Ochsentour, die 8.: Kein Hitzefrei für die Kandidaten (29. April 2002)
Autor : Sead Husic E-mail: redaktion@e-politik.de Artikel vom: 29.04.2002
Die Sozialdemokraten setzen alles auf den Kanzler und Stoiber alles auf seine Union. Von Sead Husic.
Berlin, im April 2002. Der Generalsekretär der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) Franz Müntefering glaubt, er hat es geschafft. Er glaubt, Stoiber ist ihm in die Falle gegangen, weil dieser zustimmte, sich im Fernsehen mit Gerhard Schröder zu messen. Aber Müntefering irrt sich.
Denn es sieht gut aus für die Christlich Demokratische Union (CDU) und ihre bayerische Schwesterpartei, die Christlich Soziale Union (CSU). Die Umfragewerte sagen einen Sieg der beiden konservativen Parteien voraus. Vierzig Prozent plus X ist das erklärte Ziel der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel und des Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber. Nun, knapp fünf Monate vor der Bundestagswahl und nur wenige Tage nach dem grandiosen Sieg in Sachsen-Anhalt, scheint die Zukunft gerade ihnen beiden zu gehören, ihnen, dem lange unterschätzten Mädel aus dem Osten und dem gewandelten preußischen Bayern, der seit kurzem am liebsten Kreide isst. Ein ungleiches Paar auf Erfolgskurs.
Doch der milde politische Frühling für die CDU/CSU wird bald vorbei sein. Es steht ein heißer Sommer bevor. Für Edmund Stoiber, den Spitzenkandidaten, könnte er zu heiß werden, sagen die Sozialdemokraten.
Vor allem an zwei Tagen wird Stoiber ins Schwitzen geraten. Einmal am 25. August und das zweite Mal am 8. September. Dann steht der bayerische Ministerpräsident dem Bundeskanzler gegenüber und muss beweisen, ob er den Zuschauern sein Wissen vermitteln kann. Schnell, verständlich, symphatisch. Nur das entscheidet. Der Sozialdemokratische Kanzler Gerhard Schröder macht vor, wie man Dank des Umgangs mit den Medien beliebt bleibt, trotz Erfolglosigkeit. Ruhig reden, nichts sagen "und übrijens" immer lächeln.
Aber in den Unionsreihen hat sich die Strategie geändert. Im direkten Vergleich mit Schröder verliert der Edmund, das weiß Medienberater Michael Spreng. Er wird aus seinem bayerischen Schützling keinen allseits beliebten Bundes-Stoiber machen, aber gewinnen kann er trotzdem, weil auch Helmut Kohl schon gewann, und das trotz permanenter Unbeliebtheit. "Umfragewerte bedeuten nichts", sagte Angela Merkel in der Sendung "halb Zwölf". Wer "ehrlich, kantig, erfolgreich" ist, muss nicht auch noch beliebt sein. Stoiber setzt also ganz auf die Union, in der Hoffnung, dass die ihn zum Sieg tragen wird.
Derweil setzt die SPD alles auf eine Karte, die des Kanzlers. Der zehrt von seinen Beliebtheitswerten und wettet intern, dass er durch seine Ochsentour in über vierzig Städten und dem Fernsehduell den Karren aus dem Dreißig-Prozent-Dreck zieht und seine SPD bald wieder auf Erfolgskurs bringt. Während Stoiber also Verantwortung abgenommen und der Partei übergeben wird, verlassen sich die Sozialdemokraten ganz auf ihren Regierungschef. Der Sommer wird nicht nur für Edmund Stoiber lang und heiß, und es gibt kein Hitzefrei.
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Leserkommentar
von
Thomas Bauer
am 30.04.2002
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Müntefering als Wegweiser
Ich habe es mir ja mittlerweile zur Aufgabe gemacht, diese Ochsentour mit Kommentaren zu begleiten. Hut ab zu diesem Artikel, der endlich ohne platte Attitüden oder alte Rhetorikfehler Stoibers auskommt. Die Union im Stimmungshoch, aber der Wahlkampf ist noch lang. Entscheidend für die SPD dürfte dabei aber das Durchhaltevermögen des eigenen Generalsekretärs werden. Seit Müntefering das Ruder in der Hand hat, konnten parteiinterne Querelen oder auch Seitenhiebe gegen den eigenen Kanzler vermieden werden. Doch mit Sachsen-Anhalt und den Ungereimtheiten in Bezug auf ein rot-rotes Bündnis auf Bundesebene, und seit dem SPD-Desaster in Köln ist er nicht mehr unangefochten. Wer sich da die Hände reibt ist schnell zu erkennen. Werner Schreiner, Münteferings Vorgänger als General, dürfte sich nun samt seinen eher links außen stehenden SPD-Genossen über diesen Einbruch freuen. Weder Schröder noch Müntefering noch Clement sind große Freunde von Schreiner gewesen, doch hinter dem stehen alle alten SPDler der Nicht-Mitte-Fraktion. Es dürfte interessant werden wie sich die SPD verhält, sollte mit dem General die parteiintern verordnete Ruhe Abschied nehmen. Damit könnte aus dem Stimmungshoch der Union schnell ein uneinholbarer Vorsprung bis zur Wahl im September werden. Denn mit Müntefering müsste dann auch der Wahlkampf-General von 1998 gehen. Und Schröder ohne Müntefering ist noch weniger wert als er es jetzt schon ist.
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