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e-politik.de - Home  Brennpunkt  Internationales   Brennpunkt Balkan   Balkan - Bilanz und Perspektiven


Deutsche Soldaten schützen serbisches Flüchtlingsauto

Der Balkan - ein Jahr nach dem Kosovo-Krieg

Autor :  Roman Maruhn
E-mail: rmaruhn@e-politik.de
Artikel vom: 20.05.2000

Heute stehen deutsche KFOR-Soldaten im Kosovo. Vor einem Jahr bombardierten deutsche Kampfjets serbische Ziele. Roman Maruhn zum Auftakt des e-politik.de-Brennpunktes "Balkan".


Vor einem Jahr in Italien: Die Flughäfen an der Ostküste waren geschlossen. Zwischen Feriensiedlungen an den apulischen Stränden wurden Luftabwehrraketen aufgestellt. Eine internationale Luftstreitmacht griff jeden Abend zur Tagesschau-Zeit die Bundesrepublik Jugoslawien an. Bei den über zweieinhalb Monate dauernden Angriffen starb kein einziger Soldat auf Seite des Angreifers.

Für eine abschließende Beurteilung der Folgen der Bombardierung der Bundesrepublik Jugoslawien durch die NATO ist es zu früh. Wahrscheinlich werden sich die Konsequenzen erst in vielen Jahren erkennen lassen. Auf alle Fälle wurde gerade von Seiten der NATO-Staaten betont, dass mit den Luftangriffen die Anerkennung universaler Werte durchgesetzt werden sollte.

Kosovo als militärisches Übungsgebiet

Was ist nun vor einem Jahr passiert? Wollte die westliche Gemeinschaft hier vielleicht das Desaster von Srebrenica wieder gut machen oder tatsächlich den unterdrückten Kosovo-Albanern aus 5.000 Metern Höhe zur Hilfe kommen?

Betrachtet man andere militärische Optionen, so liegt der Schluss nahe, dass die ausschließliche Kriegsführung aus der Luft zwar ein halbherziges Mittel war, aber sowohl für die NATO-Soldaten wie auch für die Kosovo-Albaner mit den geringsten Verlusten verbunden war. Der Einsatz von Bodentruppen hätte sich gerade bei nicht mit militärischen Konflikten vertrauten Mitgliedsstaaten - wie zum Beispiel Deutschland - nicht durchhalten lassen. Tote Soldaten hätte die deutsche Öffentlichkeit für die Befreiung eines Volkes auf dem Balkan aus der Unterdrückung nur schwer hingenommen. Ebenso wären die Kosovaren nach den Erfahrungen der gezielten Vertreibung von der jugoslawischen Armee vermutlich als Puffer gegen NATO-Truppen eingesetzt worden – ein unvorstellbares Szenario.

Politik und Krieg

Betrachtet man den Krieg aus politischer Sicht, dann drängen sich unangenehme Interpretationen auf: Hat sich die NATO als Defensivbündnis und institutioneller Rahmen für einen US-Polizeieinsatz missbrauchen lassen? Wahrscheinlich nicht, denn der Balkan ist Europa. Er ist im Falle von nicht durch die betreffenden souveränen Staaten angemessen zu lösenden Konflikten eindeutig Aufgabengebiet seiner Nachbarstaaten und damit auch der EU als größtem Akteur in unmittelbarer Umgebung. Glaubt man an das Gute, so half Amerika – sich seiner europäischen Wurzeln erinnernd – dem alten Kontinent in einer Phase des Wandels, in einer Phase der nationalen Schwäche und der noch nicht erreichten supranationalen Stärke.

Böse Buben und der Automatismus

Bevor militärische Maßnahmen ergriffen werden, also Krieg geführt wird, muss die Lage sorgfältig geprüft werden. Schließlich beinhaltet der Einsatz von Waffen logischerweise auch die Vernichtung gegnerischer Waffen und damit – im günstigsten Fall – nur der Menschen, die sie bedienen. Falls also Gewalteinsatz als legales Mittel betrachtet wird, ist dies eine Entscheidung, die einerseits fern von allen Emotionen und rational getroffen werden muss, die andererseits trotzdem auch eine emotionale und irrationale Komponente in ihre Betrachtungen mit einschließen muss.

