"Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten." Dieter Nuhr weiß, wovon er spricht. Lange Zeit in Kabarettkreisen bekannt und geschätzt, ist er jetzt - dem TV sei's gedankt - auch größeren Bevölkerungsschichten ein Begriff. Und doch hat seine Karriere nichts von der eines Komikers wie etwa Kaya Yanar, der vor seiner Entdeckung fürs Fernsehen nur zwölf Minuten Programm vorweisen musste. Nuhr hat die klassische Schule durchlaufen: Geboren worden, aufs Gymnasium gedurft und Lehramt (Geschichte, Kunst) studiert. Kabarett war die unausweichliche Konsequenz. Schon an der Schule machte Nuhr unter Anleitung eines Kabarettisten vom Düsseldorfer Kommödchen erste Bühnenschritte. Danach Ensembletätigkeit und Duoprogramme, bevor er sich 1993 durch sein erstes zweistündiges Soloprogramm nörgelte.
Auch auf seiner neuen CD spürt man, dass Nuhr aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr herauskommt. Wie ein Kind steht der inzwischen Vierzigjährige vor einer Welt, die er längst nicht mehr begreift. Seine Erklärungen sind dennoch alles andere als kindisch und der Drei-Tage-Bart straft sein unschuldiges Staunen Lügen. Der Mann ist hinterhältig intelligent. Sorgfältig versteckt er seine Seitenhiebe in netter, unaufgeregter Vortragsweise. Mit entwaffnender Souveränität gibt er den gereizten Nörgler, der trotz seines diffusen Grolls immer charmant zu bleiben weiß.
Drei heilige Könige verprügelt
1960 in Wesel am Niederrhein geboren, gehört Nuhr zur "vergessenen Generation". Unbeachtet geblieben zwischen Spaßkultur und 68-er Phantasien. Freie Liebe, jeder mit jedem? Nichts für ihn: "Da war ja Ekel gar kein Argument!" So hatte er schon damals seinen eigenen Kopf und auch heute sollte man besser nicht an
seine Tür klopfen. Neulich hätte ein kleiner Weiser aus dem Morgenland sternsingend seine Haustür mit Kreide beschriften wollen, berichtet Nuhr: "Das war Vandalismus, dem hab ich erst mal auf die Glocke gehauen." Zeugen Jehovas werden subtiler erniedrigt. Nuhr beendet Gespräche mit den Klingelpriestern grundsätzlich mit einem herzlichen: "Ich glaube, dass der menschliche Leib für die Ekstase gemacht ist."
Sein Interesse an Themen wie Kirche, Gott, Moral und Tod ist groß. Doch statt seine Gedanken in geistig theologische Höhen entfleuchen zu lassen, zwingt er sie immer wieder zurück auf den Boden der Tatsachen. So landet ein mächtiger Urknall schon mal in den Tiefen des Abflusses seiner Dusche. Auch Philosophie lässt sich so im Handumdrehen auf heutige Maßstäbe reduzieren. Wie etwa die Frage nach dem Sein: "Heute ist das Sein ein wundervoller Duft von Calvin Klein. Just be. Sein ist Rumhängen. Fertig. Früher dachten wir ja auch: Ich denke also bin ich. Heute wissen wir: Komm, geht auch so." Gedanken zum Anfassen, Existenzfragen werden mit Alltagsrhetorik formuliert und entlarven gerade diejenigen, denen diese Fragen nutzlos erscheinen: "Seit ich mir das Nachdenken abgewöhnt habe, geht's mir super", flunkert Nuhr. Ob da immer die Richtigen lachen?
Internet, oder was?
Wie schon der Vorgänger ist www.nuhr.de moderiert. Damit jeder den Gedankensprüngen des ausgewachsenen Kabarettisten folgen kann, hat Dieter Nuhr die einzelnen Ausschnitte durch Studio-Moderationen verbunden. Das dient der Verständlichkeit, nimmt aber gleichzeitig etwas von der Atmosphäre eines durchgängigen Nuhrauftritts. Nur - welche CD täte dies nicht? Zum Trost kann man sich an den zusätzlichen CD-ROM Tracks erfreuen. Vier kleine Filme zeigen den Kabarettisten live bei der Arbeit und sein entlarvendes Statement gegen rechte Spinner ist allemal "sehenswert." Dass www.nuhr.de - trotz der Tatsache, dass zu Nuhr nach vorn bereits eine gleichnamige CD erschienen ist - ein gänzlich neues Produkt ist, verdankt der Zuhörer Nuhrs stetiger Programm-Aktualisierung. Auch bei erkennbarer Themenverwandtschaft findet er immer wieder überraschend neue Drehs und muss sich nur selten bereits vertrauter Pointen bedienen ("bolivianische Arbeiterlieder").
Fazit: www.nuhr.de ist gut. Eingängig, intelligent, unterhaltsam und vom Stil präziser und anspruchsvoller als die Absonderungen manch anderer "lustiger" Kollegen. Nuhr hat seinen eigenen Stil konsequent weiterentwickelt. Dabei hat er - zumindest auf dieser CD - die aggressive satirische Note ein wenig abgemildert. Mutete er seiner Zuhörerschaft auf Nuhr am Nörgeln während einer Nummer über Rechtsradikalismus noch minutenlanges Schweigen zu, sitzen die Pointen heute dichter. Dennoch: Erfrischend schlagfertig wühlt er sich auch auf seiner neuesten Scheibe durch die Berge an weltlicher Dreckwäsche. Alltagsphilosophie ganz ohne Weichspüler. Nuhr verlinkt sich kreuz und quer durch Themen weitab von Cyberspace und Einwahlknoten, zeichnet mit erstaunlicher Beobachtungsgabe ein kleines schreckliches Gesellschaftsbild und bleibt gleichzeitig schreiend komisch. Er nutzt die Oberflächlichkeit zur Erweiterung der Tiefenschärfe und verwandelt Lachen in ein Schuldbekenntnis. Auf ganz eigene Art übertragt Dieter Nuhr dabei Satire über gesellschaftliche Zustände in eine Zeit, die damit eigentlich nicht mehr "belästigt" werden will. Sprich: Er hat noch was zu sagen. Für alle anderen, sei es noch mal wiederholt: "Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten."
Dieter Nuhr: "www.nuhr.de"
CD-Regie: Alexia Agathos
Aufgenommen im Halb Neun Theater in Darmstadt
Freizeit (Universal Vertrieb), Wort Art Verlag
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