Roman Herzog: Wider den Kampf der Kulturen
Autor : Andreas Groß E-mail: redaktion@e-politik.de Artikel vom: 16.12.2000
Roman Herzog hat als Bundespräsident auch im Ausland als Streiter gegen den sogenannten "Kampf der Kulturen" viel Aufmerksamkeit erweckt. "Wider den Kampf der Kulturen" versammelt Herzogs Reden. Andreas Groß hat es gelesen.
Die Theorie vom "Kampf der Kulturen" gehörte Mitte der 90er-Jahre praktisch zum Standardprogramm jeder politischen Diskussion. Die Welt hatte sich gerade zurückgelehnt, um das Ende des Kalten Krieges und den Gewinn des totalen Friedens zu genießen, als ein kleiner, kaum 30 Seiten langer Artikel Politiker und Wissenschaftler aus ihren rosaroten Träumen herausriß. Der Harvard-Professor und langjährige Pentagon-Berater Samuel Huntington prophezeite, dass die Erde in sieben oder acht Kulturkreise zerfallen werde, die sich früher oder später erbittert bekämpfen würden. In Zukunft stünden sich eben nicht mehr Kommunismus und Kapitalismus gegenüber, sondern islamische, slawisch-orthodoxe und westliche Zivilisationen. Huntington nannte dieses Szenario "Kampf der Kulturen" und empfahl Europa und den USA, gemeinsam zu handeln, um die Dominanz des Westens über andere Kulturen so lange wie möglich zu erhalten.
Huntington wurde oft vorgeworfen, das Aufeinanderprallen der Kulturen als einen unvermeidlichen Automatismus darzustellen. Tatsächlich hatte er seinen noch mit einem Fragezeichen versehenen Aufsatz schnell zu einem Buch ohne Fragezeichen ausgestaltet. Roman Herzog, kurz nach der Veröffentlichung des Artikels zum Bundespräsidenten gewählt, hat sich während seiner gesamten Amtszeit dafür eingesetzt, diesem Fatalismus entgegenzutreten und Huntingtons Szenario nicht Wirklichkeit werden zu lassen. Seine Reden und Texte haben immer an die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Kulturen erinnert, statt einseitig die Unterschiede zu betonen.
Herzogs neues Buch mit dem bezeichnenden Titel "Wider den Kampf der Kulturen" versammelt die wichtigsten Reden und zeugt von einem Engagement, das in Deutschland bislang kaum wahrgenommen worden ist.
Menschenrechte als Schlüssel zum Frieden
Der Kern seiner Botschaft ist relativ einfach: Sichert und verbreitet die Menschenrechte. Die Menschenrechte seien der kleinste gemeinsame Nenner aller Kulturen und stellten doch die überzeugendste Idee, den Frieden zwischen Menschen, Staaten und Völkern zu sichern. Der Auffassung, die Menschenrechte seien eine westliche Errungenschaft, die nicht ohne weiteres auf asiatische oder afrikanische Gesellschaften übertragbar seien, erteilt Herzog eine Absage. Schließlich fänden sich die Grundsätze der Humanität in jeder Weltreligion, die goldene Regel "Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg auch keinem andern zu" fände sich im Christentum genauso wie im Konfuzianismus oder im Islam.
Dieser Grundgedanke wiederholt sich in jeder der abgedruckten Reden Herzogs aufs Neue. Auch das Beispiel von Sokrates und Konfuzius, die nahezu gleichzeitig und doch vollkommen unabhängig voneinander sehr ähnliche Theorien zum menschlichen Zusammenleben entwickelten, wird dem Leser im Laufe des Buches mehrmals begegnen. Das zeugt auf der einen Seite von einer erstaunlichen Kohärenz seiner außenpolitischen Agenda. Auf der anderen Seite muss der Leser - anders als der Zuhörer - alle Reden auf einmal verdauen. Da stellt sich leicht eine gewisse Langweile ein ...
Vielfalt statt Eintönigkeit
... was wohl auch dem Herausgeber des Buches, Theo Sommer, nicht verborgen geblieben ist. Und so hat er den Reden Herzogs kurzerhand einige Beiträge anerkannter Autoren wie beispielsweise Bassam Tibi, Professor in Göttingen und Moslem mit deutscher Staatsbürgerschaft, zur Seite gestellt. Sie ergänzen, bestärken oder kritisieren die Reden Herzogs und verhindern damit, dass das Buch allzu einseitig gerät. Dadurch gewinnt das Buch immens und der Leser erhält so gleichzeitig einen Einblick in die außenpolitischen Standpunkte Roman Herzogs und einen Überblick über die verschiedenen Aspekte der globalen Diskussion um gemeinsame Werte oder trennende Unterschiede der Weltkulturen.
Roman Herzog: "Wider den Kampf der Kulturen. Eine Friedensstrategie für das 21. Jahrhundert."
Herausgegeben von Theo Sommer, mit einem Geleitwort von Helmut Schmidt.
Mit Beiträgen von Amitai Etzioni, Hans Küng, Bassam Tibi und Masakazu Yamazaki
S. Fischer Verlag, München, 2000
39,90 DM
ISBN 3-10-030210-9
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Leserkommentar
von
Toto
am 29.03.2003
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Ausnahmezustand
Zunächst erlaube ich mir, meinen Respekt vor der Politikerpersönlichkeit Roman Herzog auszudrücken. Als Bundespräsident hat er mir ein wesentlich höheres Maß an Orientierung gegeben als der Prediger Rau, dem man anmerkt, dass ihm eine tiefere Bildung fehlt. Überdies ist von ihm zu befürchten, dass seine Macht- und Profilierungsgier ihn vor einer zweiten Amtsperiode nicht zurückschrecken lässt - im Gegensatz zu Herzog hält sich Rau für unersetzbar - eine schwere Fehlannahme ...
ich denke auch, und nun zum inhalt meines kommentars, dass sich der Zivilisationscrash vermeiden lääst, wenn wir in Westeuropa, nein, der ganzen westlichen Welt, endlich den Gedanken aufgeben, dass die Menschenrechte universell sein ...
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