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eine Todeszelle in Texas

Wollt Ihr den totalen Voyeurismus?

Autor :  Florian Wachter
E-mail: fwachter@e-politik.de
Artikel vom: 24.04.2001

Hinrichtung via Live-Stream. Sogar ein deutscher Provider hätte gerne die Exekution des US-Amerikaners Timothy McVeigh gezeigt. McVeigh gilt als Drahtzieher des Bombenattentats auf ein Bundesgebäude in Oklahoma City. Florian Wachter kommentiert.


Der Bombenanschlag von Oklahoma City 1995 hat Amerika seinen tiefen Schock beschert. Die USA hatten ihren nationalen Terrorismus. Mit Timothy McVeigh bekam der Schrecken ein Gesicht. Der Nachbar als Bombenattentäter.
McVeigh wird für den Mord an 168 Menschen hingerichtet. Am 16. Mai 2001 in Terre Haute in Indiana. Zehn Zeugen werden direkt dabei sein, wenn das injizierte Gift den 32jährigen tötet. Verwandte der Opfer und Überlebende des Anschlags können die Exekution über einen geschlossenen TV-Kanal von Oklahoma City aus verfolgen. Erstmals in der US-Rechtsgeschichte. US-Justizminister John Ashcroft spricht von einer "Genugtuung" für die Angehörigen.

Live dabei für 1,95$

"Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, dieses Ereignis von großer Tragweite zu sehen", meint David Marshlack, Chef der Entertainment Network Inc. (ENI) aus Tampa/Florida. Der Tod McVeighs live im Internet. Für 1,95$.
Bundesrichter John D. Tindler aus Indianapolis hatte ENI die Live-Übertragung der Hinrichtung allerdings verweigert. Die Internetfirma legte nun Berufung ein.

Der Düsseldorfer Harald Thoma muss deshalb erstmal warten, kommt vielleicht gar nicht mehr zum Zug. Doch der bittere Beigeschmack bleibt. Dies liegt nicht am Vorhaben selbst. Mit seiner Absolutfilm wollte der Sohn des einstigen RTL-Bosses Helmut Thoma die Todesminuten McVeighs auf deutsche PC-Schirme holen, mit ENI liefen erste Verhandlungen. Es liegt an der Rechtfertigung:
"Man muss den Leuten doch zeigen, wie grausam die Todesstrafe ist", erklärt er. Es gehe darum, mit einer "radikalen Methode auf die Todesstrafe aufmerksam zu machen" und so eine "Protestbewegung" gegen Hinrichtungen zu entwickeln.

Und einen rationalen Diskurs über Kinderpornografie führt "man" demnächst dank öffentlicher Online-Schaltung in dunkle Hinterzimmer? "Man muss den Leuten doch zeigen, wie grausem Kindersex ist" ...

Tatsächlich? Wer ist "man"? Am Ende doch nur Sie, Herr Thoma?
Was sich hier outet, ist ein Voyeurismus, der kurzerhand als öffentliches Interesse ausgegeben wird. Ein schmutziger Taschenspielertrick. Zitieren Sie bitte nicht die Dogmatik der Authentizität. Eine leere Worthülse, unangemessen und peinlich.

Das Richten wird zur Heldenpose

Seien Sie ehrlich, Herr Thoma. So wie Ihr US-Kollege David Marshlack. Der denkt in unternehmerischen Kategorien. Die Inszenierung eines völlig entzauberten Todes ist eine gewinnträchtige Erlebnis-Vermarktung. Voll abgerichtet auf eine Zielgruppe, die zwischen Pop-Nihilismus und Metzelorgien a lá Doom und Quake Befriedigung sucht. Das Richten wird zur Heldenpose. Die letzten Minuten McVeighs - das Gift lähmt erst die Atmung und dann die Herzmuskulatur - werden zum Happening.

Thomas Lynch schrieb am 20. Februar 2000 in der New York Times über den Sinn einer öffentlichen Hinrichtung unter der Überschrift We Should Witness the Death of McVeigh:
"... It will be we the people who put McVeigh to death, and we the people should be allowed to watch ..."
.
Lynch rechtfertigt die Ästhetik des Schrecklichen fast schon philosophisch: Eine Sache zu bezeugen, sei eine zivilisatorische Errungenschaft. "Wenn der Staat im Namen seiner Bürger tötet, sollten diese Bürger dann nicht zusehen dürfen?"
Für die USA mag dies gelten. Schließlich hält die Mehrheit der Amerikaner die Todesstrafe auch für die größte zivilisatorische Errungenschaft ihrer Demokratie. Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Die Würde des Menschen ist unantastbar

Hierzulande sollte "man" in anderen Kategorien denken. Sich entweder offen zum Geschäftemachen mit der Sensationsgier bekennen. Das wäre in Ordnung. Oder sich auf eine Errungenschaft unserer bundesrepublikanischen Demokratie berufen: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dies sollte - zumindest hierzulande - auch für die Intimität eines Todeskandidaten gelten.
Übrigens, die Nachricht vom Tod Timothy McVeighs am 16. Mai 2001 bleibt gleich. Mit oder ohne Live-Bilder im Internet.

Foto: Copyright liegt bei Amnesty International (bearbeitet durch e-politik.de)


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Leserkommentar von Didi Klein
am 24.04.2001
Perfide

Der Kommentar spricht mir aus der Seele. Wessen Geistes Kind hat diese perfiden Geschäftemacher geritten.
O.k. - in den USA gehen die Uhren anders - offensichtlich scheint das Streben nach Gerechtigkeit seine (eigenartige) Blüte vollends in der Hinrichtung zu entfalten - zumindest der Mainstream von Seattle bis New York sieht das so.
An beiden Dingen duldet die Mehrheit der Amerikaner offenkundig keine Kritik oder Beschneidung:
weder an der traditionellen Legitimierung der Hinrichtung, noch am unumschränkten Recht auf Rede- und Informationsfreiheit.
Aber hierzulande? Herr Thoma ist einfach nur lächerlich. Zu verlegen, um ehrlich und hart als Unternehmer zu argumentieren. Zu dumm, um seine Ausrede intelligent zu verpacken.
Möge man uns verschonen davor, dass RTL 2 nun auf die Idee kommt, den Mann als Programmchef einzukaufen. Vielen Dank.

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