Markenzeichen von Charlie Chaplin waren der kleine Schnurrbart und der putzige Melonenhut -
Markenzeichen von Kaiser Wilhelm II. waren der breite nach oben gezwirbelte Schnauzer und
der Reiterhelm mit dem wuchtigen Buschen. Beide waren Filmstars. Zumindest wenn man Peter
Schamoni glaubt - die deutschen Kinobesucher können ab 9. November 2000 sehen, was der
Regisseur in europäischen Filmarchiven ausgegraben hat. "Majestät brauchen Sonne" heißt der
Dokumentarfilm, der den "ersten deutschen Kinostar" an Hand von Originalaufnahmen
portraitiert.
Unfreiwillige Komik eines Kaisers
Nun hat Wilhelm Zwei mit Charlie Chaplin mehr gemeinsam als die Tatsache, dass die
Markenzeichen auf Kopf und Oberlippe ruhen. Beide sind komisch und beide strahlen von der
Leinwand eine gewisse Tragik aus. Bei dem Amerikaner ist das so, weil er ein Clown ist. Bei
dem Deutschen, nun ja, da ist dieser Effekt wohl eher unfreiwillig. Schamoni lässt seine
Zuschauer mit Hilfe der aufwendig restaurierten Aufnahmen aus dem frühen 20. Jahrhundert am
Leben des Herrschers teilhaben. Die Stummfilmaufnahmen sind unterlegt mit Kommentaren und
Hintergrundinformationen, gesprochen von Mario Adorf. Außerdem hören wir Texte vom
Kaiser selbst, gesprochen von Otto Sander. Die Texte stammen aus den autobiographischen
Werken des Kaisers.
Wilhelm II. war ein Medienprofi. Nachdem die anfängliche Scheu vor den kurbelnden
Kameramännern überwunden war, umringte stets ein ganzes Rudel von Objektiven den Kaiser.
Schamoni hat in seinem Werk geschickt verschiedene Aufnahmen zusammengeschnitten, oft
sehen wir ein und die selbe Szene aus verschiedenen Perspektiven, und immer zeigt sich der
Kaiser in bester Pose. "Majestät brauchen Sonne" war ein geflügeltes Wort bei Hofe, denn bei
schlechtem Wetter sagte Wilhelm II. aller Termine ab, es musste "Kaiserwetter" herrschen,
damit sich der Regent öffentlichkeitswirksam präsentieren konnte. Mit Erfolg - die wackligen
Bilder waren ein Schlager auf den Jahrmärkten im Reich.
Die historische Dimension kommt zu kurz
Komisch wirkt das höfische Gehabe wohl nur aus heutiger Sicht. Und durch die Texte, die ja
teilweise aus seiner eigenen Autobiographie stammen. Es hat schon etwas Tragikomisches,
wenn dem Publikum Bilder vom stolz zu Ross reitenden Kaiser gezeigt werden und gleichzeitig
Otto Sander einen Text ließ, in dem Wilhelm über die Torturen berichtet, die ihm der
Reitunterricht als Kind brachte - der Kaiser war von Kind an behindert, und konnte seinen linken
Arm nicht bewegen, das Reiten war für ihn nur schwer zu erlernen. Dennoch musste er, weil
sich das für einen preussischen Herrscher so gehört.
Brillant ist der Film, wenn er den Menschen Wilhelm II. zeigt, seine Reiselust und seine
kindliche Begeisterung für Feste und technischen Fortschritt. Leider bleibt die historische
Dimension der Persönlichkeit auf der Strecke. Der Erste Weltkrieg nimmt nur einen Bruchteil
der Gesamtlänge ein, wird quasi auf eine Episode im Leben des Kaisers reduziert. Dass diese
Episode einschneidend war, erfahrend wir wohl - verdeutlicht durch Bilder aus Wilhelms Exil im
Kasteel Huis Doorn in Holland, die ihn meistens beim Holzhacken zeigen. Wenig deutlich wird
in Schamonis Film aber das völlige Versagen des Kaisers als Politiker, das sicher nicht der
alleinige, aber doch einer der wichtigen Gründe für einen der grausamsten Kriege dieses
Jahrhunderts war.
"Majestät brauchen Sonne" ist eine gewagte Biographie und ein sehenswerter Ausflug in
die Filmgeschichte. Der Zuschauer sollte allerdings nicht auf politischen und historischen
Tiefgang hoffen - dann bekommt er interessante und gute Unterhaltung.
"Majestät brauchen Sonne" (Deutschland 2000)
ausgezeichnet mit dem Bayerischen Filmpreis 1999
seit dem 9. November 2000 in den deutschen Kinos
Buch & Regie: Peter Schamoni
Produzenten: Peter Schamoni, Rob Houwer
Kamera: Ernst Hirsch, Mike Bartlett, Peter Rosenwenger
(und historische Kameraleute)
Sprecher: Mario Adorf, Otto Sander
Verleih: Arthaus Filmverleih
Foto: Copyright liegt bei Arthaus Filmverleih