e-politik.de: Warum haben Ihrer Meinung nach die deutschen Schüler bei der
Schulleistungsstudie "Pisa" so schlecht abgeschnitten?
Ulrike Flach: Mich hat das schlechte Abschneiden nicht sonderlich überrascht. Seit
TIMSS (Third International Mathematics and Science Study - Anm. der Red.)war klar, daß Deutschland im internationalen Vergleich nicht mehr
in der Spitzengruppe rangiert. Die Gründe für unseren Platz im hinteren
Mittelfeld sind vielfältig: über Jahre zu geringe Investitionen in unser
Bildungssystem, besonders in den ersten Schuljahren und in der
Vorschulzeit; "Kuschelpädagogik" statt Förder- und Forderunterricht;
Vernachlässigung der Förderung von Lernschwachen und Migranten; zu wenig
Sprachförderung für Ausländerkinder vor der Einschulung, zu wenig und zu
theorielastig ausgebildete Lehrer. Die Aufzählung könnte noch lange
fortgesetzt werden.
e-politik.de: Gute Noten sind "in", Lernen ist "megaout". Warum sind deutsche
Schüler nicht motiviert? Machen Lehrer und Eltern etwas falsch?
Flach: Schon zu Zeiten von Spörls "Feuerzangenbowle" haben Schüler versucht,
mit wenig Aufwand gute Noten zu erreichen. Da darf man ihnen keinen
Vorwurf machen. Motivation kommt einerseits durch einen interessanten
Unterricht. Dieser ist aber oft nicht möglich, weil nicht genügend
Geräte im Physikunterricht zur Verfügung stehen, damit jeder Schüler
selbst experimentieren kann, weil Unterricht ausfällt oder der Druck des
Lehrplans interessante "Abschweifungen" verhindert. Das ist nicht die
Schuld der Lehrer, sondern hat mit überfüllten Klassen und zu geringen
Sachmittelbudgets zu tun.
Ein einfaches Beispiel: als Studierende sind Sie es gewöhnt, in ihren Büchern zu arbeiten; Sie machen sich darin Notizen, unterstreichen etc.. In den Schulen müssen oft Generationen von Kindern mit denselben Büchern lernen. Entweder werden die Bücher
möglichst wenig benutzt, um sie ordentlich weitergeben zu können oder
sie bekommen als "Nachfolger" ein be-arbeitetes Buch. In beiden Fällen
ist die Motivation gering, sich mit dem Buch zu beschäftigen.
Zudem gibt es leider viele Elternhäuser, in denen ein lernunfreundliches
Klima herrscht. Kinder werden vor dem Fernseher "geparkt", anstatt sich
mit ihnen zu beschäftigen. Diese Defizite kann die Schule oft nicht
wieder aufholen.
e-politik.de: "What-you-test-is-what-you-get". Bei Prüfungen wird nur Faktenwissen
abgefragt und von den Schülern auch gepaukt. Kooperative Aspekte wie das
Verteidigenkönnen eines Standpunktes oder Einnehmen multipler
Perspektiven werden überhaupt nicht beachtet. Ist das ihrer Meinung nach
richtig?
Flach:Ich glaube, da sind die Schulen schon weiter. Die Bedeutung von
"vernetztem" Lernen ist erkannt worden. Das Problem ist nur, daß die
Zeit fehlt, solche wichtigen Lernprozesse zu üben. Ein Gespräch mit
verteilten Rollen ist leichter in einer Klasse mit 15 Schülern zu
organisieren als in einer Klasse mit 25, von denen 5 nur schlecht
Deutsch sprechen. Wir brauchen wieder Freiräume für die Lehrer, auch
solche Lernformen zu erproben.
Andererseits darf die Bedeutung des Faktenwissens nicht unterschätzt
werden. PISA hat gezeigt: nur wer die Fakten kennt, kann Zusammenhänge
herstellen, Dinge einordnen und sich ein Urteil bilden.
Lesen Sie mehr über die Prioritäten in der Bildungspolitik und die Bildungsmoral der Deutschen im zweiten Teil.