Freitag, zwölf Uhr, 3132, M-Street in Washington:
Vor dem ARD-Studio in der amerikanischen Hauptstadt haben sich Korrespondenten, Serkretärinnen und Cutter versammelt. Seit drei Tagen wird hier fast rund um die Uhr gearbeitet: Liveschalten nahezu im Stundentakt, Beiträge für etliche Sondersendungen und ständig das aktuelle Geschehen an Fernsehmonitoren und Computerbildschirmen im Auge. Aber für drei Minuten haben sie ihren 24-Stunden-Arbeitstag unterbrochen. Für drei Minuten sind sie vor das Studio getreten, um gemeinsam mit der Welt zu schweigen. Zu schweigen in Gedenken an die Opfer der Terroranschläge.
Doch hier geht Ihr Schweigen unter. Ein Linienbus hält mit quitschenden Bremsen, Fahrgäste drängeln sich mit ihren Schlagzeilen vom neuen Krieg unterm Arm durch die schweigenden Deutschen und ihre amerikanischen Kollegen hindurch, ein Truck mit einer amerikanischen Fahne im Fenster hupt, weil er nicht vorbei kommt, bewaffnete Soldaten regeln den dichten Verkehr an der nahegelegenen Kreuzung.
Alltag des Ausnahmezustands
Von den weltweit ausgerufenen Trauerminuten ist nur wenige Kilometer von der Ruine des Pentagontraktes entfernt nicht viel zu spüren. Es herrscht der Alltag des Ausnahmezustandes. Und der ist gekennzeichnet von Patriotismus. Viele Menschen sehen in den Anschlägen Angriffe auf die Werte, für die Amerkia steht. So ist vielleicht verständlich, warum Mitgefühl mit den Opfern zuerst Patriotismus hervorzurufen scheint. Amerikanische Entschlossenheit als Antwort an die Terroristen: "Ihr habt keine Chance." Was wäre denn Schweigen für eine Antwort auf solche Aggression?
Ein paar hundert Meter die Strasse hoch wohnt der Präsident einem Gedenkgottesdienst bei, deshalb gibt es für die Normalbürger hier zur Zeit kein Durchkommen. Abgesehen von ein bisschen Hupen nehmen das die Amerikaner bereitwillig in Kauf, schliesslich befindet sich ihr Land seit Dienstag in einer Krise, von der die Kommentatoren immer wieder sagen, dass sie selbst die Dimensionen von Pearl Habor übersteigt. Und dass Pearl Habor bisher ein nationaler Superlativ war, ist bekannt aus Historienbüchern und Hollywoodfilmen.
Mehr Flaggen als Kreuze
Wie in anderen Kirchen des Landes übersteigt die Zahl der amerikanischen Flaggen auch in der Kathedrale von Washington an diesem Tag die der christlichen Kreuze bei weitem. Religiöse und staatliche Symbole konvergieren. Es scheint, als bedeuteten sie hier und heute das gleiche: das Gute, das Schützende, das Trostspendende.
Neben anderen Religionsvertretern wird auch ein islamischer Geistlicher sprechen. Er wird wiederholen, was alle, die es wissen wollen, ohnehin wissen: dass naemlich die muslimischen Amerikaner genauso betroffen sind. Über die Tragödie. Von der Tragödie. Auch Bush wird das in seiner Rede wiederholen. Und er wird von der Trauer sprechen. Und im gleichen Atemzug wird er Vergeltung fordern. So wie jedes mal, wenn er sich seit Dienstagmittag nach der Katastrofe zu Wort gemeldet hat.
Jagdjargon als Führungsstil
Nur für einen kurzen Moment des Schweigens hat er seine "Hunt-them-down"-Rethorik unterbrochen, mit der er sein Volk auf den bevorstehenden Krieg einstimmt. Die Medien feiern den Jagdjargon des Praesidenten als neuen Führungsstil. In der grössten Krise seit Pearl Habor habe George W. Bush bewiesen, dass er ein entschlossener Präsident Amerikas sei.
Als die japanischen Selbstmordflieger 1941 Pearl Habor angriffen, starben über 2400 Menschen in der ersten ausländischen Attacke auf amerikanischem Boden seit dem Marsch der Briten auf Washington 1812. Die Reaktion der Amerikaner auf diese unvorhergesehene Aggression war ein die innenpolitische Gegensätze aufhebender Patriotismus und ein um so entschlossenerer Kampfeswille gegen den asiatischen Nachbarn. Er führte nicht nur dazu, dass der Abwurf der Atombombe gegen Ende des Krieges im Volk viel Zustimmung fand. Er führte auch zu einer antijapanischen Hysterie und zur Einrichtung einer Art Internierungslager für alle Menschen, die japanisch aussahen. Immerhin 120.000 waren es, die bis Kriegsende gefangen blieben.
