e-politik.de: Es wird oft von der großen Bedeutung von Schlüselqualifikationen
gesprochen und diese erwirbt man bei Gruppenarbeiten. Leider ist der
Lehrplan so voll, daß Gruppenarbeiten nur selten möglich sind. Setzt
unser Bildungssystem falsche Prioritäten?
Flach: Ja, aber hier geht es auch ums liebe Geld. Gruppenarbeit sollte in
Kleingruppen erfolgen, deshalb müssen die Klassengrößen runter. Dafür
brauchen wir mehr Lehrer. Der demografische Rückgang der Schülerzahlen
darf uns nicht dazu bringen, die Lehrerstellen einzusparen. In Berlin
hat der neue rot-rote Senat jetzt beschlossen, fast 1000 Lehrerstellen
nicht neu zu besetzen. Das ist ein völlig falsches Signal.
e-politik.de: Der Lehrer von morgen ist nicht mehr der Pauker, sondern Moderator:
Er leistet Einzelberatung, leitet Projekte, regt Diskussionen an und
fördert die soziale Kompetenz seiner Schüler. Sollen unsere Lehrer in
Zukunft vorrangig Erziehen, Beraten und Betreuen?
Flach: Nicht Pauker, aber Organisator von Wissenserwerb. Die bloße
Moderatorenrolle wäre mir für den Lehrerberuf zu wenig. Im Idealfall
sollen Lehrer je nach individuellem Bedürfnis der Schüler erziehen,
beraten und betreuen. Ich weiß, daß das sehr schwer ist. Deshalb müssen
wir den Lehrerinnen und Lehrern bessere Rahmenbedingungen geben.
e-politik.de: Die "mentale Kapazität" ist nicht mehr als "Speicher von
Faktenkenntnissen", sondern als "Schaltzentrale für intelligente
Reaktionen" zu nutzen, argumentierte der ehemalige Direktor des
Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für
Arbeit in Nürnberg, Dieter Mertens, schon vor mehr als zwanzig Jahren.
Warum ist es so schwierig, wissenschaftliche Erkenntnisse in die Praxis
umzusetzen?
Flach: Wissenschaft und Schulpraxis sind noch nicht ausreichend verbunden. Da
liegt z.B. in der Fortbildung der Lehrer einiges im argen. Neue
wissenschaftliche Erkenntnisse kommen nicht schnell genug in die
Schulen. Auf der anderen Seite fällt es der Politik schwer, sich von
liebgewonnenen
Klischees zu lösen. Ich habe aber den Eindruck, daß sich hier etwas
bewegt.
e-politik.de: Die deutschen Schüler bewerten ihre Lehrer schlechter als
ausländische Schüler ihre Pädagogen. Können Kommunikation und
Kooperation zwischen Schülern und Lehrern in deutschen Schulen nicht
realisiert werden?
Flach: So pauschal würde ich das nicht sehen. Kritikfähigkeit gegenüber den
Lehrern ist ja auch eine durchaus positive Fähigkeit.
e-politik.de: "Bildung - alles, was man wissen muß". Mit diesem Buch führte
Dietrich Schwanitz wochenlang die Spitze der Bestsellerlisten an. Muß
man den Deutschen wieder sagen, was Bildung ist?
Flach: Ich persönlich fand "Der Campus" besser, aber natürlich brauchen wir
eine permanente Diskussion darüber, was Bildung ist. Wir haben ja
gegenläufige Trends. Einerseits werden Personen wie Verona Feldbusch
oder Slatko zu "Kultfiguren", obwohl (oder gerade weil) sie (scheinbar)
wenig formales Wissen besitzen. Ob das stimmt, sei dahingestellt.
Andererseits feiern Quiz-Sendungen im Fernsehen eine neue Renaissance.
Was zur Allgemeinbildung gehört, kann gar nicht auf Dauer
festgeschrieben sein. Bildung ist aber eben auch mehr als Faktenwissen.
Bildung ist auch die Fähigkeit, neue Fakten und Entwicklungen mit Hilfe
von Erfahrungen und Wissen einordnen, bewerten und zu Handlungen
umzusetzen zu können. Und Bildung hat auch etwas mit Wertevermittlung zu
tun.
e-politik.de: Die Bildungsministerin Edelgard Bulmahn forciert als Lösung des
Problems nun den schnellen Ausbau von Ganztagsschulen. Können wir bei
der nächsten PISA-Studie dann einen der vorderen Plätze einnehmen?
Flach: Ministerin Bulmahn fordert etwas, wofür sie gar nicht zuständig ist und
lenkt damit von den Versäumnissen auf Bundesebene ab. Schule obliegt der
Zuständigkeit der Bundesländer. Flächendeckende Angebote von
Ganztagsschulen sind e i n Mosaikstein zur Lösung des Problems.
Rheinland-Pfalz (übrigens FDP-mitregiert) wird jede 5. Schule zur
Ganztagsschule umwandeln. Aber damit allein ist es nicht getan. Die
Ganztagsschule wird nur zu einer Verbesserung der Leistungen führen,
wenn genügend Lehrer und Sachmittel vorhanden sind. Dazu gehört
Autonomie der Schulen bei der Organisation und bei der Einstellung ihres
Personals. Dazu gehört auch eine vernünftige vorschulische Erziehung.
Das alles kostet Geld und erfordert die Bereitschaft, staatliche
Steuerung aufzugeben.
e-politik.de: Welche Konsequenzen ergeben sich aus der PISA-Studie für die
Bildungspolitik der FDP?
Flach: Wir fühlen uns in den meisten Punkten bestätigt, z.B. was den Ausbau der
Ganztagsschulen betrifft oder eine frühere Einschulung, Verbesserung der
Lehrerausbildung oder Konzentration auf die ersten Schuljahre und die
Vorschulerziehung. Wir sehen, daß viele gute Vorschläge schon lange auf
dem Tisch liegen, aber nicht umgesetzt werden, weil die
Kultusministerkonferenz zu schwerfällig ist. In den nächsten Tagen wird
das Forum Bildung seinen Abschlusskongress abhalten. Das Forum Bildung
hat schon im letzten Jahr eine Reihe von wichtigen Empfehlungen
abgegeben, die es nun umzusetzen gilt. Insofern gilt gerade nach PISA:
nicht reden, sondern machen.
e-politik.de: Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview mit der Bundestagsabgeordneten Ulrike
Flach führte Hilde Obster.