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e-politik.de - Home  Brennpunkt  Internationales   Brennpunkt Balkan   Jugoslawien   Vom Kosovo nach Serbien - ein Grenzübertritt


Gebäude hinter Kfor-Stacheldraht

Wir sind der Feind oder: Warum hasst Ihr Serbien?

Autor :  Andreas Bock
E-mail: redaktion@e-politik.de
Artikel vom: 12.07.2000

Im Kosovo ist man gefeierter Befreier und Gast. An der Grenze zu Serbien aber büßt man diesen Status ein: Hier ist man die NATO, ein Bombenwerfer und Feind. Ein Erfahrungsbericht über die alltägliche Schwarz-Weiß-Zeichnung in Serbien von Andreas Bock.


An der Grenze und auf den Straßen patrouillieren Einheiten der Kfor und für Recht und Ordnung sorgt die UNMIK, die Übergangsverwaltung der Vereinten Nationen oder versucht es zumindest. Im Kosovo ist die eigentliche Staatsmacht suspendiert. Völkerrechtlich ist das Kosovo zwar noch immer Bestandteil der jugoslawischen Teilrepublik Serbien, de facto aber haben Kfor und UN die Hoheitsmacht inne. Deshalb muss, wer das Kosovo bereist, keine besonderen Vorkehrungen treffen, keine Visa besorgen, obwohl man als Angehöriger eines NATO-Partnerstaates für Rest-Jugoslawien sehr wohl der Visa-Pflicht unterliegt.
Für Besucher aus dem Westen ist es beinahe wie Urlaub im eigenen Land ­ außer dass man regelmäßig von schwerbewaffneten Soldaten kontrolliert wird. Allesamt nette Jungs aus Kanada, Norwegen, Italien oder Deutschland, sobald man einen westliche Pass zückt.

Die völkerrechtliche Wirklichkeit aber holt einen ein, wenn man das Kosovo ohne Visum in Richtung Serbien verlassen will. An der Grenze zu Serbien, in der Regel eine provisorische Schranke und ein Stahlcontainer, machen einem schwerbewaffnete Sicherheitskräfte in blauen Kampfanzügen klar, dass sie es mit der Visa-Pflicht sehr genau nehmen. Und da man ein Visum eigentlich für Rest-Jugoslawien braucht, bräuchte man es auch für das Kosovo. Wer also einfach so ins Kosovo reist, hat noch bevor er nach Serbien eingereist ist, schon serbisches Recht verletzt, woran man leider nicht immer denkt.

Diese Erfahrung durften mein Kollege, der Foto-Journalist Johannes Simon, und ich vor kurzem machen. Mit dem Auto besuchten wir das Kosovo. Die Straßen dort sind in einem katastrophalen Zustand, besonders die Passstraßen, die sich nicht auf serbischem Territorium befinden. Sie sind stark befahren, werden aber kaum ausgebessert. An den Pässen kommt es regelmäßig zu tagelangen Staus. Und die wollten wir bei der Rückreise irgendwie umgehen. Darum entschlossen wir uns, über Rest-Jugoslawien, also Serbien zurückzufahren. Soldaten der Kfor und auch Mitglieder einer deutschen NGO (Nicht-Regierungsorganisation) erklärten uns, dass man das benötigte Visum mit ein bisschen Geduld auch an der serbischen Grenze bekommen könne. Vielleicht, nur sind wir zu diesem Punkt gar nicht erst gekommen...

Krankhaftes Misstrauen

Irgendwie hatte die Situation etwas Unwirkliches. Was wohl auch mit der Einrichtung des Raumes zusammenhing. In der Ecke stand flimmernd ein Fernsehgerät und von den Wänden lachten barbusige Schönheiten. Kaum das, was man sich vom Büro einer serbischen Polizeistation erwartet, so wenig wie wir erwarteten, der illegalen Einreise beschuldigt zu werden. Zumindest nicht, nachdem man uns von der Grenze unter Polizeischutz ins serbische Novi Pazar gebracht hatte, und zwar unter dem Vorwand, uns dort die nötigen Visa auszustellen. Und so wenig wir ein fast 12-stündiges Verhör und solche Fragen erwarteten: "Warum hasst Ihr die Serben?" oder: "Warum wollt Ihr die Zerstörung Serbiens?"