Der Moderator in Uniform
Der Taxifahrer, der mich an diesem Freitag zum Flughafen bringen soll, schätzt meine Chancen als gut ein, heute noch aus Washington weg zu kommen. Seit Montag bin ich hier. Was als Ein-Tagesbesuch bei Freunden gedacht war, wurde durch die barbarischen Angriffe unfreiwillig zu einer dreitägigen Studie Amerikas im Notstand.
Der Taxifahrer schaltet das Radio ein, um zu erfahren, ob der Flugverkehr wieder unterbrochen wurde. Eine Call-in-Sendung läuft. Der Moderator erzählt, er trage heute eine Militäruniform. Aus Solidarität mit den Opfern. Ich frage den Fahrer, ob das ernst gemeint ist. Ohne irgendein Zeichen der Irritation sagt er: "Yes, this guy is kind of extreme".
Ein Anrufer fordert Atombomben
Ein Anrufer fordert, Atombomben abzuwerfen, und zwar auf Afghanistan, Pakistan, Irak und noch einige andere Staaten, die irgendwie im Zusammenhang mit Fundamentalismus ab und zu in den Medien auftauchen. Da schaltet sich der uniformierte Moderator ein. Er will etwas klar stellen. Nicht wegen der Atombomben. Aber nicht alle Muslime hier in den USA seien Sympathisanten der Attentäter. Das wäre vereinfacht. Nur, man müsse in der Tat in dieser Situation die Freiheitsrechte einiger Buerger neu überdenken. Es könne ja nicht angehen, dass der Staat heute keinem Verdacht mehr nachgehen könne, ohne gleich die Anwälte auf dem Hals zu haben.
Die Anschläge haben Verunsicherung ausgeloest. Die Hilfsbereitschaft der Menschen ist überwältigend. Tausende meldeten sich als freiwillige Helfer in Manhattan, noch mehr spendeten Blut. Die Hilfsorganisationen haben inzwischen sogar mehr Nahrungsmittel, als sie brauchen können, und Privatleute wie Unternehmen sammeln weiterhin Millionensummen. Doch es gibt auch eine andere Seite: Allein von Dienstag bis Donnerstagabend vergangener Woche gingen bei dem Rat fuer amerikanisch-islamische Beziehungen in Washington 300 Meldungen von zum Teil bewaffneten Angriffen auf islamisch aussehende Mitbürger ein.
Ein Sikh, aber mit Bart und Turban
Menschen und Geschaefte wurden Ziel von Übergriffen, aufgebrachte Menschen riefen "Geht nach Hause". Hinduistische Einrichtungen werden ebenso Opfer des Hasses wie islamische. In Mesa, Arizona, wurde am Sonntag ein Mann wegen Mordes verhaftet. Er soll sein Opfer aus Vergeltung für die Anschläge getötet haben. Der Tote ist ein Sikh. Aber er hatte einen Bart und einen Turban. Er ähnelte also irgendwie im Aussehen dem für die Anschläge hauptverantwortlich gemachten Osama bin Laden.
Überreaktionen einzelner. Doch das Kriegsgetöse in Politik und Medien heizt die Stimmung zusätzlich auf. In das Entsetzen über die Toten von New York, Washington und Pittsburgh mischt sich ein für mich als Aussendstehenden befremdlicher Nationalstolz. Während Anschläge dieser Ausmaße in Deutschland neben Betroffenheit wahrscheinlich zuerst Angst hervorrufen, wird hier, wo immer Trauer zum Ausdruck kommt, auch eine amerikanische Fahne gehisst. Die Supermarktkette "Wal Mart" hat in den letzten Tagen 300.000 Flaggen verkauft, an vielen Souvenierständen sind Baseballkappen, T-Shirts und Ribbons in blau-weiss-rot inzwischen vergriffen. Das Mitleiden mit den Opfern und die Solidaritaet mit ihren Angehörigen finden ihr Symbol in dem Bekenntnis zur Nation. Und meist auch dem populistischen Ruf nach Vergeltung.
