Liebe Studenten,
Wer die Beharrlichkeit und Ausdauer besitzt, einen 48 Stunden Vorlesemarathon in Omnibussen auszuhalten, oder sich überwinden kann, in winterkalten Baggerseen Badestreiks abzuhalten (" Die Bildung geht baden"), dem sollte es doch eigentlich auch möglich sein, mit den Bedingungen an deutschen Hochschulen klarzukommen.
Aber das scheint nicht der Fall zu sein. Statt dessen haben es sich die Damen und Herren Studenten in den Kopf gesetzt, ständig nach Verbesserung der ach so schlechten Studienbedingungen zu schreien - die im Vergleich zu anderen Ländern eh schon über dem Durchschnitt liegen.
Natürlich ist die deutsche Politik offen für solche Vorschläge und sie ist immer bereit, ein Ohr den Verbesserungswünschen ihrer Wähler zu widmen. Doch wenn es um die finanziellen Mittel dieses Staates geht, sind der Regierung nun mal im Moment die Hände gebunden. Da helfen halt auch keine Transparente mit der Aufschrift "Bücher statt Eurofighter". Bücher schaffen nun mal keine Arbeitsplätze und schießen tun sie auch schlecht.
Ein wenig Nachdenken wäre angebracht, liebe Studenten. Längst nicht alle, oder sogar die Mehrzahl der Streikenden hatte doch damals - drastisch gesagt - noch nicht einmal den leisesten Verdacht, was denn der eigentliche Grund ihres niedlichen Streiks überhaupt gewesen ist. Manche hielten das "Hochschulrahmengesetz" womöglich für einen Vorschlag zu Verschönerung der hochschuleigenen Galerien. Ein traurig machendes Wortspiel, aber wahr.
Die Wirklichkeit, liebe Studies, sieht doch ganz anders aus. Studenten der 00er Jahre sind nicht mehr die den radikalen Umsturz fordernden Revoluzzer aus der 68er-Bewegung, sondern sie sind das geworden, was ihre so großen Vorbilder einmal bekämpft haben: Kleinkarierte Spießbürger, denen Veränderungen und die Abkehr von Gewohnheiten aufgrund ihrer eingefahrenen Sichtweise nicht möglich, oder gar zuwider sind.
Eure Proteste, liebe Studenten, sind kein politischer Aufbruch, sondern bloß die Angst vor dem eigenen gesellschaftlichen Abstieg. Ein Beispiel: Die Universitäten in den alten Bundesländern sind am Rande ihrer Kapazität angelangt – oder wie in München: schon ein Stückchen weiter – wohingegen in vielen ostdeutschen Hochschulen optimale Bedingungen herrschen.In Mecklenburg-Vorpommern sind sogar noch Verbesserungen dieser eh schon paradiesisch anmutenden Bedingungen geplant. So sieht ein Aufbauplan vor, in den nächsten zehn Jahren 6.000 zusätzlichen Studienplätze zu schaffen. Doch die verwöhnten Muttersöhnchen des Westens sind sich zu gut, oder zu sehr in Mutters Rockzipfel verheddert, als dass sie diese Bedingungen für sich nutzen.
Ein Professor für durchschnittlich 26 Studenten, statt der im Westen üblichen 48 Studenten (Tendenz steigend), scheint nicht Anreiz genug zu sein, um endlich aus der liebgewonnenen Lethargie zu erwachen und freudig diese Gelegenheit zu ergreifen. Nein, diese standortbezogene Immobilität, liebe Jungprofessoren, könnt Ihr Euch in Zeiten der Globalisierung und Massenarbeitslosigkeit überhaupt nicht mehr leisten.
Und es ist absehbar, dass sich dieser Zustand von alleine nicht ändern wird. So gibt es also nur eine Möglichkeit: Nein, nicht noch mehr Geld in eure Bafög-gebeutelten Taschen zu pfropfen, sondern Umsteuerung der Studenten in den Osten mit Hilfe von Zugangsbeschränkungen im Westen. Ich sehe das eine oder andere wutverzerrte Gesicht vor mir, aber ich gehe noch weiter. Wer sein Studium dazu benutzt, hohe Posten in der Industrie zu ergattern, um sich an den Früchten dieses blühenden Wirtschaftszweiges zu ergötzen, kann nicht so wirklichkeitsfremd sein und auf Samen verzichten. Bitte setzen Sie sich wieder Fräulein, daß war kein sexistisches Machogehabe, sondern die blumige Umschreibung einer knallharten Wahrheit: Drittmittelfinanzierung.
Der Industrie muss möglich gemacht werden, nach effizienzbezogenen Kriterien Mittel für Forschung und Lehre gewähren zu dürfen. Gut, dass dabei die natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fächer bevorzugt werden würden, liegt in der Natur der Sache. Oder glauben Sie immer noch, dass Plato ein reicher Mann war ?
Die Industrie kann Deutschlands wichtigste Ressource retten. Sie darf nur noch nicht. Warum nicht ? Weil ein paar Politologen im 13. Semester befürchten, dass damit die Demokratie an den Universitäten gefährdet wird? Ich bitte Sie, wir machen doch nichts anderes, als das Kartell der Professorenschaft durch das der Wirtschaft zu ersetzen – niemand wird den Unterschied merken.
Und das ist es doch was Ihr wirklich wollt, liebe Studenten: Verbesserungen ohne Einschränkungen. Mehr Geld bei sinkendem Arbeitsaufwand, mehr Wohlstand bei gleichbleibendem Komfort und Lohnfortzahlungen im "Kein-Bock-zu-arbeiten"-Fall.
All das und vieles mehr können wir Euch bieten. Wenn Ihr uns lasst.
Lasst uns den Wirtschafts- und Informationsstandort Deutschland retten. Wenn es sein muss mit IKEA-Werbung in der Mensa und Werbejingles von Siemens in den Theologieseminaren.
Es ist nur ein kleiner Schritt, aber eine große Menge Kohle für die Indus...äh Bildung.