Dienstag, 11.11.2003 Werbung:
 
 


Afrika
Balkan
China / Russland
Europa
Internationales
Politik in Deutschland
Politik und Wirtschaft


Lehrredaktion
e-Demokratie
Medien
Extremismus im Netz


TV / Hörfunk-Tipps
Pop & Politik


Sport
Satire
Netz-Fundstücke



Außenpolitik der BRD
Europäische Union
Theorien
Organisationen


Antike
Neuzeit


Parteien
Institutionen


Aus den Hochschulen
Studienhilfen
Für Studenten







Über uns
Presse / Referenzen
Redaktion
Gästebuch
Impressum


Jobs@e-politik.de
Werbung
Partner





e-politik.de - Home  Brennpunkt  Politik in Deutschland   Politik in Deutschland - Archiv   Die Bundeswehr - Archiv


Kongresszentrum Leipzig

Leipzig: 38. Kommandeurtagung der Bundeswehr

Autor :  Thomas Bauer
E-mail: redaktion@e-politik.de
Artikel vom: 17.11.2000

Am 13. und 14. November fand zum zweiten Mal in Leipzig die Kommandeurtagung der Bundeswehr statt. Thomas Bauer berichtet.


Das Motto der Tagung „Bundeswehr XXI. - Wir gestalten die Zukunft" sollte durch die geschichtliche Bedeutung der Stadt (Völkerschlacht) betont werden. Es ging nicht um die Bewertung der aktuellen Lage der Streitkräfte, vielmehr sollte von der Veranstaltung die Initialzündung für eine grundlegende Strukturreform der Bundeswehr ausgehen. 650 Kommandeure und zahlreiche Vertreter aus der Politik, unter anderem Bundespräsident Johannes Rau und Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping, nahmen an der Tagung teil, die im Kongresszentrum der Neuen Messe Leipzig abgehalten wurde.

Grundsatzprogramm für die Erneuerung des „Gesamtsystems Bundeswehr"

Zu Beginn der Veranstaltung stellte der seit Juni diesen Jahres im Amt befindliche Generalinspekteur der Bundeswehr, Kujat, sein Grundsatzprogramm für die radikale Strukturreform der Bundeswehr der Zukunft vor. Dabei betonte er vor allem die Notwendigkeit für umgreifende Veränderungen in den Streitkräften von Grund auf. Basierend auf der neuen sicherheitspolitischen Lage in Europa und den „European Headline Goals" (EHG) der Helsinkikonferenz vom Dezember 1999, mit denen sich die EU für die eigenständige Durchführung von militärischen Einsätzen bis zum Jahre 2003 vorbereiten will, müsse ein neues Fähigkeitsprofil der Streitkräfte aufgebaut werden. Dieses Profil umfasst nach der Auffassung General Kujats sechs Abschnitte. Die Herstellung einer Informationsüberlegenheit, die Verbesserung der nationalen und internationalen Führungsfähigkeit, die Herstellung einer strategischen Transport- und Verlegefähigkeit für die Einsatzkräfte, eine Verbesserung der Wirksamkeit im Einsatz, Verbesserung der Durchhaltefähigkeit und der logistischen Unterstützung, und mehr Sicherheit und Überlebensfähigkeit im Einsatz. Die NATO bleibe dabei das Fundament einer gemeinsamen Verteidigung. Der Aufbau der „European Rapid Reaction Force" (ERRF) solle vielmehr die Amerikaner als Sicherheitsmacht des atlantischen und des pazifischen Raumes entlasten. Transatlantische Partnerschaft anstelle konkurrierender Instrumentarien der Verteidigungs- und Sicherheitspolitik soll das Zusammenspiel NATO-EU bestimmen. Ein auf neun Monate reduzierter Grundwehrdienst, und die Abschaffung der Truppenunterteilung in Krisenreaktionskräfte (KRK) und Hauptverteidigunskräfte (HVK) stellen weitere Aspekte der Reform dar. Eine gesteigerte Effizienz soll durch mehr Wirtschaftlichkeit und flachere Befehlstrukturen erreicht werden.

