Güterlehre, Lebensformen, Psychologie, dianoetische Tugenden
Die Güterlehre
Was sind Güter?
Güter sind unbeständige Handlungsziele, die ihres Nutzens oder ihrer Sittlichkeit wegen erstrebt werden. Es ist egal, ob sie gut sind, oder nur als gut bezeichnet werden. Es sind Zielvorstellungen, die tatsächlich gelten.
Warum sind Güter unbeständig?
Die Unbeständigkeit von Gütern/Zielvorstellungen liegt zum Beispiel in der Gefahr durch Übermacht (Gut: Tapferkeit) oder aufgrund von Reichtum getötet zu werden. Der Tod ist aber nicht das Ziel menschlichen Handelns, sondern das Glück. Der Ausgang des Handelns (d.h. das Glück) und das Folgen bestimmte Zielvorstellungen ist also ungewiß und unbeständig.
Was für Arten von Gütern gibt es?
Seelische Güter: Diese sind Güter im strengsten Sinn. Es ist ein Handeln und Tätigsein der Seele. Das oberste Gut der
Seele ist das Glück - und somit ist dieses auch das höchste, schönste und freudvollste Gut.
Körperliche Güter
Äußerliche Güter: Hierzu zählt unter anderem das Aussehen eines Menschen oder Reichtum. Äußere Güter werden auch benötigt. Denn es ist nicht leicht durch edle Taten zu glänzen, wenn man über keine Hilfsmittel verfügt. (Aristoteles: Mit dem Glück des Mannes ist es schlecht bestellt, wenn er über ein ganz Abstoßendes Äußeres verfügt.)
Das Glück, das höchste aller Güter
Glück ist das letzte Ziel menschlichen Handelns. Glück ist das "Tätigsein der Seele im Sinne der ihr wesenhaften/tugendmäßigen Tätigkeit". Es ist vollkommen und selbstgenügsam.
Glückseligkeit ist gottgegeben (Geschenk der Götter), oder aber für fast alle durch Lehre und Fürsorge erreichbar und daher nicht dem Zufall zu zuordnen. Politische Kunst ist es, die Bürger zu lehre und zur Tugend zu bilden.
Welcher Mensch ist glückselig?
Glückselig ist der, der nach vollkommener Tugend tätig ist und mit äußeren Gütern hinlänglich versehen ist, beides das ganz Leben hindurch. Glück für einen ganzen Staat zu erreichen ist größer und vollkommener als nur das Glück für einen Einzelnen zu erreichen. Jedoch muß man sich auch damit zufrieden geben.
Die beiden höchsten Formen des Glücks: Lust und Vernunft
Die Lebensformen
Tätigkeiten, die das gute Leben ausmachen
Streben nach Lust (Hedonismus)
Das vernünftige Leben: bios politikos und bios theoretikos
Welche dieser drei Lebensformen entspricht den Bedingungen der Autarkie und der Verwirklichung um ihrer Selbstwillen?
Hedonismus
es gibt verschiedene Arten von Lust:
wie die Formen der Tätigkeit sind auch die Formen der Lust verschieden
die höchste Form der Lust, ist die, die mit der Denktätigkeit verbunden ist
jedes Wesen hat eine ihm eigentümliche Lust
Lust ist das, was der hervorragende Mensch empfindet, und was ihm angenehm ist, und woran er seine Freue hat. Lust ist aber nicht autark, da jede Form der Lust von etwas abhängig ist. Daher ist das vernünftige Leben, dem der Lust überzuordnen. Denn das höchste Glück wird um seiner Selbstwillen angestrebt und ist autark.
Das vernünftige Leben
Das höchste Glück, denn es wird um seiner Selbstwillen angestrebt und kann autark geführt werden.
Zwei Arten: Bios theoretikos und Bios politikos
Bios theoretikos
aller höchstes menschliches Tätigsein
ein Leben, das dem Leben Gottes am nächsten kommt
vollkommene und autarke "eudaimonia"
Aktivität bedeutet Glück, und dieses besteht in der Betrachtung
Beinhaltet alle drei theoretischen Wissenschaften: Theologik, Naturwissenschaft und Mathematik
Beschäftigung mit diesen Wissenschaften erfolgt nicht wegen eines Nutzens, sondern um ihrer Selbstwillen, das lustvollste Leben
Dieses Leben ist aber nicht allen zugänglich, da den meisten Menschen hierzu die nötige Vernunft fehlt
Bios politikos
allen zugänglich, da der Mensch ein politisches Wesen ist
Erwerb von Ehre oder die Betätigung ethischer Tugenden zum Inhalt
Verhältnis bios theoretikos und bios politikos
Die politische Lebensform ist gegenüber der theoretischen eine eigenständige Lebensform, zugleich aber auch supplementäre Lebensform dessen, der die theoretische Lebensform zum Hauptinhalt seiner menschlichen Aktivitäten macht.