Als man uns auf der Polizeistation schnell voneinander trennte - zu schnell, als dass wir noch ein Wort hätten wechseln können - und jeder in ein separates Zimmer gebracht wurde, dämmerte uns langsam: Das alles hatte bereits an der Grenze begonnen. Man hatte unsere Pässe nicht einbehalten, um sie zu überprüfen und uns später ein Visa auszustellen, wie wir gehofft hatten. Nein, wir waren ganz offensichtlich bereits dort festgenommen worden. Unsere Pässe hatte man uns abgenommen, um unsere Rückreise ins Kfor-Land unmöglich zu machen. Eine Prozedur, die, genau wie die vorwurfsvollen Fragen, symptomatisch für das Klima im Land ist.

Ein halbes Jahr nach Ende des Krieges erlebte man als Besucher der jugoslawischen Teilrepublik ein fast paranoides Misstrauen. Was uns bereits der Grenzsoldat deutlich machte, dem schon die westeuropäischen Pässe verdächtig waren. "NATO", mehr sagte er nicht. In den vier Buchstaben aber lag mehr Verachtung als in einer wütenden Beleidigung. Für den Mann im blauen Kampfanzug ist klar, wer der Feind ist. Wie auch für den Beamten im Zimmer mit den Hochglanzfotos. Seinen Namen wollte er nicht nennen, so wenig wie einen Ausweis zeigen. Dafür berichtete er von gezielten Angriffen der NATO auf zivile Ziele in Serbien und von Übergriffen auf Serben im Kosovo. Aber nicht von den Vorfällen der jüngsten Vergangenheit spricht der Mann.
Mit ruhiger Stimme, den Blick abwechselnd auf sein Gegenüber und die Notizen gerichtet, erteilt er eine Lektion in neuer serbischer Geschichtsschreibung: In den letzten zehn Jahren seien die Serben im Kosovo unterdrückt worden. "Systematisch", wie die Dolmetscherin mit besonderer Betonung übersetzt.

Neue serbische Geschichtsschreibung: Serbien ist das Opfer

Mirjana Sarac war am frühen Abend in die Polizeistation gerufen worden, und so von der Englischlehrerin zur offiziellen Übersetzerin avanciert. Auch sie erzählt von Jahren der Verfolgung durch die Kosovaren, obwohl sie zugeben muss, es nie selbst erlebt zu haben. Was doch überrascht, da sie bis vor sechs Monaten noch in Prishtina gelebt hat, der Provinzhauptstadt des Kosovo. Zweifel an der Geschichte aber kommen der 23-jährigen Frau nicht. So wenig wie den Besuchern im Kaffeehaus oder dem Tankwart, der den rationierten Treibstoff nur noch gegen Bezugschein verkaufen darf. Immer wieder hört man Berichte über die Zerstörung des Landes, die so gar nicht zu dem passen wollen, was man in Serbien tatsächlich sieht. Zwar stößt man auf zerstörte Brücken und zerbombte Militäranlagen, wie die verbogenen Schilder verraten, die noch immer das Fotografieren verbieten.
Von einem zerstörten Land aber kann man kaum sprechen - nicht wenn man aus dem Kosovo oder aus Bosnien nach Serbien reist. Es klingt zynisch, aber wer in Peja oder Sarajevo die aufgeplatzten Häuserruinen gesehen hat, entdeckt in Serbien kein Schlachtfeld, sondern Peter Handkes Paradies.

Die Menschen hier nehmen ihr Schicksal aber anders wahr, erleben es anders - als Schmach und ungerechte Niederlage gegen einen übermächtigen Feind. "Warum wollt Ihr uns vernichten?", muss man sich darum von den serbischen Beamten fragen lassen. In vielen Köpfen haben die Rollen von Opfern und Täter längst die Plätze getauscht. Und tatsächlich scheinen viele der Bürger den Grund nicht zu kennen, warum die NATO ihr Land angegriffen hat, warum es unter Sanktionen leiden muss. "Was tut der Westen für uns und unsere Flüchtlinge?", ist eine oft gestellte Frage. Man glaubt sie auch in den mal misstrauischen, mal verständnislosen Blicken der Menschen zu finden, die man auf Deutsch oder Englisch anspricht. Und der Besucher aus dem Westen steht nicht weniger ratlos da. Zu vertraut sind die Bilder der letzten zehn Jahre, als mit Bosnien und Kosovo blutige Vertreibungskriege nach Europa zurückkehrten.

