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USA

Deutsche Medien in Zeiten des Terrors

Autor :  Florian Bergmann
E-mail: redaktion@e-politik.de
Artikel vom: 16.09.2001

Die größten Terroranschläge in der Geschichte haben nicht nur Auswirkungen auf Politik und Wirtschaft. Auch die Medienlandschaft zeigt ein bislang unbekanntes Gesicht. Florian Bergmann hat sich die vergangenen Tage durch den Medienwald gekämpft.


Die unmittelbaren Bilder, die uns live den Einschlag des zweiten Flugzeuges in den Wolkenkratzer zeigten, und die Nähe, mit der über die Rettungsarbeiten berichtet wurde, verstärkten die Emotionen weltweit. Es war, als wäre ein Hollywood-Katastrophenfilm wahr geworden.
Die Sonderberichterstattung im deutschen Fernsehen begann am Dienstag um etwa 15.00 Uhr nach dem Bekanntwerden der ersten Terroranschläge. Als erster Sender unterbrach RTL sein Programm mit einer Live-Ausgabe von "RTL Aktuell ". Sieben Stunden sendete RTL von da an ohne Werbeunterbrechungen - ein Novum auf dem deutschen TV-Markt. Am Mittwoch wurden dem Ereignis 23 Stunden gewidmet.
Die ARD sagte wie das ZDF auch alle Unterhaltungssendungen ab und bewies wieder einmal, Marktführer in Sachen Information zu sein. Die abendliche "Tagesschau" erreichte am Dienstag 9,91 Millionen Deutsche. Sondersendungen wie "Brennpunkt" und "Tagesthemen extra" waren ebenfalls willkommene Informationsquellen. Am Mittwoch schrieb der ARD- und ZDF-Ereigniskanal Phoenix mit zehn Millionen Zusehern in der Gesamtwertung einen Rekord in der Sendergeschichte, man übernahm auch die Berichterstattung für einige dritte Programme.

Ungewohnte Allianzen

Vielen Zusehern wurde am Abend der Ereignisse, als Deutschlands Straßen wie leergefegt wirkten, wohl erst bewusst, welche Sender zur gleichen Familie gehören. So schalteten sich RTL, RTL II und Vox zusammen, ProSieben, Sat 1, Kabel 1, N24, Neun Live (ehemals tm3) und die auch zur Kirch-Gruppe gehörigen Ballungsraumsender wie tv.münchen sendeten ein gemeinsames News-Programm.
Während die hauptsächlich von RTL gemanagten Sendungen regen Zuspruch erhielten (im Schnitt 5,3 Millionen Zuschauer, zeitweise ein höherer Anteil als bei den öffentlich-rechtlichen Kanälen) und mit Moderator Peter Klöppel einen Glücksgriff taten, der dafür bereits für mehrere Auszeichnungen vorgeschlagen wurde, sah es bei den Kirch-Sendern anders aus. Der journalistische Mix von ProSieben, Sat 1 und N24 sank im Laufe des Abends in der Leistung und entsprechend bei den Quoten. Tochter Premiere World beteiligte sich auf ihre Weise: das ausgestrahlte Champions-League-Spiel musste ohne Kommentar auskommen. Alle Sender entschlossen sich, zunächst Katastrophenfilme und Comedy-Sendungen aus dem Programm zu nehmen.
n-tv besaß als einziger Sender die exklusiven Rechte an den CNN-Bildern, was ihm einen bisher ungesehenen Marktanteil von 9,3 Prozent einbrachte. Der Unerlaubte CNN-Bilder-Klau durch andere Sender könnte noch rechtliche Folgen haben.
Viva stoppte sein Programm und sendete am Dienstag nur noch Standbild, am Mittwoch Musikclips ohne Werbung und mit Sondersendungen. MTV verzichtete ebenfalls auf Moderation, sendete aber weiterhin Werbung.

Schweigen auch auf den Bildschirmen

Am Mittwoch, als der DGB zu einer Schweigeminute aufgerufen hatte, schwiegen auch die Fernsehsender. ProSieben, Sat 1 und Kabel 1 zeigten ein gemeinsames Standbild, N24 sendete Bilder von schweigenden Menschen. Ähnlich auch die ARD. Das ZDF, die verschiedenen Shopping-Sender, n-tv, der Kinderkanal und Viva zeigten schwarze oder Standbilder, zuweilen kommentiert durch Laufbänder. RTL machte dies erst zwei Minuten nach den anderen. MTV fügte den Satz "Fuck terrorism" an. Die meisten Radiosender brachten klassische Musik oder Stille. Ansonsten kehrten die Sender außer ARD, ZDF, RTL, n-tv, N24 und Phoenix wieder zur Normalität zurück.

