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Politischer Aschermittwoch der CSU

Politischer Aschermittwoch der CSU - Stoiber ohne Verwendung für ein Büßerhemd

Autor :  Christophe Rude
E-mail: redaktion@e-politik.de
Artikel vom: 01.03.2001

Am politischen Aschermittwoch treffen in Passau Bierseligkeit und rückhaltlose Verehrung auf die spöttische Kritik durch die Presse. Christophe Rude hat sich mit den verschiedenen Perspektiven des politischen Schaulaufens vertraut gemacht.


In Bayern feiern Fernsehtechniker keinen Fasching. Denn sie sind diejenigen, die am Aschermittwoch mit dem ersten Krächzen der Möwen über der Donau schon zu arbeiten beginnen. Es sind Kabel zu ziehen, Leitungen zu legen, Kamerapositionen auszuwählen und zu besetzen. Nicht die kleinste Kleinigkeit soll denjenigen entgehen, die nicht zu den glücklichen 9000 Gästen der CSU und ihres Parteivorsitzenden Edmund Stoiber in der Nibelungenhalle zählen. Um sieben Uhr ist Einlass für die Presse. Noch früher durften nur die Exemplare des Bayernkurier und der Passauer Neue Presse in die "NIHA" , wie der Veranstaltungsort von den Passauern liebevoll genannt wird.

Das verwirrende Manuskript

Drei Stunden später ist die Halle bis auf den letzten Platz besetzt. Das soll allerdings auch schon vier Minuten nach dem offiziellen Einlass so gewesen sein. Darüber weiß man genau Bescheid, schließlich steht es in Stoibers Redemanuskript. Merkwürdig nur: Dieses war bereits tags zuvor für die Presse kopiert worden...
Doch derart verwirrend soll es nicht bleiben. Die angereisten Ortsvereine und Kreisverbände haben längst Transparente entrollt und stimmen sich mit der mittlerweile wohl schon zweiten Maß Bier auf die alljährliche Abrechnung mit dem politischen Gegner ein - und auf die zu erwartende Lautstärke, denn wenn man von Passau aus in Vilshofen bei der SPD gehört werden möchte, muss man sich stimmlich schon anstrengen. Damit aber auch jede Nuance der politischen Botschaft in Bayern, Deutschland und der Welt ankommt, sind etwa 300 Medienvertreter von Fernsehen, Rundfunk, Zeitung und Internet vor Ort. Das Internet ist - nicht zuletzt seit Laptop und Lederhos'n - für die, laut Staatskanzlei-Chef Erwin Huber, "modernste Partei in Bayern" mittlerweile so wichtig geworden, dass der ganze politische Aschermittwoch über die CSU-Homepage live im Internet übertragen wird.

Korrespondenten mit hellseherischen Fähigkeiten

Im Pressebereich werden die Laptops hochgefahren und die Damen und Herren vom Bayerischen Rundfunk besetzen die vorab reservierten Tischreihen. Zwei Praktikanten kümmern sich um fehlende Stühle. Wenige Tische weiter sind die Korrespondenten der Nachrichtenagenturen ap und ddp schon mit ihrem Vorspann und dem Schlussabsatz fertig. Den tosenden Applaus können sie ohne Probleme vorhersehen, ebenso wie die Standing Ovations und die Abqualifizierung der rot-grünen Koalition. Es ist 10.40 Uhr. Die ersten Minister und Bundestagsabgeordneten betreten das Podium. Man begrüßt sich mit Handschlag und Schulterklopfen. Wer als gewöhnlicher Sterblicher Edmund Stoiber live aus der Nähe erleben möchte, hat nach zehn Uhr ein Problem. Der Ministerpräsident ist zwar noch nicht da, die wenigen Plätze in seiner Nähe jedoch schon weg. Die Luft ist bereits jetzt stickig und rauchdurchtränkt, der Lärmpegel hoch. Wer im hinteren Teil der Halle steht wird also nicht viel mitbekommen. Doch zum Trost kann man sich ja einen der feilgebotenen lebensgroßen Papp-Edmunds mit nach Hause nehmen.

