Die Regierung Clinton musste in ihrer militärpolitischen
Ausrichtung nicht auf einen 11. September reagieren. Nach dem Ende des Kalten Krieges und angesichts der
Verheißungen
der Globalisierung wurde Bill Clinton nicht müde zu betonen, er stehe
im Unterschied zu den republikanischen
Hardlinern Reagan und Bush für eine multilaterale, friedenssichernde
Politik.
Tatsächlich hat es in der Praxis zwei klar
getrennte außenpolitische Positionen der Republikaner und Demokraten
nie
gegeben. Zwar pries die Rhetorik der Clinton-Regierung den liberalen
Internationalismus - die Förderung der Menschenrechte und der
Demokratie
waren aber zu keiner Zeit zentrale Ziele der Außenpolitik der USA,
sondern
Teil ihrer Strategie zur Sicherung und zum Ausbau der amerikanischen
Vormachtstellung.
Das wird am Beispiel Ruanda deutlich, wo die Verhinderung des Genozids
offensichtlich nur von untergeordnetem amerikanischen Interesse war. Clinton
erweiterte den Kanon nationaler Interessen, aber imperiale Begehrlichkeiten
blieben auch unter seiner Präsidentschaft bestimmendes Element der
sicherheitspolitischen Doktrin.
Militärisches Eingreifen als Mittel der Diplomatie
Schließlich erlangte das Konzept der "rogue-states" erst unter der
Clinton-Administration seine herausragende Position im
außenpolitischen
Diskurs. Im Kampf mit den "Schurkenstaaten" sei die USA bereit "mit allen
uns
zur Verfügung stehenden Mitteln zu reagieren", betonte der damalige
Verteidigungsminister William S. Cohen am 6. Februar 1999 auf der
Wehrkundetagung in München. Unter Clinton wurde mit Einsätzen in
Somalia,
Haiti, Bosnien und im Kosovo erstmals die militärische Intervention als
Instrument der Diplomatie hoffähig. Dabei war der Idee des
"Nation-building",
des militärisch unterstützten, von den USA gesteuerten
Wiederaufbaus instabiler
Staaten in der Praxis wenig Erfolg beschieden. Der Einsatz in Somalia endete
1993 in Mogadishu mit dem Tod von 18 Marinesoldaten. Das Land versank im
Chaos
und Verteidigungsminister Le Aspin, einer der Hauptvertreter der
"Nation-building"-Idee, nahm seinen Hut. Auf Haiti riet der Kommandant der
dort stationierten US-Truppen im März 1999, die Soldaten wegen der
wachsenden
Instabilität im Land abzuziehen.
Von der Truman-Doktrin zur Weinberger-Doktrin
Mit dieser Politik hatte Clinton mit der unter Reagan formulierten
Weinberger-Doktrin gebrochen, nach der nur dann eine militärische
Intervention
befürwortet wurde, wenn vitale amerikanische Interessen mit
sicherheitspolitischer
Brisanz auf dem Spiel standen. Dementsprechend wurde auch die Frage des
Mitteleinsatzes
unter Clinton anders beantwortet als unter seinen republikanischen
Vorgängern:
Im Gegensatz zur Intervention in Bosnien, wo Clinton den "selektiven aber
substantiellen Einsatz von Gewalt", also Bombenangriffe ohne Beteiligung von
Bodentruppen forderte, sehen die Richtlinien von Weinberger und Powell den
Einsatz massiver militärischer Mittel vor, um eine schnelle
Entscheidung zu
erzwingen. Der Golfkrieg unter George Bush wurde zum paradigmatischen
Beispiel
dieser Doktrin.
Mit der Weinberger-Doktrin reagierte die amerikanische Regierung in den 80er
Jahren auf die Rückschläge, die sie während des Kalten
Krieges bei
militärischen Interventionen im Zeichen der Truman-Doktrin hatten
hinnehmen
müssen. 1947 zur Begrenzung der kommunistischen Einflusssphäre
formuliert,
basierten die Richtlinien von Truman auf dem Prinzip der
"incremental escalation", der abgestuften Ausweitung der amerikanischen
Unterstützung für die vom Kommunismus bedrohten Staaten. In
Vietnam führte
diese Strategie zum Desaster: Nach der Entsendung von "Beratern" kam es zu
verdeckten Operationen, zu Bombenangriffen, schließlich zur Entsendung
von
Bodentruppen - mit bekanntem Ausgang. Mangelnde öffentliche
Unterstützung,
das Fehlen klar gesteckter Ziele und zeitlicher Vorgaben wurden als
Gründe
für dieses schlimmste amerikanische Trauma seit Pearl Harbour
ausgemacht.
Reagan greift durch
Deshalb versuchten die USA in späteren Konflikten die begangenen
Fehler
zu vermeiden, konnten aber nicht verhindern, in den frühen 80ern als
Teil
einer internationalen Schutztruppe in den Bürgerkrieg im Libanon
hineingezogen
zu werden. Trauriger Höhepunkt dieses Engagements war der
Bombenanschlag auf
das amerikanische Marinehauptquartier am 23. Oktober 1983 in Beirut, bei dem
241 amerikanische Soldaten starben. Reagan, der kurz danach zum
Präsidenten gewählt wurde, zeigte eine wachsende Bereitschaft,
klar
definierte militärische Ziele zu verfolgen. Unter seiner
Präsidentschaft
griffen die USA erfolgreich Grenada an, um den marxistischen
Präsidenten
Maurice Bishop zu stürzen. Nach dem Anschlag auf die Diskothek "La
Belle"
in Berlin bombardierten die Amerikaner Lybien, das bereits seit Jahren wegen
seiner Unterstützung des internationalen Terrorismus auf der schwarzen
Liste
stand. Im Rahmen der Operation "Just Cause" stürzten 27 000 US-Soldaten
den
Diktator Manuel Noriega in Panama, um die dort lebenden Amerikaner zu
schützen
und den Drogenhandel zu unterbinden.
Die Rationalität der Falken
Damit entfernte sich Reagan von der Doktrin seines eigenen
Verteidigungsministers Caspar Weinberger, der ebenso wie nun Rumsfeld
militärische Operationen nur im Falle
einer Bedrohung der amerikanischen Sicherheit
befürwortete. Neben der prinzipiellen Bejahung von Waffengewalt zur
Durchsetzung
des nationalen Interesses scheint es
also noch eine zweite Konstante in der amerikanischen Militärpolitik zu
geben:
Die offizielle Doktrin hat auch vor allem den Sinn, ein Zeichen zu setzen,
das von der eigenen Bevölkerung und den anderen Teilnehmern im
internationalen
Kräftespiel verstanden wird. Ob man aber den eigenen Vorgaben
schließlich
tatsächlich folgt ist eine andere Frage, die von Fall zu Fall
entschieden wird.
Trotz aller Muskelspielereien sind die USA immer noch eine demokratische
Nation, deren Führer
ihre Entscheidungen weitgehend auf Basis rationaler Überlegungen
treffen.
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