Gregor Gysi: Ein Blick zurück, ein Schritt nach vorn
Autor : Wolfgang J. Mehlhausen E-mail: redaktion@e-politik.de Artikel vom: 26.11.2002
Gregor Gysis jüngstes Buch bietet mehr, als der Titel vermuten lässt. Wolfgang J. Mehlhausen hat es gelesen.
Gregor Gysi, früherer PDS-Parteivorsitzender, Bundestagsabgeordneter und Berliner Senator für Wirtschaft und Frauen, ist nicht nur ein brillanter Redner und beliebter Gast bei Talkshows im Fernsehen, sondern auch ein hervorragender Autor. Sein neues Buch, im flüssigen und unterhaltendem Stil geschrieben, verführt dazu, es zu verschlingen. Doch dies sollte man gerade nicht tun, denn es lohnt, viele Abschnitte genau zu lesen und zu überdenken. Denn es ist mehr als "ein Blick zurück".
Politik mit Substanz? Politik geht an die Substanz. So lautet die Überschrift des ersten Kapitels. Von Gysi selbst erfährt man hier Dinge, die in fast allen Medien ganz anders dargestellt waren. Auch bei anderen Gelegenheiten wird dem Leser klar, wie tendenziös manche Medien berichten. Wer glaubt, durch ARD und ZDF, den SPIEGEL und eine der großen Tageszeitungen allseitig informiert zu werden, wird hier schnell vom Gegenteil überzeugt.
Eliten
Breiten Raum nimmt die Frage der "Eliten" ein. "Die Eliten wurden nicht vereinigt" lautet die Überschrift des vierten Kapitels, in dem er sachlich analysiert, welche vermeidbaren Fehler nach 1989 von den politisch Verantwortlichen gemacht wurden.
An einigen Stellen wünschte man sich mehr Schärfe, beispielsweise, was er zu den Grenztruppen der DDR kurz ausführt. Hier möchte man Gysi ergänzen: Als der Bundesgrenzschutz als "alte" Institution der BRD seine Arbeit an den neuen Ostgrenzen übernahm, ersetzte er die DDR-Grenztruppen als solche, übernahm jedoch zugleich Tausende MfS-Mitarbeiter, die früher bei der Passkontrolle tätig waren. Auch viele DDR-Zöllner, die bis zur Wende dem DDR-Regime hingebungsvoll dienten, trugen plötzlich die neuen Uniformen und wurden als Finanzbeamte vereidigt.
Analyse der Geschichte
Ein Blick zurück, wie er die Qualitätsunterschiede der Politik von Kohl und Schröder, aber auch früherer Regierungen einschätzt, ist interessant zu lesen. Gysi stellt beispielsweise fest, dass zu Zeiten von Brandt und Schmidt mit der DDR noch politisch verhandelt wurde, während in der Kohl-Ära politische Zugeständnisse von Honecker nur noch mit Geld erkauft wurden. Wie Gysi die Geschichte der Bundesrepublik und deren Parteienlandschaft ab 1990 analysiert, dürfte auch für seine politischen Gegner von Interesse sein, es sei denn, sie wollen nicht an eigene Fehler oder die ihrer verantwortlichen Politiker erinnert werden.
Anregungen zum Nachdenken
Sicher werden nicht wenige Leute, die eigentlich gar nichts mit der PDS zu tun haben wollen, angenehm überrascht sein, wie sachlich und logisch seine Darstellungen und Beweisführungen sind. Besonders kritische, linke Sozialdemokraten werden hoffen, dass ihre Partei Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt.
Über die Jugoslawien-Kriege ist bekannt, dass die PDS als einzige politische Kraft im Bundestag offen gegen diesen Krieg war. Auch im entsprechenden Kapitel 6 finden wir einiges an Informationen, was in den Medien so nicht berichtet wurde. Man kann durchaus anderer Meinung als Gysi und seine Partei sein, was beispielsweise die Vorgeschichte des Krieges angeht. Ob die alte Bundesregierung indirekt eine Schuld an den Ereignissen in Jugoslawien trifft, weil sie voreilig die Unabhängigkeit von Slowenien und Kroatien anerkannt hat, kann man durchaus anzweifeln. Man kann hier Gysi sachlich entgegnen: Wer kann es den Slowenen und Kroaten verdenken, dass sie schnellstmöglich ihren eigenen Weg gehen wollten und keinerlei Interesse daran hatten, weiterhin einem serbisch dominierten Jugoslawien anzugehören. Doch auch Gorbatschow hat nie begriffen, warum die baltischen Staaten nicht das geringste Interesse daran hatten, in irgendeinem Staatenbund mit Russland zu verbleiben. Was die weiteren Ausführungen zu diesem Krieg und dessen völkerrechtliche Legitimität angeht, so wird auch der Leser, der die Außenpolitik der Regierung in dieser Lage bis heute als richtig ansieht, zum Nachdenken gebracht.
Urteile und Zurückhaltung
Reisen ins Ausland, die PDS von 1998 - 2000 und unerwünschte Gespräche werden in den letzten 3 Kapiteln behandelt. Gysi gelingt es, überzeugend darzustellen, welche Einflussmöglichkeiten in vielen Bereichen die kleine Partei in der Bundesrepublik unterdessen besitzt, ohne diese zu überschätzen. Bei Dingen, die er selbst nicht exakt beurteilen kann, übt er Zurückhaltung. Man findet hier viel Interessantes, so über seine Gespräche mit Helmut Kohl, Angela Merkel und anderen Politikern. Die CDU-Vorsitzende, um ein Beispiel zu nennen, wird sicher erfreut sein zu lesen, dass ihr Gysi zuschreibt, dass sie sich "nur begrenzt verbiegen lässt". Als einen der intelligentesten Politiker bezeichnet er den Bundesaußenminister, den er konsequent nur bei seinem Namen Josef Fischer nennt.
Ein Sachbuch, wie man es sich wünscht
Das Buch endet mit einem Epilog und enthält ein umfangreiches Personenregister. Es ist engagiert geschrieben und bringt, wie an wenigen Beispielen angedeutet, auch viel Neues an Feststellungen, Analysen und Ideen. Dabei geizt er keineswegs mit persönlichen Einschätzungen und Meinungen, aus denen man durchaus menschliche Wärme spüren kann, die viele Politiker nicht zu besitzen scheinen oder artikulieren können.
Das Buch ist so sympathisch geschrieben, wie Gregor Gysi selbst, wenn man ihn "live" oder im Fernsehen erlebt. Dies werden auch seine entschiedensten Gegner, sicher mit Unmut zur Kenntnis nehmen müssen. Auffällig ist, dass Gysi oft den Begriff Mainstream benutzt. Die "Kämpfer" und "Kämpferinnen" für die grammatikalische Gleichstellung von Mann und Frau werden zufrieden feststellen, dass er hier bemüht ist, immer nur z.B. von Ärztinnen und Ärzten zu schreiben, doch dies liest sich gefälliger als ÄrztInnen. Alles in allem ist dieses neue Buch mehr als nur ein zeitgeschichtlicher Blick zurück, auch für Historiker sind einige Denkanstöße zu finden. Politisch interessierten Lesern, auch wenn sie keinerlei Affinität zur PDS verspüren, kann dieses Buch sehr empfohlen werden.
Gregor Gysi: "Ein Blick zurück, ein Schritt nach vorn",
Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg, 5. Auflage 2001, 384 Seiten
19,95 Euro
ISBN 3-455-09338-3
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