Der Mythos "Amselfeld"

In Serbien aber erfährt man, dass die gleichen Bilder zu einer grotesken Neuauflage der mythischen Opferrolle führten. 1389 erlitten der serbische Fürst Lazar und seine Verbündeten auf dem Amselfeld (Kosovo Polje) eine vernichtende Niederlage gegen die Osmanen, was deren 500jährige Herrschaft einleitete. Eine Niederlage, die zur Wiege des Serbentums überhöht und zugleich zum Trauma Serbiens wurde. Heute, mehr als 600 Jahre später, hat sich die Schlacht um das Amselfeld für die Menschen scheinbar wiederholt. Wieder hat man gegen eine Übermacht um die heilige Erde gekämpft ­ und wieder verloren.

Was damals die Osmanen waren, sind heute die NATO und die Kfor. Und die Serben fühlen sich einmal mehr als Opfer. Diese Botschaft ist fester Bestandteil der staatlich gelenkten Informationspolitik. Seit der Machtergreifung Slobodan Milosevics Ende 1987 sind die wichtigsten serbischen Medien ­ das Fernsehen und die Tageszeitung Politika ­ weitgehend gleichgeschaltet. Zudem wacht das Regime weiter aufmerksam über die verbleibenden unabhängigen Medien, setzt sie unter Druck oder verleibt sie - wenn nötig - dem staatlichen Informationspool ein, wie zuletzt den Fernsehsender Studio B und die Radiostationen Index und B2-92.
Der Staat besitzt in Serbien de facto die Informations- und Deutungshoheit. Die kleinen Zeitungen oder Sender stehen ohnehin auf verlorenem Posten: rund 85 Prozent der Bevölkerung Serbiens nutzen das staatliche (regimetreue) Fernsehen. Aber auch Oppositionspolitiker wie Vuk Draskovic, der Führer der Serbischen Erneuerungsbewegung, bedienen sich des Opfermythos ­ unabhängig von der Kritik an Milosevic. Die eigenartige Rezeption der kosovarisch-serbischen Vergangenheit wie auch des Kosovo-Krieges ist aber kein serbisches Vorrecht ­ was eine Sonderseite der Uni Marburg eindrucksvoll beweist.

Doch wer wie Mirjana seit langem nichts anderes kennt, beginnt zu glauben was er ständig hört. Zumal es leichter ist, auch für das eigene Wohlbefinden, was auch das Nachkriegs-Deutschland in Jahrzehnten der Nichtbeschäftigung mit seiner Vergangenheit bewiesen hat. Wenig überraschend war es darum, dass Mirjana und der Beamte fest überzeugt schienen, dass sich die Kfor hauptsächlich aus deutschen Soldaten zusammensetzt, den alten Feinden aus dem Zweiten Weltkrieg. Eine Erinnerung, die lebendiger ist denn je. "Warum hasst Ihr die Serben?", fragte der Beamte zum Xten Mal. Nur um sich jetzt selbst die Erklärung zu liefern: "Wissen Sie von Kragujevac?" Am 21. Oktober 1941 wurden dort von deutschen Truppen mindestens 3000 Männer und Frauen erschossen. "Schämen Sie sich dafür?" Eine Antwort aber will er nicht hören, nur eine banale Botschaft vermitteln: Die Deutschen tun wieder, was sie schon einmal taten. Hier sind einfache Schemata am Werk, die mit Schwarz und Weiß ein klares Bild zeichnen ­ in dem die Deutschen die Täter, die Serben die Opfer sind. Die Menschen hier sind von Feindbildern beherrscht. So wie einen der Pass bereits verdächtig macht, überführt einen die traditionelle kosovarische Kopfbedeckung im Gepäck als Freund der Kosovaren ­ und Feind der Serben. Umgekehrt aber stempelte einen die serbische Flagge im Kosovo genauso zum Feind. Feindbilder auch dort.