Milosevic hat von Norden nach Süden Ex-Jugoslawien mit Krieg und Zerstörung übersät. Er und "sein" Serbien waren immer dabei, waren auch immer der Aggressor. Milosevic erhält seine Macht, indem er sein Volk ständig in einem extremen Zustand der materiellen und physischen Existenzbedrohung hält. Es ist doch ganz klar, wenn es auf dem Balkan wieder brennt und Serbien beteiligt ist, wer dann dafür verantwortlich ist. Dieses Argumentationsmuster ist nicht nur gefährlich, sondern wahrscheinlich auch falsch. Die UCK hat sich im Kosovo dieser westlichen Erklärungsweise für die Erlangung ihrer Ziele perfekt bedient. Jugoslawien oder besser Serbien seiner Außensouveränität durch den Stempel "Schurkenstaat" zu berauben, macht Diskussionen leichter, mehr auch nicht.

Ein Automatismus wie das Rambouillet-System und die freiwillige Übergabe einer politischen Aufgabe in einen militärischen Eskalationsmechanismus, der die Diplomatie nur noch zum Erfüllungsgehilfen einer Strategie macht, ist bedenklich. Oberflächlich zurückblickend mag es diesmal gegenüber Milosevic funktioniert haben, aber der Kosovo ist nicht das erste Territorium, auf dessen Kontrolle Belgrad verzichten muss. Der Westen hingegen schält sich nur immer tiefer von außen nach Serbien hinein. Was passiert mit Montenegro im Fall der Fälle? Reicht es dann noch, Podgorica zu entsetzen oder muss dann das Ziel Belgrad sein?

Es bleibt zu hoffen, dass die Außenministerien in Europa und den USA versuchen, sich den Weg in den Krieg und den Weg aus dem Krieg gut vor Augen halten.

Kosovo – Zukunft

20 Jahre plus! Das ist eine zeitlich günstige Prognose für das Engagement der KFOR unter den aktuellen politischen Umständen. Darin sind nicht die Fortschritte eingeschlossen, die die Bevölkerung des Kosovo machen muss, um ihren Platz mit den Nachbarn auf dem Balkan wie mit den Nachbarn im eigenen Land zu finden. Gegner, die an ähnlichen Konfrontationen auf dem Balkan oder auch im Europa des Zweiten Weltkrieges direkt beteiligt waren, können nur im Rahmen von starken, extern gesteuerten Systemen nebeneinander leben. Ein Wieder-Miteinanderleben ist eher den nachwachsenden Generationen zuzutrauen.

Der Kosovo konnte äußerlich recht erfolgreich von Jugoslawien abgekoppelt werden, wenn auch nicht von einer Binnenordnung oder einem existierenden Binnensystem zu sprechen ist. Eine Rückkehr nach Serbien ist ausgeschlossen, ein Eintritt als Teilrepublik in die Bundesrepublik Jugoslawien unwahrscheinlich. Denkbar ist eine wirtschaftliche Assoziierung im Rahmen der Vorbereitung auf eine mögliche Integration in europäische Strukturen.

Der Kosovo ist ein eigenständiges Gebiet, geschützt durch die KFOR. Ein Gemeinwesen oder ein Staat muss er noch werden.

Zum Schurkenstaat oder zur Demokratie gebombt?

Jugoslawiens Entwicklung ist offen. Eine lebhafte Oppositionsbewegung, ein alternder Milosevic, organisiertes Verbrechen, Schattenwirtschaft, Korruption und eine Reihe von spektakulären Morden kennzeichnen große Dynamik. Für die Bewertung eines kroatischen Weges (Post-Tudjman) als Modell für Serbien ist es noch zu früh.

