen der Medien und wegen der nicht gänzlich zu verleugnenden Gefahr, sollte von einem weiteren Einsatz dieser Munitionssorte abgesehen werden. Wichtig erscheint aber, dass man gerade bei solchen Themen die Sachlichkeit und Wissenschaftlichkeit in den Vordergrund stellen sollte. Weder handelte es sich beim Kosovo-Krieg um einen versteckten atomaren Schlag gegen Jugoslawien, wie dies etwa die Bielefelder Fachärztin Veronica Engl im Internet-Friedensforum behauptet hat, noch sind der Balkan und die dort stationierten Soldaten und lebenden Zivilisten radioaktiv verseucht.
Wieder einmal wird deutlich, dass Medien durch unsachliche und schlecht recherchierte Arbeit Panik geschürt haben. Ob Uran-Munition, urangehärtete Munition, Atom-Munition oder verstrahlte Waffen, alles wird in die Artikel geworfen, was irgendein Redakteur irgendwann einmal über Waffen gehört hat. Krieg und Waffeneinsatz sind heikle Themen und gerade dann würde einigen Presseorganen etwas Fingerspitzengefühl gut tun.
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