Shirin-Gol bedeutet "Süße Blume". Ein schöner Name. Doch die Frau, die diesen Namen trägt, hat kein schönes Leben: Sie ist Afghanin.
Siba Shakib erzählt in ihrem Buch "Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen" die Geschichte einer afghanischen Frau, der sie in einem der zahlreichen Flüchtlingslager begegnet ist.
Als Spielschuld zur Ehefrau
Shirin-Gols Leben ist geprägt von Flucht und Unterdrückung, Armut und Machtlosigkeit. Die ersten Lebensjahre verbringt sie in einem kleinen Dorf irgendwo in Afghanistan, wo sie bereits im Alter von zwei Jahren auf ihre jüngeren Zwillingsbrüder aufpassen muss.
Dann kommen die Russen und bringen Tod, Vergewaltigung und Verstümmelung.
Shrin-Gol selbst bleibt vorerst verschont, doch die Brüder und Schwestern nicht. Die Mutter flieht mit ihren übriggebliebenen Kindern nach Kabul. Dort herrschen bereits die Russen. Einer ihrer älteren Brüder hat gegen einen Kameraden im Kartenspiel verloren. Er hat dem Kameraden dafür seine Schwester zur Ehefrau versprochen. Der Kartenspieler und sie heiraten sofort. Wie alt sie ist, erfährt der Leser zunächst nicht. Als ihr zweites Kind geboren ist, mag sie nicht älter als 14 oder 15 sein.
Zwei Vergewaltigungen, zwei Kinder
Die Russen ziehen ab, doch der Krieg hört nicht auf. Die Mudjahedin bekämpfen sich gegenseitig im Bruderkrieg. Die Familie flieht erneut - diesmal ins Nachbarland Pakistan.
Im Flüchtlingslager in den Tribal Areas im Nordwesten Pakistans herrschen bereits die Taleban. Zwei Vergewaltigungen, zwei weitere Kinder. Sie fliehen erneut, wieder zurück nach Afghanistan. Erst in ein kleines Dorf in den Bergen. Nachdem es zerbombt wurde, in ein kleines Dorf weiter südlich. Die Taleban übernehmen das Regiment in Afghanistan und Shirin-Gols älteste Tochter Nur-Aftab wird mit einem Taleb verheiratet.
Der Rest der Familie flieht in den Iran. Nach ein paar Jahren der Ruhe werden im Iran afghanenfeindliche Gesetze erlassen und die inzwischen sieben-köpfige Familie kehrt nach Afghanistan zurück.
Ihr Vater ist verrückt geworden, ihre Mutter ist tot. Shirin-Gol entschließt sich, nach ihrer ältesten Tochter zu suchen. Die Suche führt Shirin-Gol quer durch Afghanistan bis nach Kabul. Kabul ist zerbombt und bevölkert mit verlumpten Menschen. Shirin-Gol wurde beim Arbeiten erwischt. Nun darf sie nur noch betteln. Sie weiß nicht mehr, wie sie ihre vier noch bei ihr lebenden Kinder und den opiumsüchtigen Mann ernähren soll.
Nach einem Selbstmordversuch flieht sie mit ihrer Familie in den Norden, wo einer ihrer Brüder in der Nordallianz gegen die Taleban kämpft. Im Norden, in ihrer Heimat, findet sie zwei ihrer Brüder wieder und auch die verlorene Tochter Nur-Aftab. Shirin-Gols Haar ist inzwischen weiß und sie ist bereits zweifache Großmutter.
Und das, obwohl sie inzwischen nicht älter als 27 Jahre sein dürfte.
Aus der Sicht einer Afghanin
Siba Shakib - selbst Iranerin - gelingt es, dem Leser mit diesem Buch einen authentischen Einblick in das Leben der afghanischen Bevölkerung - insbesondere der afghanischen Frauen - zu verschaffen. Dieser Einblick ist nicht geprägt durch westliche Vorurteile gegenüber dem Islam und dessen Auffassung über die Rolle der Frau in der Gesellschaft.
Es wird aus der Sicht einer Afghanin berichtet, die sehr wohl versteht, was um sie herum vorgeht. Shakib führt den Leser langsam an diese Sicht heran. Zuerst malt sie das Bild eines "sprechenden Tuches" von außen. Dann lernt man die kluge Frau unter dem Tuch und ihre unglaubliche und dennoch ´normale` Geschichte kennen.
Der Leser lernt zusammen mit Shirin-Gol, dass "... anständige Mädchen den Blick senken. Wenn sie es nicht verhindern können und sprechen müssen, dann tun sie es mit leiser Stimme, und sie benutzen so wenig Worte wie möglich. Anständige Mädchen hüpfen, springen, rennen nicht, um ihr Jungfernhäutchen nicht zu verletzen."
Mädchen und Frauen sind dazu da, Männerlust zu befriedigen und neue Männer zu produzieren.
Tausend und eine Nacht
Shakibs Sprache ist die der Märchen aus tausendundeiner Nacht. Der Kontrast zwischen Sprache und Realität hebt das harte Los der Menschen in Afghanistan hervor. Die märchenhafte Sprache spiegelt aber auch den Traum der Afghanen von einem besseren Leben wider - ihre immer wieder aufflammende Hoffnung inmitten all der Hoffnungslosigkeit.
Ein Buch, das sich zu lesen lohnt.
Siba Shakib: "Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen. Die Geschichte der Shirin-Gol"
C. Bertelsmann Verlag 2001, 318 Seiten
22 Euro
ISBN 3-570-00634-4