e-politik.de - Artikel  ( Artikel-Nr: 1517 )


Die FDP

Ulrike Flach (MdB)

Der Pisa-Schock und seine Folgen: Nicht reden, sondern machen.

Autor :  e-politik.de Gastautor
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Ulrike Flach ist Mitglied des Bundestags in der FDP-Fraktion. Sie ist Vorsitzende des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung. Hilde Obster hat sie zu dem deutschen Ergebnis der Schulleistungsstudie "Pisa" befragt.


e-politik.de: Warum haben Ihrer Meinung nach die deutschen Schüler bei der Schulleistungsstudie "Pisa" so schlecht abgeschnitten?

Ulrike Flach: Mich hat das schlechte Abschneiden nicht sonderlich überrascht. Seit TIMSS (Third International Mathematics and Science Study - Anm. der Red.)war klar, daß Deutschland im internationalen Vergleich nicht mehr in der Spitzengruppe rangiert. Die Gründe für unseren Platz im hinteren Mittelfeld sind vielfältig: über Jahre zu geringe Investitionen in unser Bildungssystem, besonders in den ersten Schuljahren und in der Vorschulzeit; "Kuschelpädagogik" statt Förder- und Forderunterricht; Vernachlässigung der Förderung von Lernschwachen und Migranten; zu wenig Sprachförderung für Ausländerkinder vor der Einschulung, zu wenig und zu theorielastig ausgebildete Lehrer. Die Aufzählung könnte noch lange fortgesetzt werden.

e-politik.de: Gute Noten sind "in", Lernen ist "megaout". Warum sind deutsche Schüler nicht motiviert? Machen Lehrer und Eltern etwas falsch?

Flach: Schon zu Zeiten von Spörls "Feuerzangenbowle" haben Schüler versucht, mit wenig Aufwand gute Noten zu erreichen. Da darf man ihnen keinen Vorwurf machen. Motivation kommt einerseits durch einen interessanten Unterricht. Dieser ist aber oft nicht möglich, weil nicht genügend Geräte im Physikunterricht zur Verfügung stehen, damit jeder Schüler selbst experimentieren kann, weil Unterricht ausfällt oder der Druck des Lehrplans interessante "Abschweifungen" verhindert. Das ist nicht die Schuld der Lehrer, sondern hat mit überfüllten Klassen und zu geringen Sachmittelbudgets zu tun.

Ein einfaches Beispiel: als Studierende sind Sie es gewöhnt, in ihren Büchern zu arbeiten; Sie machen sich darin Notizen, unterstreichen etc.. In den Schulen müssen oft Generationen von Kindern mit denselben Büchern lernen. Entweder werden die Bücher möglichst wenig benutzt, um sie ordentlich weitergeben zu können oder sie bekommen als "Nachfolger" ein be-arbeitetes Buch. In beiden Fällen ist die Motivation gering, sich mit dem Buch zu beschäftigen. Zudem gibt es leider viele Elternhäuser, in denen ein lernunfreundliches Klima herrscht. Kinder werden vor dem Fernseher "geparkt", anstatt sich mit ihnen zu beschäftigen. Diese Defizite kann die Schule oft nicht wieder aufholen.

e-politik.de: "What-you-test-is-what-you-get". Bei Prüfungen wird nur Faktenwissen abgefragt und von den Schülern auch gepaukt. Kooperative Aspekte wie das Verteidigenkönnen eines Standpunktes oder Einnehmen multipler Perspektiven werden überhaupt nicht beachtet. Ist das ihrer Meinung nach richtig?

Flach:Ich glaube, da sind die Schulen schon weiter. Die Bedeutung von "vernetztem" Lernen ist erkannt worden. Das Problem ist nur, daß die Zeit fehlt, solche wichtigen Lernprozesse zu üben. Ein Gespräch mit verteilten Rollen ist leichter in einer Klasse mit 15 Schülern zu organisieren als in einer Klasse mit 25, von denen 5 nur schlecht Deutsch sprechen. Wir brauchen wieder Freiräume für die Lehrer, auch solche Lernformen zu erproben.
Andererseits darf die Bedeutung des Faktenwissens nicht unterschätzt werden. PISA hat gezeigt: nur wer die Fakten kennt, kann Zusammenhänge herstellen, Dinge einordnen und sich ein Urteil bilden.

Lesen Sie mehr über die Prioritäten in der Bildungspolitik und die Bildungsmoral der Deutschen im zweiten Teil.




Weiterführende Links:
   Die Webseite der Pisa - Studie: http://www.pisa.oecd.org/


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