Die Briten sind sauer auf Roland Emmerich und das mit gutem Grund. Sein Kriegsepos "Der Patriot", das mit viel Aufwand den Kampf des Familienvaters Benjamin Martin gegen die Truppen der "Rotröcke" des Königs George III. inszeniert, wecken im englischen Publikum und besonders in den Kritikern der Insel äußerst feindselige Gefühle. Der Erfolgsregisseur aus Sindelfingen hat sich mit der Geschichte von Benjamin Martin so ziemlich in alle Fettnäpfchen gesetzt, die man nur finden konnte. "Der Film porträtiert die Briten als Nazis, Verursacher von Greueltaten, Kindermörder, Snobs, moralische Feiglinge und, in ihrer freien Zeit, als affektierte Weichlinge und eitle Dandies." (Peter Hitchens, Daily Express)
Klar, dass einer solch überzogenen Darstellung eines Kapitels des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges, wie sie in "Der Patriot" stattfindet, Empörung und teilweise sogar purer Hass entgegenschlägt.
Der brave Familienvater und sein gerechter Zorn
Der brave Familienvater Benjamin Martin (Mel Gibson) ist nach einigen dunklen Ereignissen in seiner Vergangenheit (man spricht immer noch ehrfurchtsvoll von der "Schlacht bei Fort Wilderness", an der er teilnahm) des Kämpfens müde. Nur noch um seine Familie besorgt, weigert er sich, an der Seite der Konförderierten gegen König George in den Krieg zu ziehen. Sein Sohn Gabriel (Heath Ledger, im TV als "Connor der Kelte" ebenfalls nicht besonders britenfreundlich) sieht das anders: Er hält die Einstellung seines Vaters für feige und meldet sich freiwillig für die Truppen. Einen Sinneswandel ermöglicht Benjamin Martin erst der sinistre General Tavington (Jason Isaacs), der Gabriel als Spion hängen lassen will und nach dessen Flucht aus Rache Martins Sohn Thomas (Gregory Smith) erschießen lässt.
Da sind sie ja nun endlich – die Hassfiguren, die in amerikanischen Filmen nun mal da sein müssen. Und mangels deutscher Bösewichter (Emmerich ist schließlich selbst teutonischer Abstammung, auch wenn er wie sein Kollege Wolfgang Petersen amerikanischer als jeder Südstaatler zu sein scheint) müssen nun mal die Briten als diabolische Sadisten vom Dienst herhalten. Martin schart eine Bürgermiliz um sich und heizt den fiesen Perückenträgern aus dem Schutz der Sümpfe South Carolinas so richtig ein – wie es sich für einen guten Yankee eben gehört!
Mel Gibson als Vergewaltiger
Spätestens, als Gibson sich dann mit dem Sternenbanner in der Hand gegen die feindlichen Truppen stemmt und sozusagen den Unabhängigkeitskrieg im Alleingang für die "guten" Südstaatler entscheidet, kräuseln sich jedem europäischen Zuschauer mehr als besorgt die Nackenhaare.
Der dickste Hund an "Der Patriot" ist jedoch tief unter zahlreichen Schichten Pathos und unzähligen Drehbuchseiten verborgen: Für die Figur des Benjamin Martin, von dem Emmerich und Gibson nicht müde werden, ihn als fiktiv zu verkaufen, gibt es ein reales Vorbild. Francis Marion, Südstaatengeneral und Guerilla-Kämpfer (Spitzname "Swamp Fox") kämpfte aus dem Hinterhalt gegen die britischen Truppen. Ebenso war Marion dafür bekannt, seine Sklaven zu vergewaltigen und es als einen großen Spaß zu betrachten, Jagd auf Indianer zu machen. Wie gesagt, die "Schlacht bei Fort Wilderness" bleibt ein dunkles Kapitel in "Der Patriot", deren Einzelheiten nie ganz offengelegt werden. Der von Mel Gibson so strahlend verkörperte Held und Familienvater bekommt vor der Folie seines realen Vorbildes jedoch so einige böse Flecken, die Emmerich bestimmt nicht für ihn im Sinn hatte.
Rassistisches Schwarzenbild und Hurrapatriotismus
Fast müßig zu erwähnen, dass Francis Marion auch heute noch in den Südstaaten der USA als großer Volksheld gefeiert wird und seine Taten als gerechtfertigt für den Freiheitskampf der großen Nation USA angesehen werden. Da sind die Proteste zahlreicher black communities in den Vereinigten Staaten gegen das undifferenzierte Bild des damaligen Sklavenhandels, das dieser Film vermittelt, schon beinahe Peanuts.
Allen voran beklagte sich der farbige Regisseur Spike Lee, dessen Unmut durchaus berechtigt ist: Filmfiguren wie der farbige ehemalige Sklave, der nach seiner Zeit in der Armee nun als "gleichberechtigter Amerikaner" freiwillig weiter kämpfen will, offenbaren nun mal einen (sicherlich unbeabsichtigten) Zynismus, der seinesgleichen sucht.
"Der Patriot" von Roland Emmerich – ein Film, der sich in seiner Machart nicht nur qualitativ um den Platz des schlechtesten Films des Jahres bewirbt, sondern in seiner (versteckten) Ideologie beinahe gefährlich anmutet. Bitte nicht mehr davon! – doch diese Hoffnung bleibt wohl leider vergebens.
"Der Patriot" (USA 2000)
seit dem 3. August 2000 in den deutschen Kinos
Regie: Roland Emmerich
Buch: Robert Rodat
Produzenten: Roland Emmerich, Ute Emmerich, William Fay
Kamera: Caleb Deschanel
Mit:
Mel Gibson (Benjamin Martin)
Heath Ledger (Gabriel Martin)
Gregory Smith (Thomas Martin)
Jason Isaacs (Colonel Tavington)
Tom Wilkinson (General Cornwallis)
Joely Richardson (Charlotte Selton)
Länge: 152 Minuten
Foto: Copyright liegt bei Columbia Tri Star Film GmbH