Der Wolf im Schafspelz
Seit den grausamen Terroranschlägen auf die Vereinigten Staaten sind sie in aller Munde. Man liest ihren Namen, spricht von ihnen, und doch es bleibt eine Frage: Wer
sind die denn überhaupt, was wollen die denn? Die Rede ist von der derzeit radikalsten der islamistisch-fundamentalistischen Gruppierungen in der muslimischen Welt,
den Taliban. Und dabei heißt Talib in der Einzahl und Taliban in der Mehrzahl nichts anderes als Student. Klingt harmlos, aber dahinter verbirgt sich der Wolf im
Schafspelz.
Ein Blick in die Entstehungsgeschichte der Taliban enthüllt das. Ihren Anfang nahm die Bewegung in Pakistan. Dort wurden und werden Afghanen in konservativen
Koranschulen, den sogenannten Madrasas, in der sunnitischen Rechtgläubigkeit unterwiesen. Vor allem ärmere Familien, und besonders viele Flüchtlinge aus
Afghanistan, schicken ihre Söhne auf diese Schulen, in denen sie neben Religionsunterricht auch Kleidung und Essen erhalten. Somit dienen die Koranschulen als
soziale Basis für die Afghanen.
Unter den Schülern befanden und befinden sich auch viele Paschtunen, die größte der vier Hauptbevölkerungsgruppen in Afghanistan. Sie stellen heute die Mehrheit
der Anhängerschaft der Taliban. Neben Religionsunterricht erhielten die Schüler oft auch eine militärische Ausbildung. Verantwortlich für den militärischen Drill und für
die Schaffung dieser Gotteskrieger zeichnet der pakistanische Geheimdienstoffizier Sultan Amir. Im afghanischen Bürgerkrieg erhielt er seine militärische Ausbildung
von den USA und bildete danach Mudschahidin für den Einsatz gegen die Russen im Nachbarland aus.
Ein Staat wie im Mittelalter
Das oberste Ziel, dass den Schülern in einer solchen Ausbildung vermittelt wurde, war und ist die Errichtung und Erhaltung eines radikal-islamischen Gottesstaates nach
mittelalterlichen Regeln. Maßstab aller Ordnung ist dabei die Scharia, das islamische Recht. Allerdings werden die Regeln der Scharia hierbei gerne mit
althergebrachten Stammestraditionen und -Gesetzen vermischt. Über allem wacht der Führer der Taliban, Mullah Mohammed Omar, als oberste Instanz über die
Einhaltung dieser Regeln. Und wehe dem, der dagegen verstößt oder auch nur den Anschein erregt, dagegen verstoßen zu haben. Selbst der bloße Verdacht reicht aus,
um die Anwendung drakonischer Strafen zu rechtfertigen, oft selbst die Todesstrafe.
Als Polizei der Taliban fahren junge Männer in offenen Wagen mit buschigen schwarzen Bärten und Turban durch die Straßen. Die Häscher nennen sich Wärter des
Amtes für die Überwachung der islamischen Moral und die Bekämpfung der Sünde. Die weiße Flagge auf dem Wagen, ihre Standarte, soll zeigen, wer Herr im
Hause ist. Die Kalaschnikow im Anschlag tut ihr Übriges. Absoluter Gehorsam, das ist es, was die Taliban mit aller Gewalt durchzusetzen versuchen, und auch
durchsetzen. Der Strafenkatalog lässt einen vor Grausamkeit erschaudern. Männer, die allesamt der Bartpflicht unterliegen, werden zur Moschee geprügelt,
Verdächtige öffentlich an Kranwagen aufgehängt. Schwerkranke und sogar gebärende Frauen werden aus den Krankenhäusern gezerrt, in denen männliche Mediziner
behandeln.
Eine Hölle für Frauen
Überhaupt ist Afghanistan unter dem Religionsregime der Taliban zur Hölle für Frauen geworden. Die Frau ist dem Manne sehr viel strenger untergeordnet als es das
islamische Gesetz vorsieht. Denn so ist es im Paschtunwali, dem Rechtskodex der Paschtunen mit den zentralen Begriffen "Ehre" und "Schande", festgelegt. Jungen
Mädchen, die sich die Finger lackieren, werden mir nichts dir nichts die Finger abgehackt. Ehefrauen, die womöglich untreu geworden sein könnten - man achte auf
den Konjunktiv - werden nach mittelalterlicher Methode gesteinigt. Der Begriff "Menschenrechte" ist für die Taliban ein Fremdwort. Im wahrsten Sinne des Wortes,
denn die Taliban sind größtenteils Analphabeten. Ihre Sprache ist die Gewalt und der Terror, am meisten leiden die Frauen darunter. Schule und Arbeit sind für sie
tabu. Das Haus verlassen dürfen sie nur unter männlicher Begleitung. Fenster von Häusern, in denen sich Frauen aufhalten und die von der Straße aus einsehbar sind,
müssen geschwärzt sein, damit fremde Blicke die Frauen nicht erhaschen können.
Die Liste an Maßnahmen und Strafen ließe sich ohne weiteres fortführen. Tatsache ist, dass die Taliban das gesamte öffentliche Leben in Afghanistan kontrollieren und
der Gesellschaft durch religiöse Gewalt ihren Stempel aufdrücken. Schach, hierzulande als beliebtes Strategiespiel bekannt, ist in Afghanistan als Glücksspiel verpönt
und somit verboten. Fast alle Schulen und die Universität von Kabul sind geschlossen, Film, Fernsehen, Musik und Bilder wurden verboten.
Die USA tragen eine Mitschuld an der Situation
Bei solchen Schilderungen fällt es schwer, von Afghanistan als einer zivilisierten Gesellschaft zu sprechen. Wer Menschenrechte so mit Füßen tritt wie die Taliban, der
kann nicht zivilisiert sein. Doch bei aller Schimpf und Schande über diese Gruppierung sollte sich die westliche Staatengemeinschaft auch darüber im klaren sein, dass
die Taliban eben nicht aus dem Nichts entstanden sind. Denn zur Zeit des Kalten Krieges hatten die USA enge Verbindungen zu, sowie starkes Interesse an dieser
kriegerischen Gruppierung. Schließlich galt es doch diese gegen die zweite Supermacht Sowjetunion zu mobilisieren. Heute aber haben sich die Geister, die sie riefen,
für Amerika zur größten Terrorgefahr gewandelt.
Hier geht es zum Überblick über das e-politik.de Dossier "Der Krieg in Afghanistan".