Zeitungsmarkt: ein verändertes Bild

Viele deutsche Zeitungen reagierten mit Sonderausgaben und Auflagenerhöhungen. Erstaunlicherweise gehörten dazu bereits wenige Stunden nach den Anschlägen die "Badische Zeitung" und der "Wiesbadener Kurier". Die optisch-biedere "Frankfurter Allgemeine Zeitung" kam am nächsten Tag entgegen ihrer Tradition mit Fotos auf der Titelseite in die Kioske. Die "Zeit" zog den Erscheinungstermin mit einem Sonderdossier auf Donnerstag vor. Die nächste Sonderausgabe erscheint am folgenden Montag, der Reinerlös geht an eine amerikanische Hilfsorganisation. Der normale "Stern" war bereits seit Montag in Druck und konnte so den Terror nicht mehr berücksichtigen. Am Donnerstag gab es dann jedoch noch eine 32-seitige Sonderausgabe als Zusatz. "Zeit" und "Stern" erscheinen wieder am Montag, um den Informationsfluss zu garantieren. Der "Stern" hatte noch vor kurzem eine Anzeigenkampagne, die mit Bin Laden für die Newskompetenz des Magazins werben sollte, angestoßen, konnte sie aber im letzten Moment noch stoppen. Konkurrent "Max" erschien ebenfalls am Donnerstag außer der Reihe. "Spiegel und "Focus" konnte man statt erst am Montag schon am Samstag kaufen. "Die Woche", die auch im Internet nicht mit Aktualität glänzte, begnügte sich damit, in ihrer regulären Donnerstagausgabe ausführlich zu berichten. "Hamburger Abendzeitung", "B.Z." und "Berliner Zeitung" brachten große Seiten mit Solidaritätsbekundungen.

Auch gewohnte Seiten

Die "tageszeitung" dagegen konnte auch in jenen Momenten nicht von ihrem bissigen Ton ablassen: Bush habe nur deshalb so unberührt gewirkt, weil er wusste, dass zum Zeitpunkt der Anschläge im World Trade Center die Manager noch nicht im Büro gewesen wären, sondern nur das "Fußvolk". Die "Bild "-Zeitung machte im gewohnten Stil auf: "Großer Gott, steh' uns bei!" und "Terror-Bestie, wir wünschen Dir ewige Hölle!" stand da zu lesen. Immerhin widmete man sich in einer Extra-Ausgabe ausschließlich den Ereignissen in Amerika und ließ die restlichen Meldungen beiseite.
In den Großstädten war bei den Zeitungshändlern der Informationsbedarf der Bevölkerung besonders zu spüren. Die "Süddeutsche Zeitung" war am Donnerstag bei vielen Presseshops schon um 11 Uhr vergriffen, in den Lagern der Bahnhofskioske ging der Vorrat an amerikanischen Zeitungen zur Neige.
Der Bertelsmann Verlag spendete zwei Millionen Dollar für Hilfsfonds und schaltet in Initiative mit den Töchtern RTL Group und Gruner+Jahr Anzeigen für mehr soziales Engagement und Spenden. Der Axel-Springer-Verlag nahm das transatlantische Freundschaftsverhältnis sogar in seine Unternehmensgrundsätze auf.

Webinfos: "Connection timed out"

Bereits kurze Zeit nach Bekanntwerden des ersten Flugzeugabsturzes auf das World Trade Center am Dienstag, den 11. September, geriet das Internet an die Grenzen seiner Kapazität. Ursprünglich vom US-Militär geschaffen, um über ein Kommunikationssystem zu verfügen, das bei Ausfall eines Teils dennoch weiter funktioniert, war es dem Besucheranstrom ab 15.30 Uhr mitteleuropäischer Zeit nicht mehr gewachsen. Die Server nahezu aller Informationsangebote, sei es CNN.com, Yahoo, sueddeutsche.de, focus.de, spiegel.de, tagesschau.de, heute.t-online.de, n-tv.de oder n24.de fielen aus und es hieß vielerorts nur noch "Connection timed out". Auch die überlasteten Telefonleitungen der Provider trugen ihr Scherflein dazu bei, vielen Surfern war es schwergefallen, überhaupt ins Netz zu kommen.
Bei einigen Infoportalen wie beispielsweise MSNBC.com war man nach eigenen Aussagen zunächst mehr damit beschäftigt, die Geschehnisse zu recherchieren als sich um Serverprobleme zu kümmern. Für eine Übergangszeit versuchten dann manche, ihre Seiten durch möglichst wenige Bilder schneller zu machen, bis später, zum Teil erst am Mittwoch, dann endlich Auslagerungen auf Extra-Server die Erholung brachten. Das gesamte Netz kannte nur noch ein Thema, selbst sehr spezielle technische oder wirtschaftliche Branchendienste meldeten die Katastrophe.

Chaos contra fundierte Information

Insgesamt konnte das Internet als schnelle Informationsquelle zumindest anfänglich nicht überzeugen. Später überboten sich die Angebote gegenseitig mit Lockangeboten - anders kann man es kaum nennen - wie virtuellen Kondolenzbüchern (bild.de) oder ruckelnden Videos der Terrorschläge. Die Flut der Artikel und der zu verarbeitenden Informationen, die sich minütlich änderten, äußerte sich entsprechend in chaotischen Aufmachungen ohne erkennbaren "roten Faden". Fundierte Artikel und Analysen ohne reißerische Zusätze boten netzeitung.de und spiegel.de. Und egal ob man seine E-Mails abrufen (web.de) oder ein Buch kaufen wollte - überall bekundeten die Betreiber ihre Solidarität mit den Amerikanern.

Die deutsche Medienlandschaft erfuhr in diesen Tagen fast schon revolutionäre Veränderungen. Keiner konnte sich den Erwartungen der Leser und Zuschauer entziehen und wie in solchen Fällen die Regel, verwischen hier und da die Grenzen zwischen Informationsanspruch und Opportunismus. Es bleibt abzuarbeiten, wie sich die Medien darstellen, wenn die Ereignisse weiter zurückliegen oder aber wie es wird, wenn kriegerische Handlungen losbrechen.

Zum Dossier über die Terroranschläge in den USA


   


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