Die Neuen durchschauen
Autor : Nikolaus Röttger E-mail: nroettger@e-politik.de Artikel vom: 17.05.2001
Moritz Rinke ist Schriftsteller. In der ZEIT vom 10. Mai 2001 veröffentlichte Rinke seinen Artikel "Die Macht der Neuen". Nikolaus Röttger fragt sich nur, warum?
München, Türkenstraße, Alter Simpl. Der Alte Simpl ist eine der älteren Kneipen in München. War er früher einer der Treffs der Münchner Künstler- und Intellektuellen Szene, so ist er heute ein beliebtes Ausgehziel von Münchner Studenten. Die Wochenzeitung DIE ZEIT gibt es hier auch - wenn man sie mitbringt.
Schöne Zeit, denke ich mir, als ich die Seite umblättere - und plötzlich geht die Tür auf und herein stürmt das LEBEN - die ZEIT-Rubrik, die sich mit allem beschäftigt, was bewegt. Sei das nun Schlagersängerin Michelle oder ein schnittig-gestylter Mann, der mich - gleich neben Michelle - von einem nicht zu kleinen, aber auch nicht zu großen Foto anschaut. Lässig hängt eine Haarsträhne über die Stirn. Ich frage am Nebentisch: "Sorry, but who´s that?! I think, that must be a German Schlagersänger? Isn´t it? - No that´s not a Schlagersänger! That´s one of the new DICHTER DRAN!" Unbelievable! A new DICHTER DRAN! Ein neuer Dichter! Dramatiker!
Der Dramatiker sieht aus wie eine Mischung aus Rudi Dutschke (der ist auf einem kleinen Foto rechts über dem Dramatiker auf der gleichen Seite der ZEIT) und Schlagersängerin Michelle (die ist auf einem großen Foto links neben dem Dramatiker auf der gleichen Seite der ZEIT) und er ist erst 33 Jahre alt. Irgendwie hat er auch etwas von einem intellektuellen Windsurfer - so ganz der Typ, der eben gerade angesagt ist. Der Typ, der lebt, wenn sich andere um die Details kümmern. Und jetzt kommt´s: Moritz Rinke schreibt.
Dramatische Arroganz
Kürzlich ging ich mit einem noch nicht erfolgreichen Filmemacher durch den Englischen Garten in München, irgendwann schaltete er sein Handy ab und sagte: "Es kommt der Tag, an dem man weiß, dass die berühmten Persönlichkeiten auch nur mit Wasser kochen. Wann wusstest du, dass nichts so heiß gegessen wie es gekocht wird?" Tja, ehrlich gesagt, spätestens seit dieser Rinke mich von der Seite der ZEIT mitten im LEBEN anschaute! Mit 33 Jahren Dramatiker, der einen Text schrieb, der fast genauso wie dieser hier aufgebaut ist. Seitdem ich das gelesen habe, weiß ich, dass die Zeit vorbeischreitet, andere aber nicht unbedingt schlauer werden als ich. Wenn ich nämlich Rinkes Text lese und ihm in die Augen schaue, sehe ich die ganze bübische Weisheit eines Nichtweisen: Kurze Blicke, die Michelle links neben ihm abchecken und sich der zentralen Position auf der Seite der ZEIT versichern, und dann dieser Hauch eines nach innen gerichteten Grinsens.
Bei Günther Grass sind mir diese Dinge nie aufgefallen, auch bei Martin Walser nicht. Aber bei Moritz Rinke ist mir alles klar geworden: Ich kann nicht zu ihm aufschauen, es geht nicht, ich kann ihn nur durchschauen und in ihm denjenigen sehen, der mit seinem Text mal kurz darauf aufmerksam macht, dass er jetzt auch zur Elite gehört. Den großen Jungen - wie er sich selber nennt - der in einem Satz nach dem anderen betont, welchen erfolgreichen Jungintendanten, Chefredakteur oder anderen tollen Hecht er kennt.