Vielversprechend für eine mögliche Belgrader Machterosion ist immer noch die Existenz der Regierung Montenegros. Dabei gäbe es natürlich genügend Gründe, Djukanovic und seine Regierung massiv zu kritisieren und ebenfalls unter Druck zu setzen.

Serbien ist kein Schurkenstaat und der Westen sollte das Land auch nicht dazu machen, sondern alle Gruppen im Land differenziert behandeln. Undemokratische Systeme versuchen, ihre Bürger von der Welt und ihren Entwicklungen fern zu halten. Europa sollte nicht den Fehler machen, eine solche Politik durch eigene Sanktionen zu unterstützen. Serbien braucht Input jeglicher Art und Anschluss zu seinem Europa.

Verabschiedet sich Amerika aus Europa oder verabschieden sich die Europäer von den Vereinigten Staaten?

Die größten Folgen des Kosovo-Krieges werden sich im Verhältnis zwischen Europa und den USA zeigen. Mit großer Dramatik ist der EU vor Augen geführt worden, dass sie nicht fähig ist, europäische Angelegenheiten vor der eigenen Haustür, ja direkt im eigenen Haus zu managen. Diese Zäsur, das Erwachen der europäischen Regierungen aus dem transatlantischen Schlummer, könnte den Namen Kosovo-Schock verdienen.

Wie weit die Dynamik der unmittelbaren Vergangenheit und in ihren Auswirkungen auch der Gegenwart für eine europäische Lösung sorgen wird, ist fraglich. Aber pünktlich zum Ende des letzten Jahrtausends ist in Europa die Nachkriegszeit zuende gegangen. Das europäisch-amerikanische Verhältnis wird sich substantiell verändern müssen.

Der Blick in den Balkan

Demnächst können Sie bei e-politik.de eine Reihe von Berichten aus den Regionen und Republiken Ex-Jugoslawiens ein Jahr nach dem Kosovo-Krieg lesen:

Demnächst: "The Honeymoon Is Over" – Innenansichten des Protektorates Kosovo

Foto: Copyright liegt bei der Bundeswehr


   


Leserkommentar von Roman Maruhn
am 27.06.2000
Antwort auf Leserkommentar

Hallo "Redhead", vielen Dank für den Leserkommentar. Es ist gut, wenn Meinungen im Anschluss an einen Kommentarartikel erscheinen. Den letzten Satz Deines / Ihres Kommentars kann ich voll und ganz unterschreiben, das ist einfach nicht absehbar. Zum mazedonischen Bekannten: Da muss man natürlich auch erst einmal hinterfragen, wie seine persönliche Einstellung zu Albanern / Kosovo-Albanern ist. Mazedonien hat ja letztlich auch ein "Albanerproblem", zumindest ist das eine offene Frage. Zu Scholl-Latour: Der ist aber auch ein ziemlicher Haudegen. Seine Äußerungen über Indochina u. ä. spiegeln ja doch immer noch ein etwas koloniales Weltbild wider. Dass der Balkan natürlich nicht mit Mitteleuropa in Sachen innere Sicherheit, Grundrechte, Rechtstaat, demokratische Traditionen vergleichbar ist, ist mir auch klar. Von Journalisten weiss ich, dass Albanien nicht unbedingt dazu taugt, einen Sommerurlaub zu verbringen. Das ist klar. Trotzdem sollte Europa Verantwortung für dieses Gebiet übernehmen und den Menschen dort in der Zukunft die Möglichkeit geben, in ähnlich geordneten wirtschaftlichen, sozialen und politischen Systemen zu leben, wie wir es tun. Vielleicht hat das dann auch eine Rückwirkung auf das individuelle Verhalten oder die "Mentalität". Wir Deutschen wollen ja schließlich auch nicht mehr nur noch mit Disziplin, Ordnung, Pünktlichkeit und Sauberkeit identifiziert werden. Das sind halt dann immer nationale Vorurteile. Danke für den Kommentar! Roman Maruhn

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