Bundeswehrverband zweifelt Finanzierbarkeit der Strukturreform der Bundeswehr an

Oberst Gertz, der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbandes, stimmte in einem Interview am Rande der Tagung den Vorstellungen General Kujats über die Bundeswehr der Zukunft grundsätzlich zu. Er bemängelte jedoch gleichzeitig den aus seiner Sicht unrealistischen Finanzierungsplan für das Vorhaben. In der Tat kommen einem bei näherer Betrachtung von Umfang und Kosten bei der Personalumstellung und den Rüstungsprojekten Zweifel, ob Verteidigungsminister Rudolf Scharping das Geld für die Reformen zur Verfügung steht. Alleine das deutsche Satellitenaufklärungsprogramm verschlingt bis zur Vollendung im Jahre 2005 etwa 650 Millionen Mark. Wichtige Vorhaben wie die Anschaffung des A-400M Transportflugzeuges sind noch nicht im Etat berücksichtigt worden. Gertz sieht daher die Gefahr einer Demotivation der Truppe, sollten sich die Versprechungen des Verteidigungsministers bezüglich einer Aufwertung der Bundeswehr als nicht finanzierbare Vision herausstellen. In seiner Rede am 2. Tag der Veranstaltung versuchte Scharping, die Zweifel an der Finanzierbarkeit zu beseitigen. Durch die Schließung doppelt vorhandener Einrichtungen und den Verkauf ungenutzter Immobilien sollen die Gelder erwirtschaftet werden, Beispiele hierfür nannte Scharping genügend, die Auswirkungen auf den Leistungstandard vor Ort behandelte er aber nicht. Neue Fähigkeiten der Streitkräfte müssen also auf weniger Raum entwickelt werden. Planung und Realität driften derweil bereits beim Bundesministerium der Verteidigung auseinander. Nach Schätzungen des Bundeswehrverbandes ist für dieses Jahr ein Finanzloch von rund einer Milliarde Mark im Verteidigungshaushalt zu beklagen. Entlastend dafür, aber an den Vorstellungen der Reformer vorbeilaufend, dürfte sich die sinkende Zahl von Berufs- und Zeitsoldaten in den nächsten Jahren auswirken. Das Ministerium ging in seiner Studie über die Neuausrichtung der Bundeswehr von 190.000 Mann für das Jahr 2001 aus, was einen Anstieg von rund 4.000 Mann im Vergleich zu diesem Jahr bedeuten würde. In der Realität werden im nächsten Jahr jedoch höchstens 183.000 Berufs- und Zeitsoldaten in der Truppe dienen.

Reaktion der Kommandeure lässt Unsicherheit in der Truppe spüren

Beifall und Applaus erntete der Generalinspekteur für seine Rede nicht. Dies lag jedoch weniger an der mangelnden Zustimmung der Kommandeure für das Vorhaben, sondern an der Abschaffung von Beifallsbekundungen in der Zeit, als Naumann Generalinspekteur der Bundeswehr war. Er begründete damals diese Entscheidung damit, dass die Option von Beifall gleichzeitig die Option negativer Meinungsäußerung offen lassen würde. Kujat wäre am Montag nach seiner Rede sicherlich nicht ausgebuht worden, hätten die Kommandeure die Wahl einer Meinungsäußerung gehabt. Das eisige Schweigen nach Beendigung seines Vortrages drückte vielmehr die Unsicherheit der militärischen Führungskräfte gegenüber dem Großvorhaben „Erneuerung Gesamtsystem Streitkräfte" aus. Kujat muss dies wohl bewusst gewesen sein, da er davor warnte, die möglichen Risiken über die einmalige Chance einer Neugestaltung zu stellen. „Lieb Gewonnenes über Bord werfen" gehöre nun mal zu einer Reform.

Steigender Einfluss des Generalinspekteurs auf Verteidigungspolitik

General Kujat kann sicherlich nicht als typischer Generalinspekteur in einer Reihe mit seinen Vorgängern genannt werden. Als ehemaliger Strategiereferent im Bundeskabinett Helmut Schmidts hat er genügend Erfahrung im Umgang mit den ansonsten bei der Truppe eher verschmähten Politikern. Seine Position als Vorsitzender im neu geschaffenen Rüstungsrat, der Rüstungsentscheidungen der Leitung vorbereiten soll, und der Vorsitz im ebenfalls neuen Einsatzrat im Verteidigungsministerium, der bei Einsatz und Führung von Kräften der Bundeswehr unterstützend und beratend der Politik zur Seite steht, verdeutlichen die neue Rolle des Generalinspekteurs. Kujat weiß sich in Szene zu setzen und seine Position auszunutzen. In einer Pressekonferenz kündigte er, und nicht sein Dienstherr Rudolf Scharping, die Beschaffung von deutschen Aufklärungssatelliten an. Will der Verteidigungsminister den Rüstungsrat als feste Instanz etablieren, so muss er auch auf Kujats Wünsche bei der Beschaffung von Ausrüstung und Waffen eingehen. Ein „Schieben-Strecken-Streichen" werde es unter ihm nicht mehr geben, so der Generalinspekteur. Er bevorzuge die Priorisierung wichtiger Projekte. Diese seien unter anderem das Transportflugzeug A-400 M, der Eurofighter 2000, und die Einführung unterschiedlicher Einsatzmuster im Rahmen des europäischen Hubschrauberprogramms NH-90.

