e-politik.de - Artikel  ( Artikel-Nr: 1516 )


Die FDP

Ulrike Flach (MdB)

Der Pisa-Schock und seine Folgen: Nicht reden, sondern machen. - Zweiter Teil

Autor :  e-politik.de Gastautor
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Ulrike Flach ist Mitglied des Bundestags in der FDP-Fraktion. Sie ist Vorsitzende des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung. Hilde Obster hat sie zu dem deutschen Ergebnis der Schulleistungsstudie "Pisa" befragt.


e-politik.de: Es wird oft von der großen Bedeutung von Schlüselqualifikationen gesprochen und diese erwirbt man bei Gruppenarbeiten. Leider ist der Lehrplan so voll, daß Gruppenarbeiten nur selten möglich sind. Setzt unser Bildungssystem falsche Prioritäten?

Flach: Ja, aber hier geht es auch ums liebe Geld. Gruppenarbeit sollte in Kleingruppen erfolgen, deshalb müssen die Klassengrößen runter. Dafür brauchen wir mehr Lehrer. Der demografische Rückgang der Schülerzahlen darf uns nicht dazu bringen, die Lehrerstellen einzusparen. In Berlin hat der neue rot-rote Senat jetzt beschlossen, fast 1000 Lehrerstellen nicht neu zu besetzen. Das ist ein völlig falsches Signal.

e-politik.de: Der Lehrer von morgen ist nicht mehr der Pauker, sondern Moderator: Er leistet Einzelberatung, leitet Projekte, regt Diskussionen an und fördert die soziale Kompetenz seiner Schüler. Sollen unsere Lehrer in Zukunft vorrangig Erziehen, Beraten und Betreuen?

Flach: Nicht Pauker, aber Organisator von Wissenserwerb. Die bloße Moderatorenrolle wäre mir für den Lehrerberuf zu wenig. Im Idealfall sollen Lehrer je nach individuellem Bedürfnis der Schüler erziehen, beraten und betreuen. Ich weiß, daß das sehr schwer ist. Deshalb müssen wir den Lehrerinnen und Lehrern bessere Rahmenbedingungen geben.

e-politik.de: Die "mentale Kapazität" ist nicht mehr als "Speicher von Faktenkenntnissen", sondern als "Schaltzentrale für intelligente Reaktionen" zu nutzen, argumentierte der ehemalige Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg, Dieter Mertens, schon vor mehr als zwanzig Jahren. Warum ist es so schwierig, wissenschaftliche Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen?

Flach: Wissenschaft und Schulpraxis sind noch nicht ausreichend verbunden. Da liegt z.B. in der Fortbildung der Lehrer einiges im argen. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse kommen nicht schnell genug in die Schulen. Auf der anderen Seite fällt es der Politik schwer, sich von liebgewonnenen Klischees zu lösen. Ich habe aber den Eindruck, daß sich hier etwas bewegt.

e-politik.de: Die deutschen Schüler bewerten ihre Lehrer schlechter als ausländische Schüler ihre Pädagogen. Können Kommunikation und Kooperation zwischen Schülern und Lehrern in deutschen Schulen nicht realisiert werden?

Flach: So pauschal würde ich das nicht sehen. Kritikfähigkeit gegenüber den Lehrern ist ja auch eine durchaus positive Fähigkeit.

e-politik.de: "Bildung - alles, was man wissen muß". Mit diesem Buch führte Dietrich Schwanitz wochenlang die Spitze der Bestsellerlisten an. Muß man den Deutschen wieder sagen, was Bildung ist?

Flach: Ich persönlich fand "Der Campus" besser, aber natürlich brauchen wir eine permanente Diskussion darüber, was Bildung ist. Wir haben ja gegenläufige Trends. Einerseits werden Personen wie Verona Feldbusch oder Slatko zu "Kultfiguren", obwohl (oder gerade weil) sie (scheinbar) wenig formales Wissen besitzen. Ob das stimmt, sei dahingestellt. Andererseits feiern Quiz-Sendungen im Fernsehen eine neue Renaissance. Was zur Allgemeinbildung gehört, kann gar nicht auf Dauer festgeschrieben sein. Bildung ist aber eben auch mehr als Faktenwissen. Bildung ist auch die Fähigkeit, neue Fakten und Entwicklungen mit Hilfe von Erfahrungen und Wissen einordnen, bewerten und zu Handlungen umzusetzen zu können. Und Bildung hat auch etwas mit Wertevermittlung zu tun.

e-politik.de: Die Bildungsministerin Edelgard Bulmahn forciert als Lösung des Problems nun den schnellen Ausbau von Ganztagsschulen. Können wir bei der nächsten PISA-Studie dann einen der vorderen Plätze einnehmen?

Flach: Ministerin Bulmahn fordert etwas, wofür sie gar nicht zuständig ist und lenkt damit von den Versäumnissen auf Bundesebene ab. Schule obliegt der Zuständigkeit der Bundesländer. Flächendeckende Angebote von Ganztagsschulen sind e i n Mosaikstein zur Lösung des Problems. Rheinland-Pfalz (übrigens FDP-mitregiert) wird jede 5. Schule zur Ganztagsschule umwandeln. Aber damit allein ist es nicht getan. Die Ganztagsschule wird nur zu einer Verbesserung der Leistungen führen, wenn genügend Lehrer und Sachmittel vorhanden sind. Dazu gehört Autonomie der Schulen bei der Organisation und bei der Einstellung ihres Personals. Dazu gehört auch eine vernünftige vorschulische Erziehung. Das alles kostet Geld und erfordert die Bereitschaft, staatliche Steuerung aufzugeben.

e-politik.de: Welche Konsequenzen ergeben sich aus der PISA-Studie für die Bildungspolitik der FDP?

Flach: Wir fühlen uns in den meisten Punkten bestätigt, z.B. was den Ausbau der Ganztagsschulen betrifft oder eine frühere Einschulung, Verbesserung der Lehrerausbildung oder Konzentration auf die ersten Schuljahre und die Vorschulerziehung. Wir sehen, daß viele gute Vorschläge schon lange auf dem Tisch liegen, aber nicht umgesetzt werden, weil die Kultusministerkonferenz zu schwerfällig ist. In den nächsten Tagen wird das Forum Bildung seinen Abschlusskongress abhalten. Das Forum Bildung hat schon im letzten Jahr eine Reihe von wichtigen Empfehlungen abgegeben, die es nun umzusetzen gilt. Insofern gilt gerade nach PISA: nicht reden, sondern machen.

e-politik.de: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview mit der Bundestagsabgeordneten Ulrike Flach führte Hilde Obster.




Weiterführende Links:
   Die Webseite der PISA-Studie: http://www.pisa.oecd.org/


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