Alles beginnt mit einer Kleinanzeige: Versuchspersonen gesucht: 4000 DM für ein 14-tägiges Experiment in einem Scheingefängnis.
Der Taxifahrer Tarek (Moritz Bleibtreu) springt nicht nur wegen des Geldes auf das Angebot an: Als ehemaliger Journalist wittert er eine heiße Story und meldet sich mit einer versteckten Kamera ausgestattet für den Versuch an. Unter der Leitung des ehrgeizigen Psychologieprofessors Thon (Edgar Selge) und seiner Assistentin Dr. Grimm (Andrea Sawatzki) beginnt ein einzigartiges Experiment: 20 Männer werden willkürlich in Wärter und Gefangene unterteilt. Die Gefangenen werden ihrer Kleider und ihrer wesentlichen Grundrechte beraubt in Zellen gesperrt, während die Wärter mit uneingeschränkter Autorität gegenüber den Insassen ausgestattet werden.
Das Grauen der Hilflosigkeit
Tarek gerät als Nummer 77 auf die Seite der Gefangenen. Zuerst halten alle das ganze für ein ziemlich abgefahrenes Spiel mit fürstlicher Entlohnung. Doch schon bald wird den Versuchspersonen der Ernst der Lage klar. Die Wärter, alle ganz normale, unbescholtene Bürger, beginnen, ihre Macht auszunutzen. Besonders der unauffällige Berus (Justus von Dohnanyi) entwickelt sich zum gnadenlosen Sadisten. Er hat es vor allem auf Tarek abgesehen, der für seine Story immer wieder zum Unruhestifter und Revoluzzer wird. Seine Aufsässigkeit wird hart bestraft: Die Wärter berufen sich auf ihre Autorität, misshandeln und erniedrigen ihn.
Die Kontrolle geht verloren
Inzwischen ist niemand mehr in der Lage, noch auszusteigen: Der Mitgefangene Schütte (Oliver Stokowski) weist schwere gesundheitliche Beeinträchtigungen auf, die anderen Insassen verzweifeln an ihrer Lage und die Aggressionen auf beiden Seiten werden immer gravierender. Als Professor Thon den Ernst der Lage endlich erkennt und seinen wissenschaftlichen Erfolg nicht mehr an erste Stelle setzt, ist es zu spät: Das Experiment ist außer Kontrolle geraten.
Film und Wirklichkeit
"Das Experiment" von Oliver Hirschbiegel basiert auf dem in den 70er Jahren an der Stanford University durchgeführten Stanford Prison Experiment. Die großangelegte Verhaltensstudie musste damals nach 5 Tagen vorzeitig abgebrochen werden, da die Probanden völlig außer Kontrolle gerieten. Nach dem Buch Black Box von Mario Giordano schuf Hirschbiegel mit Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle einen nervenzerreißenden Psychothriller, der die Untiefen des menschlichen Geistes neu auslotet. Wie werden aus harmlosen Bürgern Schlächter in Uniform? Das Stanford Prison Experiment zeigt, dass dazu kein Nationalsozialismus nötig ist, die uneingeschränkte Übertragung von Autorität genügt vollkommen.
"Das Experiment" zeigt, dass anspruchsvolles Kino mit intelligenter Geschichte immer noch aus Deutschland kommen kann ? die Auszeichnung mit drei Bayerischen Filmpreisen bestätigt dies. Ein wirkungsvoller Gegenpol zu den massenhaft aus Hollywood gelieferten cineastischen Belanglosigkeiten und ein Film, der zum Nach- und Weiterdenken anregt. Überaus sehenswert.
"Das Experiment" (Deutschland 2001)
seit dem 08. März 2001 in den deutschen Kinos
Regie: Oliver Hirschbiegel
Produktion: Marc Conrad, Friedrich Wildfeuer, Norbert Preuss
Buch: Mario Giordano, Christoph Darnstädt, Don Bohlinger
Buchvorlage: Mario Giordano
Mit:
Moritz Bleibtreu (Tarek Fahd),
Christian Berkel (Steinhoff),
Edgar Selge (Professor Thon),
Andrea Sawatzki (Dr. Jutta Grimm),
Maren Eggert (Dora),
Justus von Dohnanyi (Berus),
Timo Dierkes (Eckert),
Nicki von Tempelhoff (Kamps),
Antoine Monot jr. (Bosch),
Oliver Stokowski (Schütte),
Wotan Wilke Möhring (Joe),
Philipp Hochmair (Lars),
Lars Gärtner (Renzel),
Markus Klauk (Stock),
Andre Jung (Ziegler),
Jacek Klimontko (Gläser),
Ralph Püttmann (Amandy)
Länge: 120 min.
Verleih: Senator Film
Copyright des Fotos: Senator Film