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e-politik.de - Home  Kultur & Politik  Politischer Film   Archiv: Der Politische Film   Die Stille nach dem Schuss


Volker Schlöndorff

Die Stille nach dem Schuss - Interview mit Volker Schlöndorff

Autor :  Marius Lechler
E-mail: redaktion@e-politik.de
Artikel vom: 01.10.2000

Mit dem Kinofilm "Die Stille nach dem Schuss" (seit dem 14. September in den deutschen Kinos) hat Volker Schlöndorff die Diskussion um die RAF wieder angeheizt. Dem Regisseur wird stille Sympathie vorgeworfen. Marius Lechler sprach mit ihm.


Sympathische Terroristin

e-politik.de: Sie erzählen in "Die Stille nach dem Schuss" nicht nur die Geschichte eines Lebens in der DDR. Aufhänger ist Ihre Hauptfigur Rita Vogt, eine geflohene RAF-Terroristin. Das allein ist für viele Grund genug, Ihr Filmprojekt mit besonderer Vorsicht zu betrachten.

Schlöndorff: Rita Vogt ist eine Ex-Terroristin. Sie ist ja jemand – was selten gewesen ist –, der bewusst gebrochen hat. Die meisten haben sich ja mehr und mehr einengen lassen auch in ihrem Bewusstsein, haben sich immer mehr fanatisiert und die wenigsten – und deshalb finde ich, dass sie eine interessante Figur ist – sagen auf einmal: "Ich mache diesen Weg der Gewalt nicht weiter."
Das ist nach einem Schusswechsel, bei dem sie einen ganz unschuldigen Verkehrspolizisten umbringt. Eine Reaktion, die verständlich ist, die es aber in den wenigsten Fällen gegeben hat. Und das, finde ich, macht die Figur schon mal interessant. Ich kann da nichts Gefährliches sehen. Also ich glaube, dass Terrorismus keine ansteckende Krankheit ist. Ich glaube nicht, dass das durch Nachahmung passiert. Die Leute sind durch ihre persönlichen Biographien dazu gekommen. Und das ist nicht so eine "Nachahmersache". Also im Gegensatz zu ... sagen wir mal allen möglichen merkwürdigen Verbrechen, die durch Nachahmung entstehen, glaube ich, gehört das nicht dazu.
Das ist aus einer gewissen politischen Zeit entstanden, aus politischen Ideen, die die ernst genommen haben, es war der Vietnam-Krieg, es war der Kampf der Dritten Welt, es war einfach ein ganz anderes Umfeld, aus dem das entstanden ist. Und deshalb heute eine Terroristin zu zeigen, die einem noch dazu sympathisch ist, ist - glaube ich - legitim.

e-politik.de: Ist das Ganze nicht ein bisschen verklärt dargestellt? Zum Beispiel, wenn sich zwei Stasi-Leute miteinander unterhalten und der eine sagt: "Also im Prinzip sind wir gegen Terror von rechts - auf jeden Fall, aber im Prinzip sind wir auch gegen Terror von links" ... und diese beiden gehen dann aber trotzdem mit den Terroristen einen gewissen Pakt ein.

Schlöndorff: Ja, weil die versprechen sich was von diesem Pakt. Eine Erklärung ist: Aus diesem Deal, den sie machen, versprechen sie sich Informationen. Also der Feind des Feindes liefert mir Informationen von innen her über das, was die an Anschlägen oder sonstigem vorhaben. Und dann haben wir noch diese, sagen wir mal, menschliche Komponente, dass auch auf der Ebene der Generäle und der Obersten eine Generation von Leuten in der Stasi ist, die den Spanienkrieg mitgemacht haben, die als Partisanen hinter den deutschen Linien in Russland und anderswo gekämpft haben und die noch so ein romantisch-verklärtes Bild aus ihrer Jugend mittragen.
Ich glaube das Interessante ist, dass es all diese Menschen und all diese Motivationen in unserem Lande gibt und wenn ich Chronist bin und das beschreibe, und versuche, das möglichst wahrheitsmäßig zu beschreiben, dann kann das nichts Gefährliches sein.

Zur Recherche bergeweise Akten

e-politik.de: Waren die Recherchen für den Film schwierig? Da werden wohl einige Quellen ageblockt haben, wenn es um Stasi geht, um RAF und deren gemeinsame Verflechtungen in der DDR.

Schlöndorff: Das war ganz verschieden. Also die Stasileute waren äußerst redefreudig. Die haben sehr gut darüber gesprochen, sind auch sehr artikulierte Leute. Diese Gespräche hat hauptsächlich mein Drehbuchautor Wolfgang Kohlhase geführt, weil der natürlich auch den Tonfall kennt, in dem man mit denen reden kann.
Über die RAF-Leute, die untergetaucht sind, habe ich außer Inge Viett niemanden persönlich getroffen, da hat auch Wolfgang einige getroffen. Das waren ganz kurze Gespräche, weil die saßen im Gefängnis, dann ist da ein Wärter, der steht an der Tür, man hat 30 Minuten, da kommt nicht viel dabei raus. Da kann man allerhöchstens so ein bisschen erahnen, was das für eine Persönlichkeit ist.
Dafür gibt es aber bergeweise Akten allerseits. Und da haben wir uns durchgewühlt, bis wir irgendwann zu dem Punkt kamen, dass wir erdrückt waren und haben gesagt, so ungefähr: "Jetzt vergessen wir mal alles, was wir gelesen haben und versuchen, diese Geschichte frei zu erfinden aus all den Elementen, die wir so mitbekommen haben."