Nur einer erwähnt die CDU-Führungskrise

Als Stoiber mit Gattin Karin und einiger CSU-Prominenz winkend und händeschüttelnd durch ein enges Spalier gen Podium defiliert, sind derart unbedeutende Probleme jedoch beiseite gefegt. Lauter Jubel brandet auf; Hände, Fahnen und Transparente werden in die Höhe gereckt und künden von dem Willen, sich durch etwaige Vorredner nicht lange aufhalten zu lassen. "Stoiber for president" heißt es da etwa, oder dass man den Ministerpräsidenten künftig in Berlin brauche. Und da ist auch wieder das Plakat, das zu Beginn noch auf ominöse Weise verschwunden war. "Krise beenden: Stoiber für Merkel, Seehofer für Merz" fordert der CSU-Fan in weißem Hemd direkt vor dem Podium. Der junge Mann, der Stoibers ganze Rede hindurch jeden Seitenhieb auf die Bundesregierung mit einem lauten Jubelschrei quittiert, thematisiert an diesem Aschermittwoch ganz allein, was drohend über der Veranstaltung liegt: die Führungskrise der CDU.

Lichtgestalt als Schattenmann

Doch nicht nur im Hinblick auf dieses Thema ist Stoiber diszipliniert. Er konzentriert sich auf Sachfragen und in besonderem Maße auf die Bundespolitik. Zu Beginn seiner über zweistündigen Rede haut er allerdings nach altem Aschermittwochsbrauch auf die wenig bußfertigen Regierungsparteien ein und ihre Unwilligkeit, akute Probleme zu erkennen und zu lösen: "Als `99 der Holzmann-Konzern vor dem Konkurs stand, war Schröder da - bei den Bauern kneift er." Die grüne Lichtgestalt Joschka Fischer bezeichnet Stoiber als "Schattenmann", der "die Maßstäbe unserer Gesellschaft an seinen Lebenslauf anpassen" will. Genüsslich zeigt Stoiber auf, wie beliebig der "Wendehals-Kanzler" seine Positionen wechsle: "Vor der Wahl gegen die Kürzung der Renten, nach der Wahl dafür; vor der BSE-Krise für die weltmarktfähige Agrarfabrik, jetzt für den Ökobauern..." Dieser Vorwurf der Beliebigkeit zieht sich thematisch durch die ganze Rede. Er taucht immer dann auf, wenn Stoiber bemerkt, dass der Beifall vor lauter Sachthemen spärlicher und die Aufmerksamkeit des Auditoriums mehr dem Bier zugewendet wird.
Die Presse versteht sich bei all dem als unbeteiligter, kritischer Beobachter. Zeitweilig werden Stoibers Aussagen belächelt oder mit Kopfschütteln bedacht. Nur zwei Männer mit Presseschild klatschen regelmäßig. Bayernkuriere?

Edmund wettert und reckt die Fäuste gen Berlin

In - an Beifall - besonders armen Zeiten fordert Stoiber dann schon mal lauthals Minister Riester zum Rücktritt und Kanzler Schröder kurzerhand zum Abdanken auf. Das Resultat? Tosender Applaus und die ungeteilte Aufmerksamkeit der 9000. Gegen Ende seiner Rede kommen dann noch einmal all die kleinen Leckerbissen, die der wetternde Edmund seinem Publikum in diesem Jahr bislang vorenthalten hat: Er beschwört die bayerische Seele und die christlich-sozialen Werte, schüttelt noch einmal die Fäuste gen Berlin und schließt mit den Worten: "Was in Bayern möglich ist, das muss auch in Deutschland möglich sein." Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.


Weiterführende Links:
Der politische Aschermittwoch 2001 der CSU
Der politische Aschermittwoch 2001 der SPD
Der politische Aschermittwoch 2001 der Bayern-SPD


   


Leserkommentar von Christian Gamperl
am 05.03.2001
Gratulation

Vielen Dank an e-politik.de für diesen interessanten Bericht. Hervorzuheben ist hierbei, die Neutralität und vor allem die Realität des Beitrages. In einer Medienwelt, in der eine Verfälschung von Tatsachen fast schon zur Normalität geworden ist, freut sich hier das Leserherz.

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