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e-politik.de - Artikel
( Artikel-Nr: 1975 )Gregor Gysi: Ein Blick zurück, ein Schritt nach vorn Autor : Wolfgang J. Mehlhausen Gregor Gysis jüngstes Buch bietet mehr, als der Titel vermuten lässt. Wolfgang J. Mehlhausen hat es gelesen.
Gregor Gysi, früherer PDS-Parteivorsitzender, Bundestagsabgeordneter und Berliner Senator für Wirtschaft und Frauen, ist nicht nur ein brillanter Redner und beliebter Gast bei Talkshows im Fernsehen, sondern auch ein hervorragender Autor. Sein neues Buch, im flüssigen und unterhaltendem Stil geschrieben, verführt dazu, es zu verschlingen. Doch dies sollte man gerade nicht tun, denn es lohnt, viele Abschnitte genau zu lesen und zu überdenken. Denn es ist mehr als "ein Blick zurück".
Eliten Analyse der Geschichte Anregungen zum Nachdenken Urteile und Zurückhaltung Ein Sachbuch, wie man es sich wünscht Gregor Gysi: "Ein Blick zurück, ein Schritt nach vorn",
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An einigen Stellen wünschte man sich mehr Schärfe, beispielsweise, was er zu den Grenztruppen der DDR kurz ausführt. Hier möchte man Gysi ergänzen: Als der Bundesgrenzschutz als "alte" Institution der BRD seine Arbeit an den neuen Ostgrenzen übernahm, ersetzte er die DDR-Grenztruppen als solche, übernahm jedoch zugleich Tausende MfS-Mitarbeiter, die früher bei der Passkontrolle tätig waren. Auch viele DDR-Zöllner, die bis zur Wende dem DDR-Regime hingebungsvoll dienten, trugen plötzlich die neuen Uniformen und wurden als Finanzbeamte vereidigt.
Über die Jugoslawien-Kriege ist bekannt, dass die PDS als einzige politische Kraft im Bundestag offen gegen diesen Krieg war. Auch im entsprechenden Kapitel 6 finden wir einiges an Informationen, was in den Medien so nicht berichtet wurde. Man kann durchaus anderer Meinung als Gysi und seine Partei sein, was beispielsweise die Vorgeschichte des Krieges angeht. Ob die alte Bundesregierung indirekt eine Schuld an den Ereignissen in Jugoslawien trifft, weil sie voreilig die Unabhängigkeit von Slowenien und Kroatien anerkannt hat, kann man durchaus anzweifeln.
Man kann hier Gysi sachlich entgegnen: Wer kann es den Slowenen und Kroaten verdenken, dass sie schnellstmöglich ihren eigenen Weg gehen wollten und keinerlei Interesse daran hatten, weiterhin einem serbisch dominierten Jugoslawien anzugehören. Doch auch Gorbatschow hat nie begriffen, warum die baltischen Staaten nicht das geringste Interesse daran hatten, in irgendeinem Staatenbund mit Russland zu verbleiben. Was die weiteren Ausführungen zu diesem Krieg und dessen völkerrechtliche Legitimität angeht, so wird auch der Leser, der die Außenpolitik der Regierung in dieser Lage bis heute als richtig ansieht, zum Nachdenken gebracht.
Das Buch ist so sympathisch geschrieben, wie Gregor Gysi selbst, wenn man ihn "live" oder im Fernsehen erlebt. Dies werden auch seine entschiedensten Gegner, sicher mit Unmut zur Kenntnis nehmen müssen. Auffällig ist, dass Gysi oft den Begriff Mainstream benutzt. Die "Kämpfer" und "Kämpferinnen" für die grammatikalische Gleichstellung von Mann und Frau werden zufrieden feststellen, dass er hier bemüht ist, immer nur z.B. von Ärztinnen und Ärzten zu schreiben, doch dies liest sich gefälliger als ÄrztInnen. Alles in allem ist dieses neue Buch mehr als nur ein zeitgeschichtlicher Blick zurück, auch für Historiker sind einige Denkanstöße zu finden. Politisch interessierten Lesern, auch wenn sie keinerlei Affinität zur PDS verspüren, kann dieses Buch sehr empfohlen werden.
Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg, 5. Auflage 2001, 384 Seiten
19,95 Euro
ISBN 3-455-09338-3
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