Presseprogramm in Weißenfels - Kontingentausbildung am Sanitätsausbildungszentrum

Für die Medienvertreter wurde im 30 Kilometer südlich von Leipzig gelegenen Weißenfels eine Vorführung im Rahmen der Kontingentausbildung von Sanitätskräften für den Balkan organisiert. Das in der Sachsen-Anhalt-Kaserne befindliche Gelände dient zur Vorbereitung der Soldaten auf kritische Situationen, wie zum Beispiel einen Verkehrsunfall oder eine Auseinandersetzung mit Einheimischen vor Ort. Das Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Menschen, aber auch infanteristische Grundlagen, wie etwa das Verhalten von Sanitätskräften bei einem Feuerüberfall, sollen aufgefrischt und verbessert werden. Die Vorführung ließ bei aller Professionalität jedoch auch die Problematik erkennen, die Scharping und Kujat auf dem Weg zur Bundeswehr der Zukunft noch bewältigen müssen. Bereits heute sind kaum genügend Ausbildungsstätten und Ausrüstung in Deutschland vorhanden, um alle Truppenteile auf ihre Aufgaben vorbereiten zu können. Ein einziges „Trans-Hospital-Containersystem" für allgemeinchirurgische und internistische Eingriffe steht dem Ausbildungszentrum zur Verfügung. In ganz Deutschland finden sich nur noch wenige dieser Systeme, da sich der Rest auf dem Balkan im Einsatz befindet, inklusive Ersatzteilen und technischem Personal. Die Soldaten in Weißenfels trugen noch die alte ABC-Schutztasche, und anstelle der auf dem Balkan eingesetzten kugelsicheren Weste übt man in Deutschland mit den Splitterschutzwesten der Bundeswehr. Diese ist jedoch um einiges leichter und weniger bewegungshemmend für den Soldaten als die Kugelschutzwesten auf dem Balkan, welche die deutschen Streitkräfte von den Briten auf Grund fehlender eigener Modelle kaufen mussten. Somit ist eine realitätsnahe Ausbildung nur zum Teil möglich. Verbesserung versprechen sich die Verantwortlichen von einer Zentralisierung von Spezialaufgaben an einem Standort, wie dies auch General Kujat in seiner Rede formuliert hatte. Das wiederum würde die Schließung von überschüssigen Standorte in der gesamten Bundesrepublik bedeuten, ein unheilvolles Thema in jeder regionalpolitischen Diskussion.

Standort Bundeswehr - Ein weiter Weg in die Zukunft?

Das Strukturreformmodell der Bundeswehr aus dem Verteidigungsministerium hat den Weg vorgegeben, die Kommandeurtagung sollte nun die Kräfte für diese Aufgabe bündeln. Dies dürfte zum größten Teil gelungen sein. Durch seine Rede hat General Kujat die Mannschaft auf das Ziel „Bundeswehr im 21. Jahrhundert" eingeschworen. So wie die von ihm als „combined operation" bezeichnete Völkerschlacht vor 177 Jahren europäisch richtungsweisend war, soll auch diese Tagung das Bild der Streitkräfte in Europa verändern. Der Geist von Leipzig alleine wird jedoch nicht ausreichen, um die visionären Pläne in die Realität umsetzen zu können. Vielmehr muss die Politik beweisen, wie ernst es ihr mit der Aufwertung und Neuausrichtung der Streitkräfte ist. Zwei Konstante sind Kujat vorgegeben. Zum einen die Aufgaben der Bundeswehr, zum anderen der Verteidigungsetat. Es gilt nun die Variable „Fähigkeiten" auf das bestmögliche Niveau zu heben, um die Bundeswehr in eine zukunftsträchtige Organisation mit globalem Fähigkeitsprofil verwandeln zu können. Leben von der reinen Substanz, so der General, dürfe es nicht mehr geben. Dieser Standpunkt dürfte auch in Berlin angekommen sein.

Foto: Copyright liegt bei www.bundeswehr.de


   

Weiterführende Links:
   Bundeswehr im Netz



Leserkommentar
Momentan kein Leserkommentar
eigenen Kommentar abgeben ]


Artikel drucken

Artikel für Palm

Artikel mailen

Suche: (Hilfe)

 

Netzreportagen
Deutschland
Europa
USA
Andere Länder
Organisationen
Medien
Gesellschaft
Studium
LINKS der WOCHE



Ochsentour

Kohl-Tagebücher

Politischer Film
The Long Walk Home
rezensiert von Maria Pinzger

Politisches Buch
Sidney Blumenthal: The Clinton Wars
rezensiert von Michael Kolkmann

Kabarett
Gerhard Polt - Das Dossier
von C. von Wagner

Für Studenten



Name ist freiwillig !


 

© 2003 - Konzept, Gestaltung und Redaktion: e-politik.de - Der Seiteninhalt ist ausschließlich zur persönlichen Information bestimmt. Weitergabe an Dritte nur nach schriftlicher Genehmigung.