Filme quasi ohne Dialog und ohne konkrete Handlung haben in der amerikanisierten Filmlandschaft Deutschlands eher Kuriositätenwert (Minister Naumann hat unlängst vorgeben, welche Art von Filmen hierzulande zu drehen sind). Dabei vermitteln (filmtheoretisch gesprochen:) die Reduktion von Personen und Kulissen auf Ikonen und die Aushebelung von Handlung und formaler Logik zugunsten von Fantasie als Mittel der Inszenierung eigentlich exakt die spielerischen Elemente, die man als elementare Stärken des Films verstehen sollte.
Veit Helmer hat in "Tuvalu" genau diese Mittel eingesetzt. Trotzdem wird seine filmische Fantasie eher als zufällig gelungenes Exeriment bestaunt und nur seine Exotik in dem cineastischen Einerlei überschwenglich gefeiert.
Langer Atem des Regisseurs
Eine lange Vorbereitung, den Widerstand aller Produzenten, ein langer Dreh im heruntergekommenen Sofia, eine internationale Besetzung und Crew sowie eine ebenso lange Nachbereitung hat Helmer auf sich genommen, um seine Idee durchzusetzen.
Der Erfolg gibt ihm recht: Diverse Filmfestivals sprachen dem Regisseur und seinem Werk Originalität zu und bedachten ihn mit vielen Preisen und auch die deutsche Kritik lobt den Streifen über den grünen Klee.
"Tuvalu" hebt sich wohltuend von der gängigen, kaum unterscheidbaren Mainstreamware ab. Nur der Vergleich mit Jeunets und Caros "Delikatessen" wirkt etwas vermessen, auch wenn die grotesken Elemente nah verwandt scheinen.
Thematisch ist "Tuvalu" eher mit "The Shower" von Zhang Yang (China 1999) vergleichbar. In beiden Filmen steht ein altes abbruchreifes Schwimmbad voller Erinnerungen im Mittelpunkt der Handlung. Während "Shower" seine Allegorien in der Gegenständlichkeit des Alltags sucht, präsentiert Veit Helmer lieber einen grotesken Traum:
Anton (Denis Lavant) versucht seinem blinden Vater mit allen, ihm zur Verfügung stehenden Mitteln die Illusion zu bewahren, dass das alte abbruchreife Schwimmbad noch immer voll besucht ist. Heimlich hat er sich in Eva (Chulpan Hamatova) verliebt, doch seit deren Vater bei einem Unfall im Schwimmbad ums Leben gekommen ist, steht ihre zarte Beziehung unter keinem guten Stern.
Das Hauptproblem ist neben den täglichen, notdürftigen Instandsetzungen der gierige Bruder Gregor (Terrence Gillespie), der als Geschäftsmann alles daran setzt, das alte Gemäuer mit Gewinn (für sich) loszuschlagen.
Absurdes Theater als Steilvorlage
In einem komplett autarken Universum voller surrealer Bilder spielt sich eine schwache, knapp 100-minütige Handlung ab, die keiner Dialoge bedarf und sich nur einiger international verständlicher Floskeln bedient. Das ist einfallsreich (aber nicht so genial, wie viele meinen) und vor allem ist es billig.
Helmer bedient sich aus dem Fundus des absurden Theaters bei Beckett und Ionesco. Doch seiner universellen Geschichte von der Liebe, die sich aus den Trümmern der Vergangenheit erhebt (und mit dem Schiff zur titelgebenden Insel "Tuvalu" aufbricht), fehlt es schlicht an Tiefe. Durch die Märchenstruktur und den pantomimischen Humor entsteht eine beschauliche Distanz, so dass höchstens die surrealen Bilder beeindrucken.
Ein netter, aber harmloser Film
Bei genauerer Betrachtung erweist sich auch die hochgelobte Poesie eher als plakatives Sammelsurium von Gebrauchsmetaphern, die wie Werbung an den Zuschauern vorbeiziehen. "Tuvalu" ist ein netter und origineller Einfall, der auch nicht langweilt. Die gleichen Effekte plus eine tiefe menschliche und emotionale Komponente erreicht dagegen der bereits erwähnte chinesische Spielfilm "Shower". Nur wird der sich höchstens im Rahmen eines Festivals nach Deutschland verirren, während der harmlose "Tuvalu" ob seiner "Genialität" schon jetzt in aller Munde ist.
"Tuvalu" (Deutschland 1996-2000)
seit dem 22. Juni 2000 in den deutschen Kinos
Regie: Veit Helmer
Produktion: Vladimir Andreev, George Balkanski
Drehbuch: Michaela Beck, Veit Helmer
Kamera: Emil Christov
Mit:
Denis Lavant (Anton)
Chulpan Hamatova (Eva)
Philippe Clay (Karl)
Terrence Gillespie (Gregor)
E. J. Callahan (Inspektor)
Länge: 92 min.
Filmplakat: Copyright liegt bei Veit Helmer-Filmproduktion