Es ist schon bezeichnend, dass ausgerechnet Deutschland eines der letzten Länder ist, in denen der hochgelobte "Zug des Lebens" einfährt. Überall auf der Welt eilte das Märchen von der erfolgreichen Flucht eines ganzen Schtetl vor den Nazis von einem Kritikererfolg zum Kinoerfolg. Nur bei uns fanden sich trotz Benignis "Das Leben ist schön" scheinbar keine mutigen Verleiher, die eine Farce mit dem Thema Holocaust in die Kinos bringen wollen.
Der Holocaust als bissige Komödie
So dauerte es fast zwei Jahre, bis auch die Menschen hierzulande von Schlomo, dem Dorfnarren, hören können, dass die Nazis bald das "Schtetl" angreifen und auslöschen wollen, wie sie es 1941 überall in Osteuropa tun. Und er weiss auch gleich Rat: Warum nicht das ganze Dorf in einen Zug packen, den man als Deportationszug tarnt, und dann ab hinter die russiche Front in Sicherheit?
Da gibt es freilich ein kleines Problem: ein paar brave Bürger müssen leider ihre Tracht gegen Nazi-Uniformen tauschen und als vermeintliche Aufseher ständig deutsch anstatt jiddisch reden. Nicht nur hier kommt es zum diskussionsreichen Streit. Auch unterwegs muss man sich gegen alle möglichen Angriffe von Aussen und Innen wehren: eine kommunistische Zelle formiert sich gegen diejenigen, die ihre Uniform ein wenig zu ernst nehmen. Die vielen Nazis, auf die man unterwegs trifft, werden langsam argwöhnisch ob der Richtung des Transportes und auch ein Trupp aus Partisanen, die den Zug eigentlich sprengen will, ist sichtlich irritiert über das Verhältnis von Wächtern und Deportierten.
Radu Mihaileanu schrieb und inszenierte die erste Komödie, die dem Holocaust den jüdischen Überlebenswitz entgegensetzt. Spannend, geistreich und märchenhaft skizziert er ein ironisches Bild von osteuropäischen Juden, die der Not mit bissigen Kommentaren entgegentreten.
Die Angst vor dem Tabu wird dem Zuschauer genommen
Mit viel Gefühl führt Mihaileanu seine Zuschauer fast unbemerkt an seine liebenswerten Charaktere heran, gönnt ihnen Selbstironie und Schwächen, ohne sich über sie lustig zu machen. Und hier findet sich das Geheimnis des mitreissenden Streifens: niemals wird "über" etwas gelacht, vor allem nicht über den Holocaust. Mit scharfen Dialogen und surrealen Bildern wird den Zuschauern die Angst vor dem Tabu genommen und in eine leichte Stimmung geschaffen, mit der man dem Entsetzen und Grauen viel schärfer und bewusster entgegengehen kann, als dem (üblichen) schuldbewussten Augenniederschlag.
Das Lehrstück besticht viel mehr als zum Beispiel das oscarprämierte "Das Leben ist schön" mit einer Märchenstruktur, die nur eine Minute lang auf das Beeindruckendste aufgehoben wird.
Mit viel Pathos und sichtlichem Vergnügen agiert eine schillernde Riege feiner Schauspieler, die wie das gesamte Produktionsteam jüdischen Glaubens sind.
Letztlich kann man die Vorsicht der Verleiher bei der Veröffentlichung von "Zug des Lebens" nicht nachvollziehen. Den jüdischen Humor gab es schon vor, während und vor allem auch noch nach dem Holocaust. Hier wird nicht mit Klamauk gearbeitet, sondern mit einer Waffe, die dem brisanten und traurigen Thema vielleicht sogar mehr Kontur verleiht, als es die ernsten und schuldbewussten Mienen deutscher Politiker je können: nämlich mit jüdischer Selbstironie.
"Zug des Lebens", Originaltitel: "Train de Vie" (Frankreich 1998)
seit dem 23. März 2000 in den deutschen Kinos
Regie: Radu Mihaileanu
Produktion: Ludi Boeken, Frédéric Dumas, Marc Baschet, Cédomir Kolar, Eric Dussart
Drehbuch: Radu Mihaileanu
Kamera: Yorgos Arvanitis, Laurent Dailland
Musik: Goran Bregovic
Mit:
Lionel Abelanski (Shlomo)
Rufus (Mordechai)
Clément Harari (Der Rabbi)
Michel Muller (Yossi)
Länge: 103 min
Foto: Copyright liegt bei Movienet Film GmbH
Radu Mihaileanu, Regisseur von "Zug des Lebens", stand dem e-politik.de-Redakteur Harald Witz Rede und Antwort. Das Interview "Komödie und Shoa" lesen Sie hier.