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e-politik.de - Home  Kultur & Politik  Politischer Film   Archiv: Der Politische Film   Gripsholm


Filmplakat - Gripsholm

Gripsholm - Ein Regisseur scheitert an Tucholsky

Autor :  Claus von Wagner
E-mail: redaktion@e-politik.de
Artikel vom: 14.11.2000

"Gripsholm": Der ambitionierte Versuch Tucholskys Roman zu verfilmen. Warum Xavier Koller damit scheiterte? Claus von Wagner hat sich den Film für e-politik.de angesehen.


Ein einsames Grab in Schweden. „Kurt Tucholsky 1890 - 1935. Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis" steht auf der Steinplatte. Hier ruht ein Querkopf, der sich Zeit seines Lebens an allen Kanten stieß, die Deutschland auf dem Weg vom ersten Weltkrieg hinein in den Nationalsozialismus zu bieten hatte. Ein Journalist, Theaterkritiker, Spötter. Einer für den ein Name nicht genug war: Theobald Tiger, Ignaz Wrobel, Peter Panter, Kaspar Hauser. Das waren die Pseudonyme, unter denen er in Deutschland seine satirischen, vor beißender Ironie triefenden aber immer treffenden Pfeilspitzen gegen Militarismus, Massendenken und Idiotie abschoss. Mit einer unerschütterlichen Konsequenz vertrat er sein Ideal eines linksgerichteten pazifistischen Humanismus. Der Selbstmord 1935 war für Tucholsky die logische Weiterführung dieses Denkens.

Sein Grab in Marienfred befindet sich unweit eines Schlosses namens „Gripsholm". Hier spielt auch der gleichnamige Film von Oscarpreisträger Xavier Koller. Die zweite Literaturverfilmung des Tucholskyromans: „Schloss Gripsholm"(1931). Tucholsky selbst hat einmal geschrieben: „Wenn ich jetzt sterben müsste, würde ich sagen: Das war alles? - Und: Ich habe es nicht so richtig verstanden. Und: Es war ein bisschen laut". Ob er geahnt hat, dass Jahrzehnte später ein Film über ihn eine ähnliche Wertung verdienen würde?

Die Handlung ist einfach: Kurt Tucholsky (Ulrich Noethen) reist mit seiner großen Liebe, seiner „Prinzessin" Lydia (Heike Makatsch) nach Schweden nach Schloss Gripsholm. Im Gepäck: Seine Schreibmaschine, der er auf Anraten seines Verlegers einen leichten Sommerroman entlocken soll. Und das in Zeiten, in denen sich die Nazis anschicken, Deutschland zu erobern. Bezeichnenderweise vergisst Tucholsky sein Schreibgerät beinahe im Zug. Das Schreiben fällt ihm schwer. Der Schwermut senkt sich immer wieder über den sensiblen Dichter, idyllische Lebensfreude wechselt ab mit Verzweiflung und auch die Besuche von Freunden wie Cabaret-Sängerin Billie (Jasmin Tabatabai) und Flieger-As Karlchen (Marcus Thomas) können Kurt nicht aus seiner Lethargie befreien.

Der Film wird zur Karikatur der Vorlage

Xavier Koller hat Peter, das lyrische Ich von Kurt Tucholskys in der Romanvorlage, durch Tucholsky selbst ersetzt. Dieser Schritt ist nachzuvollziehen. Deckt sich die Grundkonstellation des Romans (ein deutsches Liebespaar in Schweden) doch mit Tucholskys eigener Situation im Sommer 1929. Und doch: Der Kunstgriff, biografische Fakten des späten Tucholsky, Fiktion und die historische Situation in Deutschland miteinander zu vermengen erbringt nicht die erwünschte dramaturgische Dichte. Zu inkonsequent das Anliegen dieser deutschsprachige Produktion. Sie will nicht politisch sein, schwankt zwischen Liebesfilm und Biografie, will von allem etwas bieten und hat doch zuwenig. Keine Frage, handwerklich ist dabei nichts zu beanstanden: Gute schauspielerische Leistung, aufwendige Dekorationen und eine gelungene Neuinterpretation von alten Tucholsky-Chansons (gesungen von Jasmin Tabatabai). Doch dem Film fehlt es an Ironie. Eine verzweifelte Ironie, die den Generalbass des Romans bestimmte. Die virtuose Fähigkeit Tucholskys, menschlich-aufklärerische Themen in eine einfache Unterhaltungsform zu verpacken, wird vom Film nicht kongenial interpretiert, sondern platt nachempfunden. Zu offensichtlich und einfallslos sind die Rückblenden in ein sich braun färbendes Deutschland. Der subtile Kontrast des Romans zwischen unbeschwertem Urlaubsalltag und der Entwicklung in der Heimat, gerät im Film zur Karikatur der Vorlage. Nur in kurzen Momenten darf Gripsholm seine Stärken zeigen, gelingt es dem Regisseur ein Stück von Tucholskys Lebensgefühl Anfang der dreißiger Jahre zu einzufangen. Jenes verlorene Gefühl zwischen Wut und Resignation, zwischen Liebe und Hass, das ihn selbst auf Schloss Gripsholm fliehen ließ.

Lieber das Buch als die Kinokarte

Es ist ein leiser und ambitionierter Film mit einem tollen Thema, der aber gerade daran - seinem Thema - scheitert. Zu gut die Vorlage, zu subtil die Andeutungen des Romans und zu groß die Person des Kurt Tucholsky. Eine politische Debatte wird sich an diesem Werk nicht entzünden und für eine biografische Darstellung ist „Gripsholm" zu wenig biografisch. Es ist eine leichte Sommergeschichte „die man mit seiner Freundin anschauen kann". Nicht mehr und nicht weniger. Wer Tucholsky nicht kennt, der sollte sich das trotzdem ansehen. Vielleicht kommt er ja danach auf den Geschmack, dessen Schriften zu lesen. Alle anderen sollten das Geld für die Kinokarte in die Taschenbuchausgabe von „Schloß Gripsholm" investieren, die ganz zufällig im November in einer neuen Aufmachung erscheint.


"Gripsholm" (Deutschland 2000)

seit 16. November 2000 in den deutschen Kinos
Regie: Xavier Koller
Produzenten: Thomas Wilkening, Ulrich Limmer, Rainer Kölmel, Alfi Sinniger, Danny Krausz, Kurt Stockinger
Kamera: Pio Corradi
Mit:
Ulrich Noethen (Kurt Tucholsky)
Heike Makatsch (Lydia)
Jasmin Tabatabai (Billie)
Marcus Thomas (Karlchen)
Länge: 100 Min.
Verleih: Kinowelt

Foto: Copyright liegt bei Kinowelt


   

Weiterführende Links:
   Offizielle Seite zum Film
   Tucholsky-Texte online



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