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e-politik.de - Artikel
( Artikel-Nr: 528 )Diagnose: Selbstzerstörung - ein Historikerstreit eskaliert Autor : Florian Wachter Der Abdruck eines umstrittenen Aufsatzes über den Hitler-Attentäter Georg Elser hat zu einer
scharfen Auseinandersetzung am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung
geführt. Ende offen ... Seit 1992 beschäftigen sich die Wissenschaftler am Hannah-Arendt-Institut für
Totalitarismusforschung der Universität Dresden mit der NS- und DDR-Vergangenheit.
Innerhalb kürzester Zeit hatte sich das junge Institut einen hervorragenden Namen gemacht.
Unter einem Dach schien es gelungen, die beiden dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte in
diesem Jahrhundert historisch und politikwissenschaftlich zu analysieren: Nazi-Diktatur und
SED-Regime als Ausdruck antidemokratischer Staatsform. Neben vielen Studien zur
Geschichte der DDR beschäftigte sich das Institut mit dem Auftrag der Dresdner Bank, deren
Vergangenheit im Dritten Reich aufzuklären. Dafür trat die Dresdner Bank als potenter
Geldgeber der Forschung zur Seite. Mittlerweile ist die wissenschaftliche Arbeit am Institut kaum mehr möglich, der gute Ruf
ruiniert. Ein wissenschaftlicher Streit hat sich zu einem Drama entwickelt, das längst nicht
mehr nur auf der Bühne des Hannah-Arendt-Instituts gespielt wird. Es sucht in der historischen
und sozialwissenschaftlichen Forschung hierzulande seinesgleichen. Die Justiz ermittelt wegen
Rufschädigung, die Politik kämpft mit harten Bandagen munter mit. Ein Zeitungsartikel stand am Anfang Am 8. November 1999 veröffentlicht die „Frankfurter Rundschau" einen Artikel des
Institutsmitarbeiters Lothar Fritze über den Hitler-Attentäter Georg Elser. Dieser hatte exakt
60 Jahre zuvor versucht, Hitler im Münchner Bürgerbräukeller mit einer Zeitbombe zu töten.
Die Bombe tötete sieben Hitler-Getreue und eine Kellnerin, 63 Menschen wurden verletzt, aber
Hitler blieb unversehrt, denn er hatte die Versammlung früher verlassen als geplant. Der
Privatdozent Fritze stellt in seinem Artikel die These auf, der Bombenanschlag Elsers sei eine
Tat, „deren Ausführung moralisch nicht zu rechtfertigen" sei. Der Attentäter habe „eine
Strategie gewählt, bei welcher der Tod Unbeteiligter sogar für den Fall billigend in Kauf
genommen werden musste, dass sich das Zielobjekt, die Person Hitlers, zum Zeitpunkt des
Attentats gar nicht am Ort befand." Fritze bestreitet offen die moralische Rechtfertigung für
eine solche Tat, die Berechtigung eines Tyrannenmords jedoch nicht. Institutsdirektor und SPD-Mitglied Dr. Klaus-Dietmar Henke hatte vor einer Veröffentlichung von
Fritzes Text im Umfeld des geschichtsträchtigen 9. November gewarnt. Der Institutsleiter fand
Fritzes Gedanken in der Tendenz abwegig und fürchtete um die Seriosität seines Hauses. Nach
dem Abdruck, für den sich die „Frankfurter Rundschau" später entschuldigte, distanzierte sich
Henke sogleich in einer Presseerklärung von dem Mitarbeiter und von seinem eigenen
Stellvertreter, dem parteilosen Extremismusforscher Dr. Uwe Backes. Der hatte - im Gegensatz zu
Henke - Fritze zur Publikation ermuntert. In einer Stellungnahme sprach er davon, dass ein
Verzicht aus Angst vor der Kontroverse einer „Kapitulation vor dem neurotischen Umgang
von Teilen der deutschen Öffentlichkeit mit NS-Geschichte" gleich käme. Die Wogen waren
nicht mehr zu glätten. Henke überzeugte mit einem Mißtrauensantrag gegen seinen Stellvertreter den
wissenschaftlichen Beirat aus sechs Hochschulprofessoren, die dem Kuratorium daraufhin die
Kündigung Backes nahelegte. Das Kuratorium - mehrheitlich CDU-besetzt - folgte dem
Antrag allerdings nicht. Vergleiche mit Adolf Hitler Mittlerweile hat sich die Sachlichkeit aus dem Konflikt verabschiedet. Es tobt ein
Grabenkampf, links und rechts der Frontlinie reihen sich Unterstützer ein. Während Henke
seinen Stellvertreter als „Geschichtsrevisionisten" bezeichnet, revanchiert sich Backes, indem
er dem Institutsleiter vorwirft, „mit Geschick und untrüglichem Gespür für
Zeitgeistanwandlungen auf dem Weg des Konformismus und der Anpassung an (...)
Mehrheitsströmungen in Zeitgeschichte und Politikwissenschaft" die Mitarbeiter infiltrieren zu
wollen. Obwohl sich das Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung am Rande seiner
Selbstzerstörung befindet, wird weiter in die Kerben gehauen. Selbst innerhalb des
wissenschaftlichen Beirats beginnt man sich zu streiten. Der renommierte Holocaust-Forscher
Saul Friedländer drohte mit seinem Austritt, falls Backes weiterhin am Institut beschäftigt
werde. Umgehend ließ die Dresdner Bank wissen, ihr Auftrag an das Hannah-Arendt-Institut
stehe und falle mit Friedländer. Dagegen verwehrte sich das Beiratsmitglied Werner J. Patzelt
jüngst gegen die Äußerungen Henkes. Seine Kampagne gegen Backes sei „Politik der
verbrannten Erde". Henke „verhalte sich wie Hitler". Nach einer einstweiligen Verfügung des
Berliner Landgerichts darf der Dresdner Politologe Patzelt Institutsleiter Henke nun nicht mehr
mit Adolf Hitler vergleichen. Der wissenschaftliche Streit eskaliert und wird längst nicht mehr mit sachlichen Argumenten
ausgefochten. Auf der Strecke bleiben die anerkannten Forschungsergebnisse des Hannah-Arendt-Instituts. Dem Betrachter präsentiert sich ein Scherbenhaufen, für den nicht zuletzt das
Wissenschaftsverständnis einiger sächsischer Politiker verantwortlich zu machen ist. Von Beginn an nahmen sächsische Regierungspolitiker für sich das Recht in Anspruch, bei
der Besetzung der Leitungsebene und des Kuratoriums am Hannah-Arendt-Instituts für
Totalitarismusforschung massiv Mitsprache zu üben. Als Schlüsselfigur agierte der
Kultusminister Matthias Rößler (CDU). Mehr zur politischen Dimension im zweiten Teil unseres Dossiers "Konflikt am Hannah-Arendt-Institut in Dresden", das auch auf Auszüge der
Aktuellen Stunde im sächsischen Landtag vom 21.1.2000 zurückgreift.
Foto: Hannah Arendt
E-mail: fwachter@e-politik.de
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