Ruf nach Rache
Die Fahrt zum Flughafen ist lang und ich erzähle dem Taxifahrer von meinen Eindrücken. Ich war am Dienstag kurz nach den Angriffen in Downtown Washington. Polizeiabsperrungen und Sirenen überall, Kampfjets in der Luft, eine Rauchsäule am Ende der Mall, dem politischen Herzen der einzigen Supermacht der Welt.
Verunsicherung. Niemand wusste, ob weitere Anschläge drohten, vielleicht sogar mit biologischen oder chemischen Waffen, die Büros waren evakuiert, doch die Menschen konnten die Stadt nicht verlassen, weil die Bahnhöfe als moegliches Angriffsziel gesperrt wurden. Gerade waren vier zivile Flugzeuge zu furchtbaren Vernichtungsmaschinen gemacht worden, und hatten neben Tausenden Menschenleben auch den Glauben der Amerikaner an ihre Unverwundbarkeit in Flammen und Trümmern zertstört. Noch während draußen Hubschrauber die Senatoren aus dem Capitol ausflogen und auf den Bildschirmen in den Restaurants und Bars die World Trade Center einstürzten, forderten die Menschen Rache.
Trauma der Supermacht
Die USA sind die einzige Supermacht der Welt. Nicht bloss eine weltliche Macht, sondern eine Über-Macht. Vielleicht hat das zu diesem religiös wirkenden Selbstverständnis beigetragen. Ganz sicher hat dieses Wort Unverletzbarkeit impliziert. Und ganz sicher ist die plötzliche Erfahrung von Verletzbarkeit ein Trauma. So wie Pearl Habor ein Trauma war. Und Nordkorea. Und Vietnam. Und vielleicht löst dieses Trauma diese unreflektierte Aggression aus.
"Ihr würdet erwarten, dass wir helfen"
"Wir muessen uns wehren, das ist ein Angriff auf das amerikanische Volk und auf die amerikanische Freiheit", antwortet der Fahrer. Als Schwarzer wisse er, dass es auch andere Probleme hier gebe, aber jetzt müsse man zusammenhalten. "Dies ist ein Krieg." Aber wo ist die Frontlinie? "In Afghanistan." Was, wenn dort nun Tausende Zivilisten getötet werden? "Sie haben hier auch Tausende Unschuldige getötet." Und wenn das eine Eskalation bedeutet und hier weitere Anschläge drohen. "Dann muss die Sicherheit verbessert werden." Und wenn man bin Laden umbringt und dadurch einen Märtyrer schafft, der noch mehr Menschen in seinen Bann schlägt? "Aber wir müssen doch etwas tun, so etwas können wir uns doch nicht gefallen lassen." Aber ist der Preis nicht zu hoch? Meine mit Akzent gestellten Fragen machen ihn misstrauisch. "Sie sind nicht von hier. Woher kommen Sie?" Aus Deutschland. "Wenn das in Deutschland passieren würde, würdet ihr auch etwas dagegen unternehmen, oder? Und ihr würdet erwarten, dass wir euch dabei helfen!"
Egal ob in Taxis, Kneipen, in der Diskussion mit Freunden oder in den politischen Kommentaren: Zweifel an übereilten Reaktionen werden in diesen Tagen leicht als Verständnis für die Terroristen gedeutet. Zumindest als Zeichen mangelnder Solitarität mit den Amerikanern. Das erfahren nicht nur die, welche als Ausländer kritische Nachfragen stellen, sondern auch die Politiker Europas, von denen Amerika erwartet, dass sie nun ohne Vorbehalte an der Seite dieses Landes stehen. Auch wenn sie damit riskieren, dass die Situation ausufert und vielleicht bald Anschläge im eigenen Land drohen.
Hoffnung ist gefragter als Fahnen
Über die Medien verbreitet der Präsident Hoffnung auf einfache Lösungen, die zur Zeit noch gefragter sind als die Fahnen. "Wir werden die finden, die dafür verantwortlich sind. Wir werden sie ausräuchern in ihren Löchern, wir werden sie zu fassen kriegen und wir werden sie der Gerechtigkeit zuführen." Und als er die Helfer am World Trade Center besucht und vor den Kameras der Nachrichtensendungen auf dem ersten Schlachtfeld dieses "neuen Krieges" eine amerikanische Fahne schwenkt, da ruft er der Nation zu: "Die Leute, die für das hier verantwortlich sind, werden euch hören." Und die Menge antwortet mit einem Schlachtgesang: "USA, USA, USA".