Die Psychologie
Die Seele
Die Seele ist die Zusammenfassung aller Seinsstufen, von der unbelebten Materie bis hin zur göttlichen Vernunft. Sie ist zwei geteilt:
irrational
rational
Der irrationale Seelenteil
nicht eigentümlich menschlich
vor allem im Schlaf tätig
für die Ernährung zuständig
unterliegt keiner Wertung
Dieser Teil der Seele ist verbunden mit dem rationalen Seelenteil. Alle Menschen haben einen vernünftigen Teil der Seele. Aber gegen diesen vernünftigen Teil kämpft etwas. Dabei tut es nichts zur Sache, ob dieses irrationales etwas dem Menschen Eigentümliches ist. Beim beherrschten Menschen leistet das Irrationale Gehorsam, beim Besonnenen und Tapferen ist es in voller Harmonie mit dem rationalen Element.
Das Irrationale gibt es also in doppelter Art: Einmal ist es der vegetative, pflanzliche Teil, der gar nicht mit der Vernunft zu tun hat. Auf der andern Seite hat der begehrende strebende Teil des Irrationalen einen gewissen Anteil an der Vernunft.
Der rationale Seelenteil
herrscht und bestimmt über das Unvernünftige
Auch hier gibt es zwei Formen: Der rationale Seelenteil, der dem irrationalen übergeordnet ist, sowie den, der nur in sich selbst existiert. Daher gibt es auch zwei Formen von Tugenden.
Denkendes Begehren und Begehrendes Denken
Der Mensch unterscheidet sich vom Tier, mit dem er den Sinn gemeinsam hat, durch die Vernunft. Diese gleidert sich in die theoretische Vernunft und die praktische Vernunft. Die theoretische Vernunft sieht das Gute und das Schlechte, handelt aber nicht und bringt nichts hervor. Sie ist das Denken. Die praktische Vernunft handelt und strebt nach dem Guten. Sie ist Begehren.
Die Tugenden
Die ethischen Tugenden
Ethische Tugenden sind Großzügigkeit und Besonnenheit. Diese bestimmen den Charakter, entstehen durch Gewöhnung und sind nicht von Natur aus angeboren.
Die dianoethischen Tugenden
Sie sind rational und bestimmen das Verhalten. Auch sie sind nicht angeboren. Entstehen aber durch Lehre und brauchen daher Erfahrung und Zeit. Durch diese läßt sich die rechte Vernunft bestimmen, die notwendig ist, um zwischen Übermaß und Mitte zu unterscheiden. Denn hier liegt die Glückseligkeit, das oberste Ziel der Staatskunst und allen Handelns.
Die dianoethischen Tugenden dienen der Wahrheitsfindung.
- Der Verstand ist die Voraussetzung und der Ausgangspunkt für alle anderen Tugenden.
- Die Wissenschaft ist das Wissen von dem, was nicht anders sein kann. Sie schließt das Anderssein aus.
- Die Kunst oder das Können ist ein hervorbringendes abzielendes reflektierendes Verhalten mit wahrer Vernunft (hervorbringen!, nicht handeln).
- Die Weisheit ist die Vollendetheit des Könnens und der Erkenntnis, d.h. sie ist Kunst und Wissenschaft im vollkommensten Sinne.
- Die Klugheit ist das Wissen von dem, das sich anders verhalten kann. Sie ist die Tugend, die es uns ermöglicht gut und richtig zu handeln und strebt das Nützliche an. Die Wohlberatenheit ist der richtige Weg zum Ziel (Glückseligkeit). Die Geschicklichkeit ist die Fähigkeit, die Wohlberatenheit ins Handeln umzusetzen. Es gibt Klugheit bezogen auf die eigene Person, auf die Leitung einer Hausgemeinschaft und auf den Staat.
- Staatskunst ist im Grunde identisch mit Klugheit. Die leitende architektonische Form nennt man Gesetzgebung, das auf den Einzelfall bezogene Handeln Politik.
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Bildbearbeitung: Claudia Kober