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e-politik.de - Home  Kultur & Politik  Politisches Buch   Das Politische Buch - Biografien / Erinnerungen


Jana Frey: Das eiskalte Paradies

Jana Frey: Das eiskalte Paradies

Autor :  Redaktion e-politik.de
E-mail: redaktion@e-politik.de
Artikel vom: 28.11.2000

Die Biographie eines Mädchens bei den Zeugen Jehovas. Die Autorin Jana Frey hat sie nach langen Interviews mit der jungen Hannah niedergeschrieben. Barbara Mechler hat es für e-politik.de gelesen.


"Das eiskalte Paradies", ein Buchtitel der aus der Feder einer Rosamunde Pilcher stammen könnte. Doch weit gefehlt. Statt Herz und Schmerz eine eindringliche Dokumentation über das Leben eines Mädchens in einer Sekte.
Man kennt sie, hat das ein oder andere von ihnen gehört oder sieht sie zuweilen, den Wachtturm in der Hand, Randerscheinung einer jeden mittelgroßen Stadt. Die Zeugen Jehovas, belächelt, mißtrauisch beäugt oder einfach ignoriert.
Eine von ihnen ist die junge Hannah und ihre Geschichte hat Jana Frey niedergeschrieben. Entstanden ist eine ergreifende Biographie die durchaus Spuren hinterläßt. Aus der Perspektive Hannahs dargestellt, eröffnet sich dem Leser ein guter Einblick in den Lebensalltag eines Sektenmitgliedes. Es ist Jana Frey gelungen für die massiven Probleme, die sich durch die hierarchisch strukturierte Glaubensgemeinschaft gerade für die jugendlichen Mitglieder in zweiter oder dritter Generation ergeben, zu sensibilisieren. Einfühlsam und mit viel Gespür für psychologische Zusammenhänge zeichnet sie Hannahs Lebensweg nach.

Zeit im Neben

Hannah ist das Kind einer lebenslustigen jungen Frau und eines eher introvertierten jungen Mannes. Das Familienleben gestaltet sich, von diversen finanziellen Schwierigkeiten einmal abgesehen, zumeist harmonisch. Dies ändert sich abrupt mit dem plötzlichen Tod der Mutter. Sie hinterläßt eine erst fünfjährige Tochter und einen hilflosen Lebensgefährten, der sich zunehmend in sich selbst zurückzieht. Für die Ängste und Nöte seiner Tochter hat dieser kein Ohr. Selbst heillos überfordert, flüchtet er sich in seine eigene Welt. So folgen dem Tod der Mutter drei trübselige Jahre des Nebeneinanderherlebens von Vater und Tochter. Hannah erlebt diese Zeit wie durch einen Nebel hindurch. Auf die fehlende Geborgenheit reagiert sie mit einer ständig gegenwärtigen Müdigkeit, die sie gegen die eigene Trauer und Enttäuschung abschirmen.
Und genau hier nimmt die Geschichte eine unmittelbare Wendung. Der Vater lernt Roswitha kennen, die ihm neuen Lebensmut gibt. Und auch Hannah, die von Roswitha liebevoll aufgenommen wird, ist begeistert. Ausgehungert nach Zuwendung und Geborgenheit freundet sie sich schnell mit Roswitha an.
Dass Roswitha eine Zeugin Jehovas ist, erfährt Hannah nur wie nebenbei. Der Geburtstag wird nicht mehr gefeiert, die Hochzeit des Vater mit Roswitha fällt bescheiden aus. Ohne großes Aufhebens vollzieht sich die Einbindung in den Lebensalltag der Sekte und Hannah, die unter der Isolation an der Seite eines sehr distanzierten Vaters zu leiden hatte, genießt die familiäre Idylle. Und auch der Vater, eher eine labile Persönlichkeit und für eine neue Sinngebung empfänglich, fügt sich nahtlos in das neue System ein.
Hannahs Erinnerung an die tote Mutter verblassen, an ihre Stelle tritt Roswitha. Hannah liebt sie, ebenso ihre drei Brüder, die Roswitha im Laufe der Zeit geboren hat und sie liebt die Kirche, der sie nun zugehört, sowie deren Gott Jehova, von dem sie sich beschützt fühlt.
Doch mit dem Einsetzen der Pubertät gerät ihre behütete Welt ins Wanken. Die Tabuisierung jeglicher sexueller Bedürfnisse führen zu schweren Schuldgefühlen. Auf der Suche nach der eigenen Identität gerät sie zunehmend in Konflikt mit dem Wertesystem der Glaubensgemeinschaft, die jede Tendenz zur Individualität mit restriktiven Maßnahmen belegt. Hinter der lächelnden Fassade zeigt sich das unschöne Gesicht psychischer und physischer Gewalt. An die Stelle von Geborgenheit tritt Isolation. Unvermittelt findet sich Hannah wieder im "eiskalten Paradies".
Die Situation eskaliert, als Hannah und ihr Klassenkamerad Paul sich ineinander verlieben.

