"Und noch heute wissen wir darauf keine Antwort. Geschah es aus wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen Gründen oder war es einfach nur eine Frage der menschlichen Natur?"
Der US-Regisseur Bryan Singer gibt uns diese auf den Holocaust bezogene Frage auf den Weg - durch seinen Film "Der Musterschüler". Der Film, der vergangenes Jahr in den amerikanischen Kinos lief, ist ein Thriller, der so manchen Schrecken erzeugt. Was nicht verwundert, schließlich stammt die Vorlage aus der Feder von Stephen King, dem Altmeister des Grauens. Singers Regiestück reiht sich somit in die vielen erfolgreichen Verfilmungen des Grusel-Virtuosen nahtlos ein. Brisant an diesem Film erscheint der thematische Bezug auf die Greueltaten des NS-Regimes, die in der amerikanischen Unterhaltungsbranche allerdings immer dann gern herangezogen werden, wenn sich menschliche Abgründe auftun.
Der Schrecken wohnt nebenan
Der Teenager Todd Bowden (Brad Renfro), ein überdurchschnittlich begabter Schüler, erlebt einen Einbruch in seine gelebte amerikanische Kleinstadtidylle, als er, motiviert durch einen Kurs an der High School über das Dritte Reich und seine Auswirkungen in dessen Bann gezogen wird. Auf eigene Faust unternimmt er Recherchen zu diesem Thema und deckt dabei anhand von Fotografien die wahre Identität eines in der Nachbarschaft lebenden alten Mannes auf:
Der vor Jahren aus Deutschland eingewanderte Arthur Denker (Ian McKellen) ist in Wirklichkeit Kurt Dussander, ein flüchtiger Kriegsverbrecher, der als "Bluthund von Palinka" für die Ermordung von mehr als 90.000 KZ-Häftlingen verantwortlich gewesen sein soll. Dieses Wissen spielt Todd als Trumpf gegen Dussander, einen verwahrlosten Alkoholiker, aus und schließt damit einen gefährlichen Pakt mit dem Bösen: Für sein Schweigen, das Dussander vor der Auslieferung nach Israel retten kann, verlangt der Junge detaillierte Informationen über die grausamen Geschehnisse im Konzentationslager.
Nachhilfestunden im Bösen
Für den "Musterschüler" Todd beginnen nun "Nachhilfestunden" der makabren Art, die beide Protagonisten mehr als nur um den Schlaf bringen. Ein Machtkampf entbrennt, der zwar zuerst zugunsten Todds darin kulminiert, dass Dussander, dessen Gewalt einst Tausende von Menschen ausgeliefert waren, in einer SS-Uniform wie eine willenlose Marionette auf Kommando des Jungen marschiert.
Doch als Dussander wie im Wahn einen ihm lästigen Obdachlosen umbringen will, dabei jedoch eine Herzattacke erleidet, gebietet es der geschlossene Pakt, dass Todd als Erfüllungsgehilfe den Mord vollendet ...
Trotz großartiger Schauspielleistungen doch nur ein plakativer Thriller
Singer, der dem Publikum noch durch sein Werk "Die üblichen Verdächtigen" (1997) bekannt sein dürfte, setzt die Romanvorlage gekonnt in Szene, wobei vor allem Ian McKellen als gealterter, aber keineswegs geläuterter NS-Kriegsverbrecher eine eindrucksvolle Darstellung bietet.
Doch McKellens schauspielerische Leistung wiegt die teilweise sehr flachen Charakterstudien der Figuren nicht auf. So erscheint die Holocaust-Thematik als ziemlich willkürlich ausgewählt, um das Geschehen effektvoll zu dämonisieren. Ein Indiz dafür, dass der Film rein als spannungsgeladener Thriller angelegt ist und damit trotz des politisch eingefärbten Rahmens nicht wirklich als politisch ambitionierter Film durchgehen kann.
Deshalb wäre es vermessen, eine differenziertere Auseinandersetzung mit dem Holocaust zu erwarten oder gar einzufordern. Die NS-Vergangenheit Dussanders dient schlicht und einfach als Zugnummer für die allgemeine Kernaussage des Horrorgenres: Das Böse ist immer und überall.
"Der Musterschüler" (USA 1998; Originaltitel: Apt Pupil)
seit 02.06.2000 als Kaufvideo bei Columbia Tristar Home Video erhältlich
Regie: Bryan Singer
Produktion: Jane Hamsher, Don Murphy, Bryan Singer
Drehbuch: Brandon Boyce; nach der gleichnamigen Novelle von Stephen King
Kamera: Thomas Newton Sigel
Mit:
Ian McKellen (Kurt Dussander)
Brad Renfro (Todd Bowden)
David Schwimmer (Edward French)
Joshua Jackson (Joey)
Ann Dowd (Monica Bowden)
Bruce Davison (Richard Bowden)
James Karen (Victor Bowden)
Joe Morton (Dan Richler)
Länge: ca. 107 min.
Foto: Copyright liegt bei Columbia Tristar Home Video