"Die Palästinenser haben ein Recht auf ein eigenes, ein freies und unabhängiges Palästina."
Das konnte man in einem
Beitrag der Süddeutschen Zeitung lesen, kaum dass die Verhandlungen von Camp David gescheitert waren. Der Satz stammt aus der Feder von Amos Oz, einem jüdischen Schriftsteller und engagierten Friedenskämpfer.
Bereits Ende der 60er Jahre propagierte Oz als einer der wenigen Israelis eine Zwei-Staaten-Lösung. Was wie die Forderung nach einer Abkehr von der israelischen Siedlungs- und Annektionspolitik klingt, ist aber tatsächlich nur das Vorwort einer kaum verhohlenen Kriegsdrohung: "Aber wenn sie auch noch Israel haben wollen, dann sollten sie eines wissen: Sie werden mich bereit finden, mein Land zu verteidigen ein alter Friedensaktivist, der bereit ist, für das Überleben Israels zu kämpfen."
Das gelobte Land Israel nicht nur für Ultra-Orthodoxe
Warum genau die Friedensverhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern vor jetzt vier Wochen gescheitert sind, wird man vielleicht erst erfahren, wenn sich Insider zum Plaudern entschließen. Indes ist bereits heute klar, dass die Israelis mit ihrer Weigerung über den Status von Jerusalem zu verhandeln, wesentlich zum Misserfolg beigetragen haben: Israel ist nach wie vor nicht zu einer echten Reform seiner Politik bereit dem historischen Handschlag von Israels damaligem Premier Jitzhak Rabin und PLO-Führer Jassir Arafat wie zum Trotz; 1993 sollte er das Abkommen von Oslo besiegeln. Dies aber ist nicht nur die Position der "Hardliner" und Ultra-Orthodoxen, die biblische (sprich: göttliche) Ansprüche auf das "gelobte Land Israel" erheben, die jeder säkularen Disposition entzogen sind. Das macht jetzt die Verwandlung Amos Oz´ von der Friedenstaube zum kampfbereiten Falken deutlich.
Israelische Geschichte, nicht Israels Geschichte
"Und trotzdem haben die Palästinenser Nein gesagt", schreibt Oz. Trotzdem? Was meint er damit? Kurz zur Erinnerung: Was im Abkommen von Oslo nicht geregelt werden konnte hat man, um das Abkommen überhaupt auf die Beine zu bringen, für die "Endstatus-Verhandlungen" aufgehoben: die Zukunft Ost-Jerusalems, die Grenzziehung (was bleibt Israel, was wird Palästina) und die Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge.
Das sollte nun in Camp David geregelt werden. Israels Premier Ehud Barak aber erklärte, dass er keinerlei Verantwortung für die Hunderttausenden vertriebenen und geflohenen Palästinenser der Kriege von 1948 und 1967 zu übernehmen gedenke. Was Israels Premier damit kund tat war die Weigerung, die eigene Geschichte zu akzeptieren:
Israel hält bis heute an einer eigenen Geschichtsschreibung fest, die es selbst nur in der Rolle des Opfers sieht. Tatsächlich aber wurden durch die kriegerische Staatsgründung Israels mehr als 700.000 Palästinenser in die umliegenden Staaten vertrieben. Und im Sechstagekrieg (1967) besetzte Israel, mit Rekurs auf das Alte Testament und damit "göttlichem" Recht, die West-Bank, einschließlich Ost-Jerusalems und des Gaza-Streifens.
"Rückkehr ein Euphemismus für die Zerstörung Israels"
Nach zwei Wochen lag, wie Die Zeit über das verläufige Verhandlungsergebnis von Camp David urteilte, die "von Israel geforderte Kapitulationsurkunde" auf dem Tisch: Beibehaltung der meisten israelischen Siedlungen, nur eingeschränkte Souveränität, keine Hauptstadt Ost-Jerusalem und natürlich keine Rückkehr der Flüchtlinge. Dass Arafat nicht zustimmte darf niemanden verwundern. Außer vielleicht Amos Oz. Nicht in der Weigerung von Premier Barak, auf die (berechtigten) Forderungen der Palästinenser einzugehen, erkennt er den Stolperstein der Verhandlungen. Die Forderungen selbst seien am Scheitern schuld. "Sie verlangen ´ihr Recht auf Rückkehr`", schreibt Oz, "wo wir doch alle ganz genau wissen, dass dieses ´Recht auf Rückkehr` in unserer Gegend nur ein arabischer Euphemismus ist für die Auslöschung Israels."
Die Rückkehr der Palästinenser, so Oz weiter, "würde das demographische Gleichgewicht zerstören und Israel am Ende zum arabischen Land Nummer 26 machen. Schließlich gibt es auch Millionen Deutsche, die nie in ihre frühere Heimat Polen, Ostpreußen oder das Sudentenland zurückkehren werde."
Bewusst oder unbewusst spielt Oz damit auf der Klaviatur der Erinnerung der Entstehungsgeschichte des Staates Israel: Die Shoah, das Verbrechen sui generis, das im Namen des deutschen Volkes an den Juden begangen wurde der Versuch der planmäßigen und in den Vernichtungslagern mit industrieller Perfektion betriebenen Ausrottung des jüdischen Volks.
Und doch vergisst er: Kein Verbrechen das ein Volk erlitten hat, ermächtigt es zu einem Verbrechen gegen ein anderes Volk, um die erlittene Ungerechtigkeit auszugleichen. Die Annektion der West-Bank war und ist ein Verstoß gegen bestehendes Völkerrecht die Bibel hin oder her. Und wenn Oz die Rückkehr von Palästinensern fürchtet, dann doch wohl nur, weil in der Vergangenheit Hunderttausende aus ihrer Heimat Israel vertrieben wurden. Noch immer werden Wehrdörfer errichtet, enteignet die israelische Siedlungspolitik Palästinenser.
Palästinenser sind keine Sudetendeutschen
Oz ist ein Friedensaktivist der ersten Stunde. Sein Vergleich der Palästinenser mit den Sudetendeutschen ist seiner nicht würdig. Hitlers Deutschland war es, das 1937 die Welt in den Abgrund des Krieges stürzte. Und die Deutsche Wehrmacht hinterließ in ganz Europa Tod und Zerstörung: das Ergebnis der "Politik der verbrannten Erde". Dass die Bundesrepublik Teile ihres Territoriums abtreten musste, war ein legitimes Zugeständnis an das Sicherheitsbedürfnis der ost-europäischen Staaten. Mit dem "Morgenthau-Plan", der die Zerteilung Deutschlands und Verwandlung in einen reinen Agrarstaat vorsah, hätte es uns sehr viel härter treffen können. Deutschland hatte Glück! Und in Zeiten der Europäischen Union sollte man sich über Grenzen immer weniger Gedanken machen.
Das himmlische und das irdische Jerusalem
Aber Grenzen sind noch immer ein Thema, in Deutschland, in Europa und vor allem auch in Israel. Die legitime Forderung der Palästinenser auf Rückkehr in auch ihre Heimat Israel weckt selbst bei einem Friedensaktivisten wie Amos Oz die Kampfeslust.
Nach Camp David stellt sich darum die bittere Frage: Kann es je zum Frieden zwischen Israelis und Palästinensern kommen, wenn selbst ein "alter Friedensaktivist" zu den Waffen greifen will? Vielleicht sollte Oz über einen Satz des Friedenspioniers Uri Averni nachdenken: "Jassir Arafat mag bereit sein, uns das himmlische Jerusalem zu überlassen, wenn wir ihm seinen Teil des irdischen geben."
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