Der Film soll nichts geringeres sein, als ein Dokument deutscher Geschichte. Was jetzt unter dem Titel "Escape to Life" in deutschen Lichtspielhäusern zu sehen ist, erinnert aber mehr an klischeelastiges Gefühlskino.
Wer sich den Manns nähert, hat es schwer. Es gibt nur noch wenige dunkle Nischen im Schatten des Übervaters Thomas, die nicht ausgeleuchtet worden wären. Seine beiden ältesten Kinder ins Licht der Leinwand zu stellen, birgt aber wohl auch deshalb großen Reiz, weil deren Lust an der "schamlosen Verruchtheit", mit der sie in den rasenden Zwischenkriegsjahren als lebenshungrige Avantgarde bürgerliche Grenzen hinter sich ließen, dem Lebensgefühl der Jahrtausendwende so nahe kommt.
Flucht in den Tod
Charakteristisch für den 83-Minuten-Streifen eilt ein Zug über die Schwellen (der Biographie), hinein in unscharfe Landschaften. Die Film-Strecke ist collagenartig zergliedert in Bilder aus privatem Archivmaterial, Wochenschaufilmen, Interviews und nachgespielten Szenen. Da stehen anfangs die Geschwister, die sich nahe fühlen wie eineiige Zwillinge, in der heilen Welt des elterlichen Vorgartens und spielen Theater. Klaus der Zarte, Erika die Leidenschaftliche, noch vereint in glücklicher Innigkeit. Später übernimmt Klaus den weiblichen Part des Geschwisterspaars, als einfühlsamer Schriftsteller, Erika den männlichen, als Macherin.
Nach ausschweifenden Bohèmejahren bestimmt immer mehr die politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung ihr Schaffen. Klaus, zunächst, emigriert nach der Machtergreifung Hitlers über Amsterdam, Zürich, Prag nach Paris und entwickelt sich zu einem der bedeutendsten Exil-Autoren und Verleger "Der Sammlung". 1934 wird ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt, einzig Sprache bleibt ihm als Heimat. 1942 meldet er sich 36-jährig zur US-Army. Dazwischen liegen Entziehungskuren, Todessehnsucht und sein Bekenntnis zur Homosexualität. Vor ihm liegen der Schmerz vom Vater nicht unterstützt und von den Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg als Schriftsteller nicht anerkannt zu werden. Seine Flucht ins Leben endet 1949 nach einer Überdosis Schlaftabletten. Erika bleibt erfolgreich: Als Schauspielerin bei Max Reinhardt, Rallyefahrerin, Gründerin des literarisch-politischen Anti-Nazi-Kabaretts "Die Pfeffermühle", schließlich als "kongeniale Mitarbeiterin" ihres Vaters.
Chronik aus Versatzstücken
Die Geschwister kommen in dem Filmdrama von Andrea Weiss und Wieland Speck, das übrigens den Titel der gemeinsamen Exil-Schrift von Klaus und Erika trägt, in der Hauptsache als Off-Stimmen vor, gesprochen von Vanessa Redgrave und Barbara Nüsse (Erika Mann) sowie Colin Regrave und Ulrich Mattes (Klaus Mann). Maren Kroymann und Christoph Eichmann verkörpern die beiden in nachgespielten und weichgezeichneten biographischen Szenen. Diese sind mitunter so plakativ - was den Schauspielern nicht anzulasten ist - dass sie zum schwülen Homo-Klischee erstarren. Ungelenk gebrochen werden diese Sequenzen durch Interview-Einblendungen mit Zeitzeugen und Analysen der "kleinen Schwester" Elisabeth Mann Borghese, die sie von einer Brücke im Grünen gibt. Was bleibt, ist Bedauern: Statt der chronologischen Aneinanderreihung von schwarzweißen und farbigen Versatzstücken, hätte das Regieduo besser auf Konzentration und damit Intensität gesetzt.
"Escape to Life - The Erika and Klaus Mann Story" (Deutschland, Großbritannien, Frankreich 2000)
seit dem 5. April 2001 in den deutschen Kinos
Regie: Wieland Speck, Andrea Weiss
Kamera: Uli Fischer, Ann T. Rossetti
Musik: John Eacott
Produzentin: Greta Schiller
Coproduzent: Thomas Kufus
Mit:
Vanessa Redgrave, Colin Redgrave, Christoph Eichmann, Maren Kroymann, Cora Frost, Jean Loup, Guido Kleineidam, Elisabeth Mann-Borghese, Marianne Breslauer, Igor Pahlen
Länge: 83 min.
Foto: Copyright liegt bei Piffl Medien