Das kalte Grausen
Möchte ich mich, der ich immer noch Leserbriefe im Alten Simpl schreibe, solchen Schreibern als Leser unterwerfen? Einerseits müsste ich ja meine Generation aufs Schild heben und sagen: Seht die unseren, die sind wirklich gut! Und andererseits muss ich nur den Text lesen, um zu wissen: Sind sie aber nicht. Warum kann ich zum Beispiel keinen Text von Florian Illies oder Benjamin von Stuckrad-Barre lesen, ohne dass ich das kalte Grausen kriege? Vor dem Inhalt, vor dem Geschriebenen.
Es ist nicht so, dass diese Leute nicht schreiben können. Nein - im Gegenteil. "Generation Golf" von Illies ist wirklich gut geschrieben. Und auch der Text von Rinke. Die Texte sind nur so schrecklich nichtssagend. So inhaltslos. Mich interessiert nicht, dass Rinke gemerkt hat, dass Ungarns Regierungschef Viktor Orban fast genauso alt ist wie er, dass er mit einem berühmten Chefredakteur schon eine Schneeballschlacht gemacht hat - und schon gar nicht, dass Rinke sich nach der alten Zeit zurücksehnt - nach Genscher, nach Kohl. Nach Leuten, zu denen er aufschauen kann.
Ich will das Ähnliche zwischen Rinke und mir nicht sehen. Vielleicht liegt es an der Generation. Ich bin nicht die Generation Rinkes. Ich bin nicht die Generation Golf. Ich bin nicht die Generation meiner Generation. Auch wenn wir alle ungefähr gleich alt sind. Die Generation gibt es nicht. Ich bin vielleicht Teil eines Potpourris an Generationen. Okay, dann mal bitte Kommando nach vorn! Wo sind die Neuen? Wo die Wagemutigen der Potpourri-Generationen? Die, die wirklich DICHTER DRAN sind? Auf geht´s.
Bild: Copyright liegt bei e-politik.de
Lesen Sie zu diesem Artikel auch den Text von Moritz Rinke in der ZEIT unter www.zeit.de: Die Macht der Neuen.
|
|
|
Leserkommentar
von
Andreas Groß
am 22.05.2001
|
Vom Potpourri zum Eintopf
Vielleicht doch. Vielleicht gibt es sie wirklich, die Generation Golf. Ich jedenfalls bekomme oft das kalte Grausen; nicht bei der Durchsicht des neuesten Stuckrad-Barre-Versatzes, nicht bei einem der vielen Fernsehauftritt dieser Neuen, sondern jeden Tag auf dem Weg in die Universität, den Supermarkt oder die Bar. Neulich saß ich im Kino, die Leinwand und den Film "Traffic" vor mir, ein wirklich guter Film. Hinter mir saß ein Gruppe Golfer, so könnte man sie ja doppeldeutig nennen. Sie sprachen nicht über die neue Politik am Anfang des 21. Jahrhundert; sie sprachen nicht über die Postmoderne und die Sellung des Individuums in einer atomisierten Welt; sie sprachen noch nicht einmal über Fußball. Sie unterhielten sich über ihre Jobs, wie sie gerade eine großen Auftrag für ihre Werbeagentur an Land gezogen hatten und welche Firma gerade die angesagteste in der Branche ist. Der Job ist die heilige Kuh der Gegenwart. Er stellt die größte intellektuelle Herausforderung für die Jugend von heute dar - vielleicht sogar die einzige. Einen Job bekommen, einen besseren Job bekommen, den besten Job überhaupt bekommen, das sind die Maßstäbe. Wieso sollte es da mit den Schriftstellern der Gegenwart anders sein? Wenn Stuckrad-Barre, Kracht oder Illies zur Tastatur greifen, dann wollen sie sich nicht abheben vom Mainstream, wollen nicht Außenseiter einer Generation sein. Sie wollen ihre Könige werden. Von Popurri jedenfalls ist schon lange nichts mehr zu sehen. Mich nehme ich da nicht aus.
|
[ mehr Kommentare ]
[ eigenen Kommentar abgeben ]
|
|