Unscheinbar sieht er aus. 1,80 groß, graues sportliches T-Shirt, braune Hose mit Flecken und
ausgetretene schwarze Slipper. Seine Haare scheinen das Wort Frisur nicht wirklich ernst zu
nehmen und der Vollbart läßt nicht erahnen, dass sich dahinter ein so perfides Mundwerk
verbergen könnte. Doch dann: Ohne Vorwarnung beginnt der 42-jährige Düsseldorfer seine
verbalen Geschosssalven abzufeuern. Die Pointen purzeln und überschlagen sich geradezu auf
dem Weg ins Ohr des Zuhörers. Denn da, wo andere Spaßmacher aufhören, fängt bei Volker
Pispers der Spaß erst an: Pointenexplosionen statt Rohrkrepierer lautet das Motto dieses
Abends.
Volker Pispers ist ein exzellenter politischer Kabarettist und Beobachter der deutschen
Mentalität. Ob Tagespolitik, Weltpolitik, die Bilanz ist ernüchternd. Wichtig ist nicht mehr die
Wirklichkeit, sondern die „gefühlte Wirklichkeit". Der Ausländeranteil oder der Steuersatz:
gefühlt ist er den Deutschen viel zu hoch. Und auch für Pispers scheint der gefühlte Anteil an
Missständen da draußen übermächtig zu sein. So torpediert er Parteien, Berufsstände,
Institutionen und Menschen von allen denkbaren Positionen. Fair ist er dabei nicht. Gott sei
Dank: Kabarett hat unfair zu sein! Aber das Publikum kann es ihm nicht übel nehmen: So nett,
wie er das alles erzählt, auch wenn er mit Themen wie „Ausschwitz" oder polemische
Bemerkungen zur Mahnmaldiskussion nervöse Seitenblicke provoziert. Und wenn sich doch
einmal leiser Widerstand regt, wie beim Frontalangriff auf den „Kanzlerdarsteller" Schröder,
wird dieser gnadenlos niedergelacht.
Von der NATO zum Massemord
Also doch Konsenskabarett? Nein, im Gegenteil: Der Rheinländer will es keinem Recht
machen. Er straft jeden, ungeachtet seines Parteibuches, egal ob Lügenpolitiker oder allzu
anspruchsloser Bürger. Alle kriegen ihr Fett weg, in dem sie Pispers schmoren läßt: Kosovo
und NATO, Lehrer und Ärzte, Walser und Bubis, Schulen und Scharping, Schäuble und Kohl,
Schröder und Merkel, Koch und Roland. Jeder, der nicht genannt wird, hat den Zenit seiner
Bedeutung bereits überschritten. Einen „Guido-ich-bin-im-Fernsehen-Westerwelle-Witz"
vermißt man deshalb gar nicht. Pausen zum Atmen dagegen schon.
Und einen Taschenrechner,
denn der Programmtitel ist doppelbödig: Haben sie sich schon mal gefragt, wieviel sie das
deutsche Parlament kostet, oder wieviel Zeit ihres Lebens sie wirklich arbeiten? Pispers rechnet
vor und führt mit den Ergebnissen eine eigene Rentendiskussion, dass einem ganz wirr wird im
Kopf. Jeder Versuch, sich der hinterhältig charmanten Art kurz zu entziehen, um selber
nachrechnen zu können, scheitert kläglich. So stolpert man hilflos lachend hinter dem Mann
aus Düsseldorf her und landet spätestens nach der ersten Viertelstunde auf dem von ihm auf
Hochglanz polierten Glatteis. Genau da, wo der Kabarettist die Zuhörer haben will: Auf allen
Vieren. Ans Protestieren denkt dabei keiner mehr. Vor allem dann nicht, wenn Pispers seine
Visionen von Schulen mit Werbepausen auspackt, den Massenmord an
Joghurtbakterienkulturen anprangert, oder die „Harrysierung" der deutschen Gesellschaft
beklagt.
Ein erfrischend intelligentes und homogenes Kabarettprogramm, dass sich niemals nur an der
Oberfläche bewegt. Blitzgescheit, atemberaubend schnell und aggressiv. Da schleicht sich
sogar ein kleiner Kalauer wie „Angela, ich Merkel gar nichts" im Pointengewitter ungesehen ins
trockene. Man muß höllisch aufpassen: Ehe man sich's versieht, hat Pispers das Thema
gewechselt. Schwenkt um von Merkels Haaren zur knallharten Analyse der „Präzisionskriege"
in Tschetschenien oder im Kosovo. Und das innerhalb von nur zwei Sätzen - ohne
unglaubwürdig zu werden!
Kabarett-Pädagoge beim Zahnarzt
Die größte Stärke des ehemaligen Lehrers aber ist das Erklären von Hintergründen. Kabarett
spielt hauptsächlich mit den Wissenszusammenhängen der Zuschauer. Es deutet an, es täuscht,
es parodiert. Das macht noch mehr Spaß, wenn man versteht, worum es geht. Das weiß man
bei Pispers immer. Immer dann, wenn er die „große" Politik auf den Boden der Tatsachen
zurückholt, wünscht man sich den 42-jährigen insgeheim als Klassenlehrer. Wenn er von einem
Zahnarztbesuch erzählt, den jeder Kassenpatient wohl schon einmal in dieser Form erleben
durfte und dabei ganz nebenbei noch kurz das große Manko des deutschen Gesundheitswesens
erklärt, dann fühlt man sich ernst genommen, informiert, unterhalten und inspiriert. Die
Nummer über die Auswirkungen einer sich selbst kontrollierenden und verwaltenden Ärzteelite
bohrt tief und trifft den Nerv. Der Zahnärzte. Schreien möchte man auch bei manch wörtlich
referiertem Zitat. Ob das nun von „Opfer-Schäuble", der „Martinsgans Walser", oder dem
neuen „Bundeskohl" stammt: genüsslich zitiert sich Pispers quer durch die blödsinnigsten
Absonderungen der Mächtigen dieses Landes.
Das sich Pispers trotz aller rhetorischer Überlegenheit nicht zu ernst nimmt, muss man ihm
hoch anrechnen. Er grinst über eigene Pointen und selbst beim Anpreisen seiner eigenen
kommerziellen Erzeugnisse (Bücher, CDs) schüttelt man sich vor Lachen und akzeptiert ein -
eigentlich - plumpes Merchandising als Zugabe. Soweit hat er uns schon im Griff. Und auch
wenn Pispers nach der Vorstellung vom Kabarettkollegen Hans-Jürgen Silbermann, einem
Ensemblemitglied der Lach- und Schießgesellschaft, aufs Stürmischte umarmt und
beglückwünscht wird, bleibt er bescheiden und erkundigt sich verlegen, ob sein Programm
nicht doch ein bisschen zu lang gewesen sei. Ja, lang war es, immerhin fast drei Stunden, aber
zu lang? Nein. Noch länger, noch mehr. Bitte, Volker ... äh, Herr Pispers.
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