"Das Sein prägt das Bewusstsein"

e-politik.de: War das eigentlich für Sie damals schwierig, ein Gespräch mit Inge Viett zu suchen? Haben Sie bei Ihrer Begegnung mit ihr das Gefühl gehabt: Die Frau hat das verarbeitet und hat eine neue Perspektive auf ihr eigenes Handeln entwickelt oder versteht sie einfach nicht, was ihre "Gegner" denken?

Schlöndorff: Also fest steht: Jeder versteht sich und seine eigene Biografie anders als die anderen, die ihn betrachten. Inge Viett, die ja sogar ein Buch darüber geschrieben hat, und die sich in langen Fernsehinterviews geäußert hat, die artikuliert sich und die argumentiert und die spricht gerne darüber – ob sie sich deshalb besser erkennt, als die andere, das will ich mal dahingestellt sein lassen.
Wie man so sagt ... auf Anhieb sind das alles sympathische Menschen. Da kann man nichts dagegen sagen. Außerdem ausgesprochen witzig. Ich meine, das ist auch nicht überraschend. Das sind Menschen, die an ihre eigenen Grenzen gegangen sind und manchmal 10 Jahre lang. Und das wirkt sich aus auf einen Charakter. Das ist dann eben nicht dasselbe wie noch so eine nette Buchhalterin von nebenan.
"Das Sein prägt das Bewusstsein": Dieser alte marxistische Spruch, an den glaube ich immer noch. Und wenn jemand so eine Biografie hat, ist er ein anderer Mensch, auf jeden Fall ein interessanter Mensch. Aber mit keinem von denen kann man einverstanden sein. Und das war auch die Schwierigkeit, dass wir zwar Informationen und uns unterhalten wollten, und versuchen wollten, sie zu verstehen, aber auf gar keinen Fall einverstanden sein wollten mit denen oder ihren Ideen.
Das Hauptproblem der Terroristen war ja, dass sie die Wirklichkeit nicht mehr wahrgenommen haben. Und deshalb auch die Wirkungen ihrer eigenen Handlungen nicht mehr wirklich wahrgenommen haben.

e-politik.de: Manchmal hat man den Eindruck, als würden die RAF-Terroristen und das was sie getan haben, ein bisschen romantisiert gesehen – nicht nur im Film, sondern generell in Deutschland. Ja sie haben zwar Kapitalisten, etc. umgebracht, aber sie haben ja gute und hehre Gedanken, die dahinterstehen.
Also ein wild-romantisches Leben. Warum ist das so? Warum werden sie von Teilen der Bevölkerung verklärt?

Schlöndorff: Da muss ich Ihnen erst einmal antworten: Die selbst fühlen sich überhaupt nicht verklärt. Ich habe versucht, es so zu zeigen, so gut ich konnte. Nicht mit der Absicht, das zu verklären. Für mich ist es einfach ein verlorener Haufen. Und ein erledigtes Phänomen.
Ich hab nicht das Gefühl, dass insgesamt in unserer Gesellschaft, auch mit 20 Jahren Abstand, diese Leute irgendwie romantisiert oder verklärt werden. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es überhaupt irgendwie in absehbarer Zeit so was noch mal wieder geben könnte. Das war eine ganz bestimmte Zeit, aus der das entstanden ist, und es wäre viel besser gewesen, wenn es das alles nie gegeben hätte.
Aber immer der Vergleich mit den Rechtsradikalen – ich glaube, dass ist einfach eine andere Art von Auseinandersetzung, die man da führen muss.

Die Handschrift bleibt

e-politik.de: Inwiefern würden Sie sagen, hat dieser Film oder dieses Projekt Sie gefunden und ist eigentlich auch im Zuge Ihrer eigenen filmpolitischen Entwicklung für Sie ein wichtiges Statement.

Schlöndorff: Ich mache die Filme so wie ich´s kann. So wie ich es mag, vor allen Dingen. Und ich versuche mich natürlich dabei auch weiterzuentwickeln. Jeder versucht immer an seiner Sprache zu arbeiten und die weiterzuentwickeln. Ich dachte, das sieht jetzt aus wie ein ganz junger moderner Film.
Aber die Handschrift bleibt. Die kann man nicht so leicht verändern. Ich hab mich aber bei diesem Film irgendwie besonders wohl gefühlt, so wie man das Gefühl hat manchmal: "Jetzt bin ich wieder bei mir selbst angekommen."
Manchmal macht´s ja auch Spaß, fern von sich selbst zu arbeiten, aber das war mir irgendwie vertrauter Boden. Im Film über Terroristen hatte ich eine gewisse Erfahrung – ich hab auch sehr viele aus diser "ersten Generation" mehr oder weniger aus der Nähe gekannt. Ich kannte jedenfalls den Geist, aus dem das damals entstanden ist. Und über die DDR habe ich ja nun 8 Jahre lang Erfahrung gesammelt.
Es war ein unangestrengter Film, der ist mir irgendwie leicht von der Hand gegangen.

e-politik.de: Wenn Sie doch eigentlich einen Film über die DDR machen wollten, und das haben Sie ja auch betont, wozu benötigen Sie dann das "Etikett" RAF für den Film. Würde es vielleicht nicht auch ohne Terrorismus funktionieren?