Ein authentisches Bild entsteht

So weit zum Inhaltlichen, denn im Interesse all derer, die vielleicht in Erwägung ziehen dieses Buch zu lesen, will ich seinem Ausgang nicht vorgreifen. Es lohnt sich Hannahs Geschichte selbst für sich zu entdecken.
Jana Frey stellt ihre Fähigkeit unter Beweis, das vorgegebene Material aus Interviews und Tagebucheintragungen so zu verarbeiten, dass ein authentisches Bild entsteht. Hannahs Empfindungen und Reaktionen werden nachvollziehbar, gleichzeitig gewinnen die Strukturen und Mechanismen der Glaubensgemeinschaft an Transparenz.

Schnell hat man sich in die Geschichte eingelesen und schon nach den ersten Seiten fällt es schwer, das Buch wieder aus der Hand zu legen. Jana Frey sensibilisiert gleichzeitig für die Gefahren, die dieses System birgt: Konformismus statt Individualität, und somit auch Abbau jeglicher persönlicher Freiheit, bis hin zur Selbstaufgabe. Was bleibt ist die Unterwerfung der Person, die durch die Gruppe kontrolliert und beherrscht wird. Ein "Big-Brother-Effekt". Jehova fungiert als allgegenwärtige Kontrollinstanz, die im Sinne von Zuckerbrot und Peitsche, mit dem Paradies lockt und der Vernichtung droht. Den Ungläubigen, sowie den Abtrünnigen erwarten am Tage des "Harmagedon", dem unmittelbar bevorstehenden Krieg Gottes, ein leidvolles Zugrundegehen. Ähnlich gestrickt sind auch die Erziehungsmethoden. Und so verwundert es nicht, dass aus einem Wust von Schuldgefühlen und Ängsten vor psychischer, wie physischer Gewalt eine beschädigte Person hervorgeht, die selbstzerstörerische Tendenzen aufweist.
In aller Deutlichkeit zeigt sich die Diskrepanz zwischen dem elitären Bewußtsein zu einer auserlesenen Minderheit zu gehören, die sich den Zugang zu einem göttlichen Paradies erworben hat und einer diesseitigen Lebensorganisation, die mit ihren strengen und sehr einengenden moralischen Wertmaßstäben, wenig paradiesisch anmutet.

Ein empfehlenswertes Buch

Mit klarer, verständlicher Sprache führt Jana Frey durch die ereignisreiche Lebensgeschichte der Hannah. Ganz zum Sprachrohr des jungen Mädchens geworden, läßt sie den Leser vergessen, das nicht diese selbst ihre Geschichte niedergeschrieben hat.

Dass am Ende des Buches eine kurze Erläuterung zu der Entstehung, den Glaubensinhalten und der Organisation der Glaubensgemeinschaft zu finden ist, macht Sinn und hätte ruhig noch etwas umfangreicher ausfallen können.

Lobenswert auch, eine Adressenliste der Beratungsstellen für Betroffene anzugeben, wie hier erfolgt.

Alles in allem ein empfehlenswertes Buch, das durchaus auch für den Religions-, oder Sozialkundeunterricht geeignet scheint. Es läßt sich mühelos lesen und fördert nichtsdestoweniger einen differenzierten und reflektierten Umgang mit dem Thema.

Jana Frey: "Das eiskalte Paradies: ein Mädchen bei den Zeugen Jehovas"
Löwe Verlag, Bindlach 2000
16,80 Mark
ISBN 3-7855-3569-4


Barbara Mechler ist Sozialpädagogin. Derzeit studiert sie Philosophie in München.


   

Weiterführende Links:
   Loewe-Verlag



Leserkommentar von Thomas
am 25.07.2003
Das Paradies???

So schnell, hatte ich ein Buch noch nie gelesen. In zwei Tagen bin ich damit fertig gewesen. Es ist fraglich, ob ich den Inhalt jemals vergessen werde! Es ist schockierend, wie die Zeugen Jehovas ihre Mitglieder unter Druck setzen, nur um sie einzuschüchtern. Ich bin und war zwar kein Zeuge Jehovas (wenn dann Zeuge Jahwes!), aber ich kann Hannah sehr gut nachfühlen. Erst im vergangenen Dezember trat ich aus der ev. Landeskirche (aus Glaubensgründen) aus. Ich fand erstaunlich viele Parallelen... Anhand eines Zeuge Jehovas in meiner Klasse sehe ich, was traurige Menschen sind, wobei die Bibel uns lehrt, dass wahre Gläubige nur so vor Freude sprudeln! Bei meinen Missionseinsätzen hab ich immer wieder mit Zeugen Jehovas zu tun - ich könnte heulen. Ein ehemaliger Prediger der Zeugen hat mir einmal erklärt, die Lehre der Zeugen "...sei ein einziger Selbstbetrug!", was man anhand dieses Buches merkt. Sind Lügen an der Haustür der einzige Weg, um ins Gespräch zu kommen und diese Lügen, die am laufenden Band kommen werden von Jehova geduldet!?! Das Buch hat mich allerdings neugierig gemacht, was mit Hannah weiter geschah. Wie es ihr geht, usw. würde mich auch brennend interessieren!

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