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e-politik.de - Home  Forschung & Lehre  Aus den Hochschulen   Konflikt am Hannah-Arendt-Institut in Dresden


Diagnose: Selbstzerstörung - ein Historikerstreit eskaliert

Autor :  Florian Wachter
E-mail: fwachter@e-politik.de
Artikel vom: 14.02.2000

Der Abdruck eines umstrittenen Aufsatzes über den Hitler-Attentäter Georg Elser hat zu einer scharfen Auseinandersetzung am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung geführt. Ende offen ...


Seit 1992 beschäftigen sich die Wissenschaftler am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung der Universität Dresden mit der NS- und DDR-Vergangenheit. Innerhalb kürzester Zeit hatte sich das junge Institut einen hervorragenden Namen gemacht. Unter einem Dach schien es gelungen, die beiden dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte in diesem Jahrhundert historisch und politikwissenschaftlich zu analysieren: Nazi-Diktatur und SED-Regime als Ausdruck antidemokratischer Staatsform. Neben vielen Studien zur Geschichte der DDR beschäftigte sich das Institut mit dem Auftrag der Dresdner Bank, deren Vergangenheit im Dritten Reich aufzuklären. Dafür trat die Dresdner Bank als potenter Geldgeber der Forschung zur Seite.

Mittlerweile ist die wissenschaftliche Arbeit am Institut kaum mehr möglich, der gute Ruf ruiniert. Ein wissenschaftlicher Streit hat sich zu einem Drama entwickelt, das längst nicht mehr nur auf der Bühne des Hannah-Arendt-Instituts gespielt wird. Es sucht in der historischen und sozialwissenschaftlichen Forschung hierzulande seinesgleichen. Die Justiz ermittelt wegen Rufschädigung, die Politik kämpft mit harten Bandagen munter mit.

Ein Zeitungsartikel stand am Anfang

Am 8. November 1999 veröffentlicht die „Frankfurter Rundschau" einen Artikel des Institutsmitarbeiters Lothar Fritze über den Hitler-Attentäter Georg Elser. Dieser hatte exakt 60 Jahre zuvor versucht, Hitler im Münchner Bürgerbräukeller mit einer Zeitbombe zu töten. Die Bombe tötete sieben Hitler-Getreue und eine Kellnerin, 63 Menschen wurden verletzt, aber Hitler blieb unversehrt, denn er hatte die Versammlung früher verlassen als geplant. Der Privatdozent Fritze stellt in seinem Artikel die These auf, der Bombenanschlag Elsers sei eine Tat, „deren Ausführung moralisch nicht zu rechtfertigen" sei. Der Attentäter habe „eine Strategie gewählt, bei welcher der Tod Unbeteiligter sogar für den Fall billigend in Kauf genommen werden musste, dass sich das Zielobjekt, die Person Hitlers, zum Zeitpunkt des Attentats gar nicht am Ort befand." Fritze bestreitet offen die moralische Rechtfertigung für eine solche Tat, die Berechtigung eines Tyrannenmords jedoch nicht.

Institutsdirektor und SPD-Mitglied Dr. Klaus-Dietmar Henke hatte vor einer Veröffentlichung von Fritzes Text im Umfeld des geschichtsträchtigen 9. November gewarnt. Der Institutsleiter fand Fritzes Gedanken in der Tendenz abwegig und fürchtete um die Seriosität seines Hauses. Nach dem Abdruck, für den sich die „Frankfurter Rundschau" später entschuldigte, distanzierte sich Henke sogleich in einer Presseerklärung von dem Mitarbeiter und von seinem eigenen Stellvertreter, dem parteilosen Extremismusforscher Dr. Uwe Backes. Der hatte - im Gegensatz zu Henke - Fritze zur Publikation ermuntert. In einer Stellungnahme sprach er davon, dass ein Verzicht aus Angst vor der Kontroverse einer „Kapitulation vor dem neurotischen Umgang von Teilen der deutschen Öffentlichkeit mit NS-Geschichte" gleich käme. Die Wogen waren nicht mehr zu glätten.

Henke überzeugte mit einem Mißtrauensantrag gegen seinen Stellvertreter den wissenschaftlichen Beirat aus sechs Hochschulprofessoren, die dem Kuratorium daraufhin die Kündigung Backes nahelegte. Das Kuratorium - mehrheitlich CDU-besetzt - folgte dem Antrag allerdings nicht.

Vergleiche mit Adolf Hitler

Mittlerweile hat sich die Sachlichkeit aus dem Konflikt verabschiedet. Es tobt ein Grabenkampf, links und rechts der Frontlinie reihen sich Unterstützer ein. Während Henke seinen Stellvertreter als „Geschichtsrevisionisten" bezeichnet, revanchiert sich Backes, indem er dem Institutsleiter vorwirft, „mit Geschick und untrüglichem Gespür für Zeitgeistanwandlungen auf dem Weg des Konformismus und der Anpassung an (...) Mehrheitsströmungen in Zeitgeschichte und Politikwissenschaft" die Mitarbeiter infiltrieren zu wollen. Obwohl sich das Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung am Rande seiner Selbstzerstörung befindet, wird weiter in die Kerben gehauen. Selbst innerhalb des wissenschaftlichen Beirats beginnt man sich zu streiten. Der renommierte Holocaust-Forscher Saul Friedländer drohte mit seinem Austritt, falls Backes weiterhin am Institut beschäftigt werde. Umgehend ließ die Dresdner Bank wissen, ihr Auftrag an das Hannah-Arendt-Institut stehe und falle mit Friedländer. Dagegen verwehrte sich das Beiratsmitglied Werner J. Patzelt jüngst gegen die Äußerungen Henkes. Seine Kampagne gegen Backes sei „Politik der verbrannten Erde". Henke „verhalte sich wie Hitler". Nach einer einstweiligen Verfügung des Berliner Landgerichts darf der Dresdner Politologe Patzelt Institutsleiter Henke nun nicht mehr mit Adolf Hitler vergleichen.

Der wissenschaftliche Streit eskaliert und wird längst nicht mehr mit sachlichen Argumenten ausgefochten. Auf der Strecke bleiben die anerkannten Forschungsergebnisse des Hannah-Arendt-Instituts. Dem Betrachter präsentiert sich ein Scherbenhaufen, für den nicht zuletzt das Wissenschaftsverständnis einiger sächsischer Politiker verantwortlich zu machen ist.

Von Beginn an nahmen sächsische Regierungspolitiker für sich das Recht in Anspruch, bei der Besetzung der Leitungsebene und des Kuratoriums am Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung massiv Mitsprache zu üben. Als Schlüsselfigur agierte der Kultusminister Matthias Rößler (CDU). Mehr zur politischen Dimension im zweiten Teil unseres Dossiers "Konflikt am Hannah-Arendt-Institut in Dresden", das auch auf Auszüge der Aktuellen Stunde im sächsischen Landtag vom 21.1.2000 zurückgreift.

Foto: Hannah Arendt


   


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