"Moloch" war eine der kleinen grossen Überraschungen der letztjährigen Filmfestspiele von Cannes, als das Drama die Goldene Palme fürs beste Drehbuch einheimste. Seit dem 11. Mai 2000 ist der Film auch in ausgewählten deutschen Programmkinos zu sehen.
Lebenslustig und liebeskrank ist Eva Braun, die in der Langeweile des Obersalzberges auf ihren "Adi" wartet. Beobachtet von Sicherheitskräften erlaubt sie sich gar einen nackten Tanz auf dem Balkon des festungsartigen Anwesens. Als endlich ihr Geliebter Führer, mit Martin Bormann, Propaganda-Minister Joseph Goebbels und dessen Frau Magda ankommen, geht das übliche enervierende Spiel wieder los: Die Hausangestellte Eva Braun muss sich fügen und kann nicht auf Umarmung und Liebkosung hoffen.
Der Obersalzberg als Hort der Banalität
Weil selbst im Frühjahr 1942 der Krieg kein Thema während des Wochenendes sein darf, bleiben für das Tischgespräch nur Banalität und hohle Phrasen übrig. Nur Eva weiss durch "kleine Einlagen" dieser noch viel grösseren Öde ein wenig Humor abzutrotzen.
"Moloch" beleuchtet 24 Stunden im Leben von Eva Braun und Adolf Hitler und besticht vor allem durch eine historisch deprimierende, filmisch aber feine Ironie. Das Thema von der privaten Seite der Hakenkreuz-Macht wird in seiner ganzen geistigen Armut, leerem Pathos, und hohler Gewschwätzigkeit entlarvt.
Hitler, ein bocksteifes Monster
Sokurov und sein Autor Yuri Arabov stellen den Zerstörer Europas als liebesunfähiges, bocksteifes Monster heraus, dessen Gedankengänge in ihrer Absurdität nur noch vom eifersüchtigen Kronprinz-Gerangel von Goebbels und Bormann übertroffen wird. Geradezu obszön wirkt die Diskrepanz zwischen Eva Brauns Verlangen nach Intimität und Hitlers zur Schau gestellten "Verantwortung für das Reich", dem sich alles andere unterzuordnen hat.
Mit jeder der 102 Minuten wird der "Führer" mehr zu einer gefährlich bemitleidenswerten Figur, der nur mit absurden Flüchen eine innere Spannung und Unruhe verlangt, doch auch dies ist nur eine der vielen intelligenten Finten der russisch-deutschen Koproduktion. Denn immer wieder kann sich die Hauptfigur Eva Braun aus dem Riesenschatten befreien und emanzipiert von Gefühlsverwirrung und Demut das wahre Monster konfrontieren und Widerspruch üben.
"Moloch" (Russland/Deutschland 1999)
seit dem 11. Mai 2000 in den deutschen Kinos
Regie: Aleksandr Sokurov
Produktion: Victor Sergeev, Thomas Kufus
Drehbuch: Yuri Arabov
Kamera: Aleksei Fyodorov, Anatoli Rodinov
Mit:
Elena Rufanova (Eva Braun)
Leonid Mosgovoi (Adolf Hitler)
Leonid Sokol (Josef Goebbels)
Elena Spiridonova (Magda Goebbels)
Vladimir Bogdanov (Martin Borman)
Länge: 102 min.
Foto: Copyright liegt bei Pegasos Film