Schlöndorff:Also ich würde mir nicht zutrauen, eine ganz normale Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen oder einer jungen Frau und einem jungen Mann, die in einer Kleinstadt in der DDR leben, in den 80er Jahren zu erzählen. Ich hätte irgendwie das Gefühl, "davon weiß ich nichts".
Und eigentlich nur durch diese Einreisende, die aus dem Westen kommt, und die viele Ideen transportiert, mit denen ich auch mal sympathisiert hab, hab ich irgendwie den Zugang dahin. Und sie kann jetzt für mich sozusagen das zurückwerfen und reflektieren und sie kann mit den anderen Leuten in Kontakt kommen. Aber ich weiß sozusagen, wie sie empfindet, da hab ich irgendwie ein Gefühl dafür, mit der kann ich mich insoweit identifizieren. Und die anderen sind dann immer ein ganz klein bisschen fremd. Ich konnte das nur in dem Wechsel schaffen.
Ich hätte nicht einen reinen DDR-Film machen können. Und wer ist schon freiwillig in die DDR gereist? Eigentlich nur die, die hier gesucht wurden. Also insofern wäre das keine Wahl gewesen. Aber gerade aus diesem Widerspruch – hier ein von Grund auf anarchistischer und individueller Charakter und auf der anderen Seite diese DDR – wie geht das zusammen? Das ist es eigentlich, was den Film ausgelöst hat. Irgendwie eine Antwort auf die Frage zu finden.

Bewunderung für Systembrecher?

e-politik.de: Sie haben auf der Vorpremiere des Films gesagt, dass Sie selber zwar ein ganz normaler Mensch in der Realität sind und sich dort auch wohlfühlen und da hingehören. Dass Sie auf der anderen Seite aber eine gewisse Bewunderung für diese Systemsprenger oder rebellischen Persönlichkeiten haben, nicht für deren Aktionen, sondern für diese Persönlichkeiten, die entweder, weil sie dem folgen, was sie sind, zu einem Don Quichotte oder eben zu was anderem werden.

Schlöndorff: Also es ist ja nicht so leicht, sich selbst zu kennen. Wenn man das Glück hat, Filmemacher zu sein und kontinuierlich arbeiten zu können, dann muss man keine großen Heldentaten begehen, dann macht man halt seine Arbeit, die einem Spaß macht. Und dann sieht man in der Zeitung oder anderswo Leute, die anscheinend aus schierem Altruismus ihr Leben für eine Sache einsetzen.
Wenn ich Filme mache, dann setze ich mein Leben nicht für eine Sache ein, das ist ein Beruf wie ein anderer. Und vielleicht ein bisschen schöner. Und das gibt es doch immer wieder, also dass nun große Heilige, Märtyrer, sonstige – manchmal sind es Kriminelle, manchmal ist es eine Mutter Theresa – ich glaube, jeder hat ein Interesse für solche Leute. Und dann passiert es aber, dass oft gerade die, die die Gerechtigkeit und das Gute wollen, das Gegenteil bewirken. Und dann sehr umstritten werden. Das sind aber glaube ich, die eigentlichen Motoren dieser Gesellschaft. Diese Ausnahmefiguren gibt es immer wieder.

Copyright Foto: Dirk Jasper Filmlexikon


Biografie Volker Schlöndorff:

geboren 1939 als Sohn eines Arztes in Wiesbaden;
studierte in Paris Politische Wissenschaften, seit 1959 enge Kontakte zu den Regisseuren der Nouvelle Vague, besonders Louis Malle, Jean-Pierre Melville und Alain Resnais.

Erster internationaler Erfolg: "Der junge Törless" (1966);
"Die verlorene Ehre der Katharina Blum" (1975) nach dem gleichnamigen Roman von Heinrich Böll;
"Die Blechtrommel" (1979) erhielt die Goldene Palme in Cannes und einen Oscar in Hollywood;
"Tod eines Handlungsreisenden" (1984) mit Dustin Hoffman und John Malkovich;
seit 1992 widmet sich der Regisseur Umwandlung des traditionsreichen Studiogeländes Babelsberg in eine moderne Medienstadt;
1998: "Palmetto" mit Woody Harrelson und Elizabeth Shue
2000: "Die Stille nach dem Schuss"


   

Weiterführende Links:
   e-politik.de-Kritik zum Film



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