Mit ungläubigem Kopfschütteln reagierte Mirjana, als sie erfuhr, dass neben den Deutschen noch 35 Nationen in der Kfor Dienst tun ­ darunter Amerikaner, Schweizer, Afrikaner und auch Russen. Und auch der Beamte schien überrascht und interessiert. Zumindest notierte er ausführlich und unterstrich mehrmals ­ nachdem er nachgefragt hatte: "Mehrere Nationen? Auch Russen?" Wirklich überzeugt hat es ihn aber nicht. So wenig wie die Antworten auf die anderen Fragen. Egal was man gesagt hat, es schien falsch zu sein. Wenn er der Dolmetscherin ins Wort fiel wurde klar, dass er die Antworten als Täuschungsversuch oder Provokation empfand. Auch wenn man ihm hundert Mal erklärte, dass die Aufnahmen der zerstörten serbischen Kirchen die Eskalation der Gewalt im Kosovo belegen sollen, wollte er davon nichts wissen.
Sie erschienen ihm weiter nur als ein Mittel, die Serben im Ausland schlecht zu machen. "Er glaubt Dir nicht", erklärte Mirjana in einem unbeobachteten Moment. Was viel über die Befindlichkeit Serbiens verrät.

Als Ausländer verdächtig

Wir waren und blieben verdächtig, nur weil wir Deutsche waren, über einen Fotoapparat und einen Computer verfügten und aus dem Kosovo kamen. Das machte uns zu Feinden. Eine Rolle aus der wir uns nicht befreien konnten. Und so wurden wir behandelt ­ stundenlang unter Druck gesetzt und bedroht. Was vor allem mein Kollege zu spüren bekam. Während ich mich stundenlang mit serbischer Geschichtsschreibung beschäftigen durfte, wurde Johannes wiederholt bedroht ­ psychisch wie physisch. Er wurde an die Wand geschleudert, als die Antworten nicht zur Zufriedenheit der beiden Beamten ausfielen, und mit der Faust bedroht. Unmissverständlich wurde ihm klar gemacht, dass er ausgeliefert sei: "Wir haben viel Zeit. Du hast keine Zeit!"

Bei keinem von uns achtete man die Grundfreiheiten und Grundrechte ­ weder die Religionsfreiheit, noch das Zeugnisverweigerungsrecht, noch das Recht auf Würde und körperliche Unversehrtheit. In nur wenigen Minuten war die altbekannte Rechtssicherheit, das Wissen, dass man auch dem Staat und seiner Ordnungsmacht gegenüber unveräußerliche Recht hat, der Unsicherheit und Willkür gewichen. Das Wissen, dass man Rechte hat, war hier nichts mehr wert. Mit dem fahrigen Hinweis auf "die Gesetze" wurde am Ende unsere Computer- und Fotoausrüstung konfisziert. Wofür wir fast dankbar waren, da wir immerhin weiterreisen durften ­ ohne inhaftiert oder massiv misshandelt worden zu sein. Schließlich hatten wir gerade hautnah erlebt, was es heißt der Feind zu sein.

Foto: Copyright liegt bei Johannes Simon


   

Weiterführende Links:
   Kosovo-Albaner über den Kosovo
   Serben über den Kosovo



Leserkommentar von Hans
am 03.11.2001
QUITTUNG

Toller Bericht!
Kann niemand die Leute in Jugoslawien verstehen?
Da macht ein Diktator sein Bestes um seinen Staat und dessen Bevölkerung auszubeuten und zu betrügen, da ist doch das einzige was bleibt der stolz auf die eigene Geschichte und Kultur! Auf dem Kosovo standen bereits serbisch Orthodoxe Kloster und Kirchen, da krochen die "Kosovaren" noch durch den Dreck in Albanien!!! Nach dem Zurückdrängen der Türken vor den Toren Wiens, haben wir uns Jahrhunderte lang mit den Osmanischen Reich und dessen Überbleibseln rumärgern dürfen!
Ein Moslemischer Staat auf dem Balkan, das hat die NATO mit Ihren Angriffen erzwungen. Das die Albaner nun mit Bin Laden T-Shirts rumlaufen und man rausbekommt, dass auch hier etliche Schläfer und Millionen von Dollar aus arabischen Ländern vorzufinden sind, dann kann man das als Serbe nur mit einem lächeln und zur Kenntnis nehmen!
Hier haben sich die Amerikaner und damit auch die NATO, einen weiteren Krisenherd geschaffen, der Ihnen noch viel Kopfschmerzen bereiten wird! Eine Quittung für die "westlichen zivilisierten Staaten"!

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