Experte werden ist nicht schwer, Experte sein dagegen sehr
Autor : Florian Wachter E-mail: fwachter@e-politik.de Artikel vom: 29.10.2001
Der 11. September hat uns Rat- und Hilflosigkeit beschert. Selbsternannte Experten nutzen die Gunst der Stunde und geben auf jede Frage eine Antwort. Peter Scholl-Latour ist einer von ihnen. Ein Kommentar von Florian Wachter.
Seit Wochen wird er wieder in allen Zeitungen zitiert. Seit Wochen sieht man sein Gesicht wieder auf allen Fernsehkanälen. Peter Scholl-Latour, Journalist und Weltenbummler, ist zurück. Wie aus der Versenkung aufgetaucht, präsentiert er seine Expertisen. Dankend wird er von leitenden Redakteuren weitergereicht. Der Verlust gewohnter Antwortschemata nach dem Horror des 11. September produziert einen fast schon grotesken Medienbetrieb. Rationale Erklärungen müssen her, verständlich formuliert und griffig auf den Punkt gebracht.
Von einem, den Mann und Frau kennt oder zumindest schon mal irgendwann irgendwo gehört, gesehen oder gelesen hat. Kein unbekannter Wissenschaftler von einem Übersee- oder Orient-Institut. Nein, das Kaliber darf dann schon ordentlich sein. Peter Scholl-Latour eben. Gerne vergessen die Redaktionen dabei, dass der ehemalige Fallschirmjäger, ARD-Korrespondent, Vietnam-Kriegsberichterstatter, Stern-Herausgeber und Publizist keineswegs über ein unumstrittenes Expertenwissen verfügt.
Als renommierte Orientalisten 1993 das Islambild einiger selbsternannter Experten wie Gerhard Konzelmann, Bassam Tibi und Peter Scholl-Latour fundiert und akribisch analysierten und als politisch verzerrt ablehnten, schien das Image Scholl-Latours angekratzt (Verena Klemm / Karin Hörner (Hrsg.): "Das Schwert des Experten - Peter Scholl-Latours verzerrtes Araber- und Islambild", Palmyra-Verlag, Heidelberg 1993). Jetzt scheint dies wieder vergessen.
Allah ist mit den Standhaften
Nach ersten Stippvisiten in muslimische Krisengebiete, darunter Afghanistan, veröffentlicht Peter Scholl-Latour 1983 "Allah ist mit den Standhaften. Begegnungen mit der islamischen Revolution" (Deutsche Verlags-Anstalt), das vom Verlag als "Standardwerk" gelobt wird. Darin schreibt Scholl-Latour über den Islam und seinen Kreuzzug gegen die westliche Welt.
Beständig baut er seitdem seine Islam-Thesen auf, die um einen erzkonservativen Kulturalismus kreisen, den Scholl-Latour als Grundlage seiner Argumentation nutzt. Samuel Huntington lässt grüßen. Der beschreibt alle Kulturen außerhalb des Westens als monolithische Blöcke, unfähig zu Pluralismus, Individualismus und Demokratie.
Ähnlich argumentiert Scholl-Latour. Immer wieder nennt er den Islam "eine von gesellschaftlichen Verhältnissen unbeeindruckte Kultur". Mit anderen Worten: Für Scholl-Latour ist der Islam statisch und entwicklungslos. In seinen Büchern, in Interviews und in Talkshows hat er dies dutzendfach wiederholt. Der Islam als unversöhnliche Größe zur westlichen Zivilisation. Die Aura des widerspenstigen Bösen legt sich über den Islam.
Scholl-Latour verstärkt Vorurteile und stand damit immer wieder wochenlang auf den Bestsellerlisten. Vielleicht weil er durchaus angenehm formulieren kann, mit einer Sprache, die bildhaft und erlebnisreich von seinen Erfahrungen in islamischen Ländern berichtet. Das Fremde wird zur spannenden Lektüre für die Unwissenden. Aber macht die Authentizität eines Durchreisenden ihn per se zum glaubhaften Islamexperten?
Diffuse Wahrnehmung des Islam
Dass nach den Ereignissen und Folgen des 11. September ausgerechnet Peter Scholl-Latour als Islamkenner präsentiert wird, ist für viele deutschen Islamwissenschaftler unverständlich. Heute macht Scholl-Latour, wo immer es geht, klar, die "deutschen" Muslime seien hochanständige Leute. Dann aber kehrt Scholl-Latour zurück zu seiner alten Denke. In der ARD-Talkshow "Friedman" mimt er den Experten. Er zitiert arabische Koranverse und kommt dann zu dem Schluss: "Der Islam ist eine kämpferische Religion. Wer das Gegenteil sagt, kennt den Islam nicht". Der Zentralrat der Muslime in Deutschland kennt den Islam offenbar nicht - glaubt man Scholl-Latour.
Peter Scholl-Latour weiß die Öffentlichkeit zu bedienen. Journalisten - häufig ungenügend informiert - werden zu Stichwortgebern. Fast stoisch wiederholte er in den Wochen nach den Terrorattacken auf die USA seine Sicht der Dinge. Seine Unaufgeregtheit lässt ihn dabei souverän und kompetent wirken. Scholl-Latour argumentiert mit "dem Islam" als militante Gegenmacht zum Christentum. Auf die Frage nach der angemessenen Reaktion auf den 11. September antwortet er: Man müsse ernsthaft über eine europäische Atomwaffe nachdenken. Und "wir müssen auf Terror im Grunde mit Antiterror antworten". Dafür aber fehle in "dieser verdammten Spaßgesellschaft die Kraft der Religiosität". Während Europa vor Atheismus strotze, könne wenigstens das religiöse Amerika gegen den Islam antreten, argumentiert Peter Scholl-Latour.
Peter Scholl-Latour pauschal als "Ajatollah des Anti-Islamismus" (Die Zeit) zu diskreditieren, wäre unfair. Viele seiner gesammelten Fakten sind durchaus lesenswert. Das inflationäre Abfeiern von Scholl-Latour als unbestreitbare Islam-Kompetenz ist aber nicht empfehlenswert. Schon allein der Verdacht, Scholl-Latour könnte ein Demagoge sein, macht ihn als Experten unbrauchbar. Gerade jetzt.
Foto: Buch-Cover "Allah ist mit den Standhaften"
Hier geht es zum Überblick über das e-politik.de Dossier "Der Krieg in Afghanistan".
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Leserkommentar
von
dani
am 13.05.2003
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text über scholl-latour
text über herrn sl:
http://www.duei.de/doi/de/content/onlinepublikationen/orientjournal/journal102/Seite24.pdf
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