e-politik.de - Artikel  ( Artikel-Nr: 811 )


Kabarett - Aktuelle Programme

Volker Pispers

Volker Pispers: Damit müssen Sie rechnen...

Autor :  Claus von Wagner
E-mail: redaktion@e-politik.de

Das politische Kabarett ist tot. Es lebe das politische Kabarett. Volker Pispers war bei der Münchner Lach- und Schießgesellschaft zu Gast. Claus von Wagner hat sich klug-gelacht.


Unscheinbar sieht er aus. 1,80 groß, graues sportliches T-Shirt, braune Hose mit Flecken und ausgetretene schwarze Slipper. Seine Haare scheinen das Wort Frisur nicht wirklich ernst zu nehmen und der Vollbart läßt nicht erahnen, dass sich dahinter ein so perfides Mundwerk verbergen könnte. Doch dann: Ohne Vorwarnung beginnt der 42-jährige Düsseldorfer seine verbalen Geschosssalven abzufeuern. Die Pointen purzeln und überschlagen sich geradezu auf dem Weg ins Ohr des Zuhörers. Denn da, wo andere Spaßmacher aufhören, fängt bei Volker Pispers der Spaß erst an: Pointenexplosionen statt Rohrkrepierer lautet das Motto dieses Abends.

Volker Pispers ist ein exzellenter politischer Kabarettist und Beobachter der deutschen Mentalität. Ob Tagespolitik, Weltpolitik, die Bilanz ist ernüchternd. Wichtig ist nicht mehr die Wirklichkeit, sondern die „gefühlte Wirklichkeit". Der Ausländeranteil oder der Steuersatz: gefühlt ist er den Deutschen viel zu hoch. Und auch für Pispers scheint der gefühlte Anteil an Missständen da draußen übermächtig zu sein. So torpediert er Parteien, Berufsstände, Institutionen und Menschen von allen denkbaren Positionen. Fair ist er dabei nicht. Gott sei Dank: Kabarett hat unfair zu sein! Aber das Publikum kann es ihm nicht übel nehmen: So nett, wie er das alles erzählt, auch wenn er mit Themen wie „Ausschwitz" oder polemische Bemerkungen zur Mahnmaldiskussion nervöse Seitenblicke provoziert. Und wenn sich doch einmal leiser Widerstand regt, wie beim Frontalangriff auf den „Kanzlerdarsteller" Schröder, wird dieser gnadenlos niedergelacht.

Von der NATO zum Massemord

Also doch Konsenskabarett? Nein, im Gegenteil: Der Rheinländer will es keinem Recht machen. Er straft jeden, ungeachtet seines Parteibuches, egal ob Lügenpolitiker oder allzu anspruchsloser Bürger. Alle kriegen ihr Fett weg, in dem sie Pispers schmoren läßt: Kosovo und NATO, Lehrer und Ärzte, Walser und Bubis, Schulen und Scharping, Schäuble und Kohl, Schröder und Merkel, Koch und Roland. Jeder, der nicht genannt wird, hat den Zenit seiner Bedeutung bereits überschritten. Einen „Guido-ich-bin-im-Fernsehen-Westerwelle-Witz" vermißt man deshalb gar nicht. Pausen zum Atmen dagegen schon.

Und einen Taschenrechner, denn der Programmtitel ist doppelbödig: Haben sie sich schon mal gefragt, wieviel sie das deutsche Parlament kostet, oder wieviel Zeit ihres Lebens sie wirklich arbeiten? Pispers rechnet vor und führt mit den Ergebnissen eine eigene Rentendiskussion, dass einem ganz wirr wird im Kopf. Jeder Versuch, sich der hinterhältig charmanten Art kurz zu entziehen, um selber nachrechnen zu können, scheitert kläglich. So stolpert man hilflos lachend hinter dem Mann aus Düsseldorf her und landet spätestens nach der ersten Viertelstunde auf dem von ihm auf Hochglanz polierten Glatteis. Genau da, wo der Kabarettist die Zuhörer haben will: Auf allen Vieren. Ans Protestieren denkt dabei keiner mehr. Vor allem dann nicht, wenn Pispers seine Visionen von Schulen mit Werbepausen auspackt, den Massenmord an Joghurtbakterienkulturen anprangert, oder die „Harrysierung" der deutschen Gesellschaft beklagt.

Ein erfrischend intelligentes und homogenes Kabarettprogramm, dass sich niemals nur an der Oberfläche bewegt. Blitzgescheit, atemberaubend schnell und aggressiv. Da schleicht sich sogar ein kleiner Kalauer wie „Angela, ich Merkel gar nichts" im Pointengewitter ungesehen ins trockene. Man muß höllisch aufpassen: Ehe man sich's versieht, hat Pispers das Thema gewechselt. Schwenkt um von Merkels Haaren zur knallharten Analyse der „Präzisionskriege" in Tschetschenien oder im Kosovo. Und das innerhalb von nur zwei Sätzen - ohne unglaubwürdig zu werden!

Kabarett-Pädagoge beim Zahnarzt

Die größte Stärke des ehemaligen Lehrers aber ist das Erklären von Hintergründen. Kabarett spielt hauptsächlich mit den Wissenszusammenhängen der Zuschauer. Es deutet an, es täuscht, es parodiert. Das macht noch mehr Spaß, wenn man versteht, worum es geht. Das weiß man bei Pispers immer. Immer dann, wenn er die „große" Politik auf den Boden der Tatsachen zurückholt, wünscht man sich den 42-jährigen insgeheim als Klassenlehrer. Wenn er von einem Zahnarztbesuch erzählt, den jeder Kassenpatient wohl schon einmal in dieser Form erleben durfte und dabei ganz nebenbei noch kurz das große Manko des deutschen Gesundheitswesens erklärt, dann fühlt man sich ernst genommen, informiert, unterhalten und inspiriert. Die Nummer über die Auswirkungen einer sich selbst kontrollierenden und verwaltenden Ärzteelite bohrt tief und trifft den Nerv. Der Zahnärzte. Schreien möchte man auch bei manch wörtlich referiertem Zitat. Ob das nun von „Opfer-Schäuble", der „Martinsgans Walser", oder dem neuen „Bundeskohl" stammt: genüsslich zitiert sich Pispers quer durch die blödsinnigsten Absonderungen der Mächtigen dieses Landes.

Das sich Pispers trotz aller rhetorischer Überlegenheit nicht zu ernst nimmt, muss man ihm hoch anrechnen. Er grinst über eigene Pointen und selbst beim Anpreisen seiner eigenen kommerziellen Erzeugnisse (Bücher, CDs) schüttelt man sich vor Lachen und akzeptiert ein - eigentlich - plumpes Merchandising als Zugabe. Soweit hat er uns schon im Griff. Und auch wenn Pispers nach der Vorstellung vom Kabarettkollegen Hans-Jürgen Silbermann, einem Ensemblemitglied der Lach- und Schießgesellschaft, aufs Stürmischte umarmt und beglückwünscht wird, bleibt er bescheiden und erkundigt sich verlegen, ob sein Programm nicht doch ein bisschen zu lang gewesen sei. Ja, lang war es, immerhin fast drei Stunden, aber zu lang? Nein. Noch länger, noch mehr. Bitte, Volker ... äh, Herr Pispers.




Foto: Copyright liegt bei www.theaterkontor.de




Weiterführende Links:
   Münchner Lach- und Schießgesellschaft: http://www.lachundschiess.de
   Homepage von Volker Pispers: http://www.volkerpispers.de


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