Die Insel
Autor : e-politik.de Gastautor E-mail: redaktion@e-politik.de Artikel vom: 24.03.2003
Al-Dschasira, der Fernsehsender mit den westlichen Ansprüchen und dem arabischen Blickwinkel, hat die Weltöffentlichkeit verändert. Von Daniel Erk.
Wenn der Göttinger Politologe Bassam Tibi vom Ende des Kolonialismus berichtet, erzählt er gerne die Anekdote eines namenlosen Afrikaners, der bei der Einreise in sein Heimatland von kolonialen Grenzern nach Waffen durchsucht wird. Nachdem in seinem Gepäck nur Bücher zu finden sind wird ihm die Einreise gewährt. Doch die Bücher stellen sich als die gefährlicheren Waffen heraus, sind die in ihnen enthaltenen aufgeklärten, westlichen Gedanken doch die Saat für die Auflehnung der Völker Afrikas gegen die Kolonialherren. Tibis Fazit: Die westlichen Kolonialherren wurden mit ihren eigenen Waffen und Werten geschlagen.
Ganz ähnlich verhält es sich im Fall des arabischen Fernsehsenders Al-Dschasira.
Ein Schuhkarton macht Ärger
Als die BBC 1996 ihre Londoner Nahostredaktion einstellte, hatten die 25 Mitarbeiter des britischen Staatsfernsehens noch lange keine Lust aufzuhören. Mit finanzieller Hilfe des Emirs von Katar, Scheich Hamad bin Kalif Al-Thani, stellten sie ein eigenes Fernsehprogramm auf die Beine. Von der Halbinsel Katar aus wollten sie eine Insel in der von staatlich kontrollierten Medien und Propaganda dominierten arabischen Welt sein und nannten sich folgerichtig "Die Insel" - Al-Dschasira.
Scheich Al-Thani , der sein Land 1995 nach einem unblutigen Putsch gegen seinen Vater auf einen vorsichtigen Reformkurs brachte, war der Auffassung, dass zu einem reformierten arabischen Staat auch ein freier Fernsehsender gehöre. Er gab dem jungen Fernsehsender neben Finanzmitteln auch jegliche inhaltlichen Freiheiten indem er von Kontrolle und Zensur absah.
Welches sprichwörtliche Aufsehen, welchen Ärger und welche Bedeutung Al-Dschasira erlangen sollte, war nicht abzusehen. Aus einem kleinen schlichten Gebäude in Katar, das der ägyptische Ministerpräsident Mubarak mal als "Ärger erregenden Schuhkarton" bezeichnete, sendete der Kanal Nachrichten, zunächst 6 Stunden am Tag.
Live aus Bagdad und Kabul
Zwei Jahre später, 1998, strahlte Al-Dschasira das erste Mal 24 Stunden am Tag ein Programm aus. Der Anlass: Bagdad wurde von US-amerikanischen und britischen Kampffliegern bombardiert und Al-Dschasira sendete live vor Ort.
Aber nicht nur redaktionell profitierte der Sender von den interkulturellen Konflikten. Da kaum ein westlicher Fernsehsender ohne die Bilder Al-Dschasiras auskommt, zahlt Scheich Al-Thani mittlerweile keinen Cent mehr. Durch den Verkauf von Bildern aus Kriegsgebieten, etwa eben aus Bagdad oder Afghanistan, aber besonders durch die Videobotschaften Bin Ladens, finanziert sich das Programm.
Dies hat Al-Dschasira im Westen den Ruf als "Sprachrohr" des Terroristenführers eingebracht. Von der Wirklichkeit ist dies ebenso weit entfernt wie die Vorwürfe aus arabischen und moslemischen Reihen, Al-Dschasira sei von der CIA unterwandert. Die enorme Reichweite des Senders und seine Ausnahmestellung im arabischen Raum machen ihn so attraktiv für versuchte Einflussnahme von allen Seiten.
Das arabishe CNN?
Al-Dschasira hat sich bislang nicht in den Dienst einer politischen Strömung stellen lassen - und damit immer wieder Konflikte provoziert. Vor allem nahöstliche Machthaber reagieren brüsk und verhängen - wie etwa in Kuwait und Jordanien - Einreiseverbote gegen Journalisten des Senders oder fordern - wie die palästinensische Autonomiebehörde, Ägypten oder Saudi-Arabien - inhaltliche Beschränkungen für das "arabische CNN".
Der Vergleich mit dem amerikanischen Nachrichtensender stimmt allerdings nur begrenzt. Al-Dschasiras Stil ist weltweit einzigartig, kein anderer Sender gibt so vielen verschiedenen Meinungen und Ansichten Sendeplatz. Interviews mit Tony Blair erhalten ebenso Sendezeit wie Erklärungen von Saddam Hussein, Videos von Bin Laden oder Pressekonferenzen des Weißen Hauses. Da auch radikalere Meinungen nicht von vornherein ausgesondert werden, sind die Debatten des öfteren heftig. Schimpfende Anrufer, laut brüllende Diskussionsteilnehmer und abgebrochene Sendungen gehören zum Alltag.
Westlicher als der Westen
Al-Dschasira hat die Weltöffentlichkeit verändert. Die Offenheit des Programms garantiert eine Ausnahmestellung im arabischen Raum. Darüber hinaus tritt Al-Dschasira den Mächtigen in der arabischen wie in der westlichen Welt mit selbst in Demokratien ungesendeten Bilder aus Kriegsgebieten - etwa tote Zivilisten in Afghanistan - und Ansprachen von feindlichen Kräften auf die Zehen.
In Sachen Meinungsfreiheit und Offenheit können westliche Medien mittlerweile einiges von Al-Dschasira lernen. Niemand setzt diese Werte so konsequent um wie der Sender aus Katar. Al-Dschasira - auch global eine Insel in der Medienwelt.
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Weiterführende Links:
Informationen zum Emirat Katar
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