Ein einsames Grab in Schweden. „Kurt Tucholsky 1890 - 1935. Alles Vergängliche ist nur ein
Gleichnis" steht auf der Steinplatte. Hier ruht ein Querkopf, der sich Zeit seines Lebens an allen
Kanten stieß, die Deutschland auf dem Weg vom ersten Weltkrieg hinein in den Nationalsozialismus
zu bieten hatte. Ein Journalist, Theaterkritiker, Spötter. Einer für den ein Name nicht genug war:
Theobald Tiger, Ignaz Wrobel, Peter Panter, Kaspar Hauser. Das waren die Pseudonyme, unter
denen er in Deutschland seine satirischen, vor beißender Ironie triefenden aber immer treffenden
Pfeilspitzen gegen Militarismus, Massendenken und Idiotie abschoss. Mit einer unerschütterlichen
Konsequenz vertrat er sein Ideal eines linksgerichteten pazifistischen Humanismus. Der Selbstmord
1935 war für Tucholsky die logische Weiterführung dieses Denkens.
Sein Grab in Marienfred befindet sich unweit eines Schlosses namens „Gripsholm". Hier spielt auch
der gleichnamige Film von Oscarpreisträger Xavier Koller. Die zweite Literaturverfilmung des
Tucholskyromans: „Schloss Gripsholm"(1931). Tucholsky selbst hat einmal geschrieben: „Wenn ich
jetzt sterben müsste, würde ich sagen: Das war alles? - Und: Ich habe es nicht so richtig verstanden.
Und: Es war ein bisschen laut". Ob er geahnt hat, dass Jahrzehnte später ein Film über ihn eine
ähnliche Wertung verdienen würde?
Die Handlung ist einfach: Kurt Tucholsky (Ulrich Noethen) reist mit seiner großen Liebe, seiner
„Prinzessin" Lydia (Heike Makatsch) nach Schweden nach Schloss Gripsholm. Im Gepäck: Seine
Schreibmaschine, der er auf Anraten seines Verlegers einen leichten Sommerroman entlocken soll.
Und das in Zeiten, in denen sich die Nazis anschicken, Deutschland zu erobern. Bezeichnenderweise
vergisst Tucholsky sein Schreibgerät beinahe im Zug. Das Schreiben fällt ihm schwer. Der
Schwermut senkt sich immer wieder über den sensiblen Dichter, idyllische Lebensfreude wechselt ab
mit Verzweiflung und auch die Besuche von Freunden wie Cabaret-Sängerin Billie (Jasmin
Tabatabai) und Flieger-As Karlchen (Marcus Thomas) können Kurt nicht aus seiner Lethargie
befreien.
Der Film wird zur Karikatur der Vorlage
Xavier Koller hat Peter, das lyrische Ich von Kurt Tucholskys in der Romanvorlage, durch Tucholsky
selbst ersetzt. Dieser Schritt ist nachzuvollziehen. Deckt sich die Grundkonstellation des Romans (ein
deutsches Liebespaar in Schweden) doch mit Tucholskys eigener Situation im Sommer 1929. Und
doch: Der Kunstgriff, biografische Fakten des späten Tucholsky, Fiktion und die historische Situation
in Deutschland miteinander zu vermengen erbringt nicht die erwünschte dramaturgische Dichte. Zu
inkonsequent das Anliegen dieser deutschsprachige Produktion. Sie will nicht politisch sein, schwankt
zwischen Liebesfilm und Biografie, will von allem etwas bieten und hat doch zuwenig. Keine Frage,
handwerklich ist dabei nichts zu beanstanden: Gute schauspielerische Leistung, aufwendige
Dekorationen und eine gelungene Neuinterpretation von alten Tucholsky-Chansons (gesungen von
Jasmin Tabatabai). Doch dem Film fehlt es an Ironie. Eine verzweifelte Ironie, die den Generalbass
des Romans bestimmte. Die virtuose Fähigkeit Tucholskys, menschlich-aufklärerische Themen in
eine einfache Unterhaltungsform zu verpacken, wird vom Film nicht kongenial interpretiert, sondern
platt nachempfunden. Zu offensichtlich und einfallslos sind die Rückblenden in ein sich braun
färbendes Deutschland. Der subtile Kontrast des Romans zwischen unbeschwertem Urlaubsalltag und
der Entwicklung in der Heimat, gerät im Film zur Karikatur der Vorlage. Nur in kurzen Momenten darf
Gripsholm seine Stärken zeigen, gelingt es dem Regisseur ein Stück von Tucholskys Lebensgefühl
Anfang der dreißiger Jahre zu einzufangen. Jenes verlorene Gefühl zwischen Wut und Resignation,
zwischen Liebe und Hass, das ihn selbst auf Schloss Gripsholm fliehen ließ.
Lieber das Buch als die Kinokarte
Es ist ein leiser und ambitionierter Film mit einem tollen Thema, der aber gerade daran - seinem
Thema - scheitert. Zu gut die Vorlage, zu subtil die Andeutungen des Romans und zu groß die
Person des Kurt Tucholsky. Eine politische Debatte wird sich an diesem Werk nicht entzünden und
für eine biografische Darstellung ist „Gripsholm" zu wenig biografisch. Es ist eine leichte
Sommergeschichte „die man mit seiner Freundin anschauen kann". Nicht mehr und nicht weniger.
Wer Tucholsky nicht kennt, der sollte sich das trotzdem ansehen. Vielleicht kommt er ja danach auf
den Geschmack, dessen Schriften zu lesen. Alle anderen sollten das Geld für die Kinokarte in die
Taschenbuchausgabe von „Schloß Gripsholm" investieren, die ganz zufällig im November in einer
neuen Aufmachung erscheint.
"Gripsholm" (Deutschland 2000)
seit 16. November 2000 in den deutschen Kinos
Regie: Xavier Koller
Produzenten: Thomas Wilkening, Ulrich Limmer, Rainer Kölmel, Alfi Sinniger, Danny Krausz, Kurt Stockinger
Kamera: Pio Corradi
Mit:
Ulrich Noethen (Kurt Tucholsky)
Heike Makatsch (Lydia)
Jasmin Tabatabai (Billie)
Marcus Thomas (Karlchen)
Länge: 100 Min.
Verleih: Kinowelt
Foto: Copyright liegt bei Kinowelt