Junge Menschen seien seine Zielgruppe, sagt Verleger Klaus Helbert. Deswegen wohl das "X" im Titel. Von "Generation X"? Ob die tatsächlich seine Leserschaft wird, darf bezweifelt werden.
Das wöchentliche Magazin X-News sieht aus wie eine Mischung aus Sun und Bild am Sonntag. Doch wo selbst Murdoch in England und Springer hierzulande nur allzu gut wissen, wann man mit sensationslüsternen Soft News das Ende des Zumutbaren erreicht hat, beginnt für die 40köpfige Redaktion in Wiesbaden erst der Spaß am journalistischen Erkenntnisinteresse.
Der Gurken-Test
Zum Beispiel, wenn es um Dieter Bohlen geht. Sein sogenanntes Teppichluder Janina E. erzählt in der Titelgeschichte über ihre "wohlgeformten Brüste mit dunklen Warzen" und diverse Örtlichkeiten, an denen sie mit "Dietäää" Sex hatte. Ganze 3 Seiten lang. Am Ende die Enthüllung: Der Dieter ist keine große Leuchte im Bett, weil ...
... der Leser kann es nun an einer Vergleichstabelle abschätzen.
In "Dieters Schniedel-Tipp-Spiel" stehen zur Auswahl a) Gewürzgurke (3 cm), b) Möhre (5 cm), c) Banane (12 cm) und d) Schlangengurke (22 cm). Unter der 0190-Nummer kann abgestimmt werden. Für 1,24 Euro pro Minute. Das Geld fließt direkt auf das Konto von Klaus Helbert, der seine Verlagskasse schon zu Zeiten seiner Masturbationsblättchen Coupé und Blitz Illu mit kostenpflichtigen Telefon- und Internetaktivitäten aufbesserte.
Bei X-News wird die Portokasse ziemlich dreist aufgebessert. Für sein Hardcore-Internet-Portal www.visit-x.com macht Helbert Werbung in eigener Sache, ohne dass die ganzseitige Anzeige eindeutig als Werbung gekennzeichnet ist.
SeX
Wobei spätestens hier klar sein dürfte, wofür das "X" vor den News wirklich steht. Für SeX nämlich. Da geht es erst um Sex, dann um Sex und schließlich um Sex. Bisweilen ist das durchaus grotesk amüsant ("Schmutzige Fotos von Hitzfeld-Rosi aufgetaucht"). Und der geneigte Titanic Redakteur wird ob der Brillanz mancher X-News Nachwuchsjournalisten vor Neid erblassen, wenn zum Beispiel ausführlich über die erotische "Mastdamm-Massage" eines Test-Pärchens geschrieben wird.
Allerdings wird das Ein-Euro-Blatt von Redakteuren gemacht, die vom Herausgeber Manfred Meier (ehemaliger Bild Unterhaltungschef) als hungrig und neugierig beschrieben werden ... und sich wohl nicht als Comedy-Autoren verstehen. Keiner ist älter als 30, allesamt ohne große journalistische Vorkenntnisse. Von der Straße auf den Boulevard.
Doch bekanntlich muss Boulevard nicht immer glänzen. Journalistisch jedenfalls holt X-News seinen Leser dort ab, wo ein Hamburger Abendblatt oder eine B.Z. zu intellektuell werden. Das erfordert tatsächlich ein hohes Maß an Kreativität. Es ist nicht einfach, debil zu schreiben...
"Haben wir bald 4 Millionen Amokläufer?"
Im Nachrichten-Teil von X-News erfährt der Leser Nützliches. Auch wie er mit einem Flugzeugentführer umgehen muss. Ganz einfach: "Besteck-Gabel in Augen stechen. Macht Entführer sofort blind und wehrlos."
Natürlich spielt Politik bei X-News eine wichtige Rolle. Der Amoklauf eines 22 Jährigen in Oberbayern ist eine "Verzweiflungstat wegen Arbeitslosigkeit" und endet mit der fundierten Frage: "Ist das der Anfang einer Welle von arbeitslosen Amokläufern, die wild um sich schießen?".
Präzise nachgefragt wird auch in der Wirtschaftspolitik. Der Kanzler als "Totengräber der deutschen Wirtschaft", unter die Lupe genommen von führenden Wirtschaftsexperten. X-News fragt, die Wirtschaftsanalysten antworten. Offen bleibt, wer die Wirtschaftsfachleute sind. Sie werden nicht mit Namen genannt. Vermutlich, weil die Wirtschaftsexperten eigene Redakteure sind - ohne VWL-Abschluss. Kampagnenjournalismus at its best.
X-News ist das neue Nachrichtenmagazin. Buntes Klopapier mit doppeltem Nutzwert. Erst lesen, dann wischen und anschließend spülen.
Foto: Cover der Erstausgabe von X-News vom 21.02.2002