Als wir am Flughafen ankommen: Endlose Warteschlangen vor den Schaltern. Einige Linien fliegen wieder, aber eher in losen Abständen als nach Flugplan. Andere fliegen gar nicht. Ich warte drei Stunden auf den Abflug. Der Mann hinter mir in der Abfluhalle sagt: "Dienstag hat dieses Land verändert." Ich frage: Inwiefern? Er überlegt lange. Dann sagt er, als sei er selbst überrascht, dass ihm nichts anderes einfällt: "Die Sicherheitsvorkehrungen wurden verbessert."
Sicherheit statt Freiheit?
Bush hat erklärt, dieser erste Krieg des 21. Jahrunderts werde von den Amerikanern Opfer verlangen. Am offensichtlichsten sind die finanziellen. Bisher hat der Senat 40 Milliarden Dollar für Hilfe, Wiederaufbau und Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit bewilligt. Aber der Versuch, die Sicherheit zu verbessern, wird auch auf Kosten der Freiheit gehen.
Bisher sind vor allem die Kontrollen von Passagieren verstärkt worden. An den Flughaefen gibt es intensive Taschenkontrollen. Meinen Einwegrasierer und die Nagelschere muss ich am Flughafen zurück lassen. Wie jeder Fluggast muss ich einem Sicherheitsmitarbeiter erklären, warum ich nach Kanada reisen will. Später an der Grenze nochmal die gleichen Fragen. Privatsphäre bleibt wie der Einwegrasierer zurück.
Ausnahmezustand im Kopf
Man hält es für wahrscheinlich, dass weitere Anschläge geplant sind. Ausnahmezustand auch in den Köpfen. Als ich eine Polizeisperre filme, kommt ein Officer auf mich zu und fordert die Herausgabe meines gesamten Filmmaterials. Er läßt sich nicht besänftigen. Erst als sein Vorgesetzter einwilligt, dass ich vor seinen Augen die betreffende Szene lösche, darf ich meine Kassette behalten.
Die Amerikaner sind bereit, diese Einschränkung ihrer Freiheit hinzunehmen. Viele glauben, nur so ihre Freiheit gegen die Angreifer schützen zu können. 40 Prozent sind nach einer Umfrage des Fernsehsenders CBC sogar dafür, Telefonate und Emails stärker zu überwachen. Auch ein Großteil der Medien erwecken den Eindruck, es sei nur eine Frage der Entschlossenheit, ob solch ein Krieg gegen einen unsichtbaren Feind gewonnen werden kann.
Ausnahmezustand als Ereignis
Und das hat auch die Kanadier erfasst, die sonst eher zurückhaltend sind. "Go get ‘em George", schlagzeilt es von einer Boulevardzeitung am Flughafen, so als handle es sich um ein Footballspiel. Nur im hinteren Teil liest man von den arabisch aussehenden Schülern, die in einer High School zusammengeschlagen worden sind. Und der kanadische Premier erklärt am Montag seinem Volk, dass er nicht garantieren könne, ob nicht weitere Kanadier in der Folge der Anschläge ihr Leben lassen werden.
Ausnahmezustand als Ereignis medialer Politik. Der amerikanische Präsident fährt mit seinem heroischen Kampfgetrommel einen gefährlichen Kurs. Am diesem Montag versuchte er, die Geister, die gerufen zu haben manche ihm vorwerfen, zu besänftigen, in dem er eine islamische Einrichtung besuchte und betonte, der Islam sei eine friedliche Religion. Niemand dürfe wegen seines Glaubens verurteilt werden. Aber schon am gleichen Tag griff er wieder in die Populismuskiste und tat so, als handle es sich bei bin Laden um ein Problem, dessen man mit den Cowboymentalitaet beikommen könne: "Im Westen gab es dieses Plakat: Wanted dead or alive".
Eine Woche ist seit den Angriffen vergangen. Es gibt einige wenige Anzeichen fuer eine differenziertere Betrachtung: In den Nachrichten kommen auch nachdenklichere Stimmen wieder zu Wort, die nach Gründen suchen und vor kontraproduktivem Aktionismus warnen. Doch die Frage ist, ob das Volk das nach einer Woche der lauten Kampfeshymnen noch hören will. "Dienstag hat das Land verändert," sind sich alle einig. Die Gefahr besteht, dass Jagdrethorik und Kampfgesänge nicht nur die Stille der Schweigeminuten uebertönen, sondern auch die Zwischentöne der Bedachten. Bisher war es Amerikas große Stärke, ein offenes und freies Land zu sein. Wenn sich auch das nach den Anschlägen ändern sollte, dann wäre das ein Erfolg des Terrors.
Zum Dossier über die Terroranschläge in den USA