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USA

Wies'n light und die Moral des Trauerns

Autor :  Philipp Nowack
E-mail: redaktion@e-politik.de
Artikel vom: 15.09.2001

Der Ältestenrat des Münchner Stadtrats hat entschieden: Die Wies’n 2001 soll stattfinden, wenn auch „reduziert“. Die Argumente dafür sind nicht stichhaltig. Eine Polemik von Philipp Nowack.


Die Frage, wie man der Toten angemessen gedenkt und sich mit dem Geschehenen auseinandersetzt, ist eine heikle Frage. Wie lange soll der Fußball ruhen, welche Feste dürfen gefeiert, wie viel Schweigeminuten müssen begangen werden?
Freilich sollten Grundsätze der Pietät gelten, die außer Frage stehen. Hin und wieder gehen auch die, wenn auch unwillentlich, über Bord. Das wohl derzeit unrühmlichste Beispiel guten Willens in degoutanter Form gibt das Internet-Meinungsportal ciao.com ab. Wo normalerweise Verbraucher Berichte ins Netz stellen, die die Qualität von Zahnpasten und Reiseveranstaltern beurteilen, beugte man sich dem Druck der Ereignisse und richtete eine Rubrik zu den Angriffen auf die USA ein. So lesen wir im italienischen Ableger der Seite, dass 25% der Rezensenten das „Produkt“ Terrorangriff an Freunde empfehlen bei einer allgemeinen Bewertung von 2 von 5 Qualitätssternen. In der deutschen Version brachte man immerhin noch den Zusatz unter, dass man „aus technischen Gründen“ das in diesem Falle unangemessene Bewertungsschema nicht entfernen könne. Dann lässt man das Ganze eben, denkt sich der Anständige; „generiert aber Traffic“, denkt sich hingegen wohl die jungdynamische Truppe von ciao.com.
Aber kehren wir aus der jungen, trendigen Virtualität in den Ältestenrat zu München zurück. Gewiss hat man eine vertretbare Entscheidung getroffen, als man die Ausrichtung des Oktoberfestes rechtfertigte. Sich aber vorzumachen, man würde dadurch eine unbeugsame Haltung demonstrieren, indem man sich nicht die Lebensweise vom Terrorismus diktieren lässt, ist billig.

„Es hätte auch uns treffen können“

Die allfälligen staatstragenden Parolen von der westlichen Zivilisation, die „in einem Boot“ sitze, gemeinsam getroffen und deshalb zu gemeinsamem Durchhalten aufgerufen sei, dokumentieren eher eigene Wichtigtuerei denn gemeinsam empfundenes Leid; gerade so, als ob es einer besonderen humanitären Entwicklungsstufe bedarf, um die monströsen Verbrechen als solche zu verdammen. Und weil wir mit wenigen anderen in diesem exklusiven Boot sitzen, dürfen wir das von anderen erlittene Leid und die Bedrohung auch für uns vereinnahmen, uns als Brüder im Geiste bei unseren „amerikanischen Freunden“ anbiedern und uns an ihre Stelle setzen. „Es hätte genau so gut uns treffen können“, sagen wir uns wohlig-schaudernd.
Und so verfahren wir, wie es uns die Amerikaner vormachen: wir kehren zum gesellschaftlichen Alltag zurück, um den Terroristen nicht „ein zweites Mal recht zu geben“. Was dabei die meisten übersehen: Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe.

Hinkende Vergleiche

Tatsächlich ist die Entscheidung, die Wies’n stattfinden zu lassen, das nahe Liegendste und nicht die Demonstration von Haltung. Sie berücksichtigt die legitimen ökonomischen Interessen von Wirten, Kellnerinnen und Schaustellern, lässt dank des ins Programm gehievten Gottesdienstes der Betroffenheit und dem Gedenken ihren Raum und demonstriert insgesamt die Haltung von Unbeugsamkeit gegenüber den Feinden der Freien Welt. Dass sie auch inkonsequent ist, soll niemand stören. Ginge es tatsächlich darum, eine „Jetzt-erst-recht-Fete“ zu feiern, könnte man sich auch das Moll im Programmablauf sparen. Entweder man feiert oder man tut es nicht. Ich jedenfalls brauche nicht die Wies’n als Kulisse, um mich religiösen Trauerriten hinzugeben. Gleiches gilt umgekehrt.
Aber bevor man sich solch subversiver Argumentation hingibt, kann man ja auf Präzedenzfälle zurückgreifen. 1972 hat man weder Bierfest noch Olympia storniert. Brundages Durchhalteparole wird auch jetzt wieder strapaziert. Ist der Fall vergleichbar? Nein! Hier gab es ein Attentat auf das fragliche Ereignis selbst, insbesondere auf eine teilnehmende Gruppe. Das „The Games must go on” konnte unter diesen Umständen nicht so leicht von den Lippen gehen. Es setzte eine Auseinandersetzung mit vielen Gefühlslagen und Sensibilitäten voraus. Gleiches gilt für das Wies’n-Attentat von 1980. Wiederum war es ein Angriff auf das Ereignis selbst, die Betroffenheit unmittelbar und existentiell.
Wenn sich die Amerikaner wieder in ihre Baseball-Stadien begeben, den Broadway bevölkern und das Gelände von Disneyland entern, ist das ihre verständliche Art, mit dem umzugehen, was zuallererst ihnen wiederfahren ist und nicht dem Abstraktum der westlichen Zivilisation. Es muss wieder Leben einkehren nördlich der 14. Straße in Manhattan; Verdrängung, schrittweise Konfrontation, Ablenkung und Arbeit sind notwendig, um das Trauma zu verarbeiten. Normalität als Strategie gegen das Anormale und nicht Begreifbare sind gängige Verhaltensweisen von Menschen in derartigen Ausnahmesituationen.
Wir aber sollten nicht so tun, als befänden wir uns in der gleichen Situation. Die Normalität weiterzuleben kostet uns vergleichsweise nichts. Ein Verzicht auf das weltgrößte Volksfest hätte eine Haltung demonstriert, die man willentlich und ohne Not eingenommen hätte und somit alles andere als ein Einknicken vor irgendetwas bedeutet hätte.

Und sie findet doch nicht statt!?

Nun steht zu vermuten, dass das fröhliche Biertrinken spätestens mit dem ersten militärischen Schlag sein Ende findet. Erinnern wir uns an den Golfkrieg 1991, als der Fasching landauf landab abgesagt wurde, weil die amerikanischen Freunde das Selbstbestimmungsrecht eines ressourcenreichen überfallenen Wüstenstaates verteidigten, sicherlich legitim aber auch willentlich. Als Zeichen der Verbundenheit mit den alliierten Soldaten wurde dem Frohsinn entsagt. Die Frohsinns-Sperre wird zweifelsohne wieder eintreten, wenn sich G.W. Bush an die Brocken macht, die ihm sein Vater teilweise unerledigt hinterlassen hat. Als Zeichen der Trauer und des Mitgefühls zwischen Menschen taugt diese mit staatstragendem Gestus zelebrierte Betroffenheit allerdings nur bedingt. Leid bedarf aber offenbar der Verstärkung durch die Staatsräson. Leider.

Zum Dossier über die Terroranschläge in den USA


   


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