Bisher haben amerikanische Agentenfilme à la James Bond oder kalte Kriegsfilme das Bild Russland einseitig dominiert. Der böse Russe, der die Weltherrschaft an sich reißen möchte und mit Nuklearbomben droht. Aber in Vergessenheit ist damit auch die vielzitierte, rätselhafte russische Seele geraten, von der uns Tolstoi oder Dostojewskij geschrieben haben. Der Barbier von Sibirien belebt das Sittengemälde einer Welt voller Gegensätze wieder .
Zwei Zeitsprünge. "I give a shit on Mozart", solange diese Meinung bei dem Militärobersten vorherrscht, weigert sich der Kadett McCracken der Westpoint-Akademie die Gasmaske abzunehmen. Eine Generation davor: Russland 1885. Die attraktive Amerikanerin Jane Callahan reist im Auftrag des amerikanischen Erfinders Douglas McCracken nach Moskau. Jane soll am Zarenhof ihren weiblichen Charme spielen lassen und den einflussreichen General Radlov umgarnen, um Geld für McCrackens dampfbetriebene Abholzungsmaschine aufzutreiben. Im Zug lernt sie den Offiziersanwärter Andrej Tolstoi kennen. Beide verlieben sich leidenschaftlich ineinander, doch auch der naiv wirkende General verliebt sich unbeabsichtigterweise in Jane. Zwischen Radlov und Tolstoi schwelt Eifersucht, die in einer Kurzschlusshandlung Tolstois kulminiert: Er greift den General an und wird daraufhin nach Sibirien verbannt. Janes Versuche, Kontakt mit ihm aufzunehmen, scheitern. Erst zehn Jahre später gelingt es Jane, Andrej in einem sibirischen Dorf aufzusuchen...
Der Trend in Hollywood schlägt um. Die Suche nach neuen Bösewichten endet nicht im Osten, sondern bei der eigenen Gesellschaft. Wahnsinnige Medienmogule oder hochintelligente Psychopaten verunsichern das 21. Jahrhundert. Aber auf einige Klischees wie den Wodka trinkenden Russen greift die Hollywoodindustrie immer wieder zurück und auch ein russischer Regisseur wie Nikita Mikhalkov verzichtet nicht gerne darauf. Was dennoch die meisten Hollywood Regisseure hinter dem russischen Klischee versäumt haben darzustellen, holt Mikhalkov in diesem Film nach.
Russische Militärausbildung mal anders
Vielleicht merkt der Zuschauer die dominante russische Sichtweise daran, dass der Regisseur das Leben der Kadetten als das reinste Kinderspiel darstellt. Sie sind allzu unbeschwert und naiv, denken nicht über den Tag hinaus, werden von ihren Gefühlen geleitet, die stark an die alten Werte wie Ehre und Mut anknüpfen. Sicherlich mag diese Sichtweise ins andere Extrem überschlagen und auch die Wahrheit einer russischen Militärausbildung verzerren, zumal sie alles andere als vergnüglich war. Außerdem zeigt sich zweifellos die Sympathie des Regisseurs für Zar Alexander III. Im Film empfindet der junge Kadett Andrej Tolstoi, für moderne Zeitgenossen schwer nachzuvollziehen, fast kindliche Liebe zum Zaren. Der Zar wird als strahlender Herrscher hoch stilisiert. Dabei vergisst Nikita Mikhalkov , dass die Zaren des 19. Jahrhunderts mehrfach die Freiheitsbewegungen im eigenen Land oder in anderen Ländern unterdrückten, die sozialen Spannungen in Russland nicht lösen konnten und immer mehr an Beliebtheit verloren.
Gegen Ende des Filmes gibt es aber doch die unüberbrückbare Kehrtwendung in die andere, tragische Seite Russlands mit all ihren Konventionen und zaristischem Denken. Der Barbier von Sibirien ist die Geschichte über eine große Liebe, über Eifersucht, russischen Stolz und wahre Freundschaften. Ein nostalgischer Filmtraum, der in eine untergegangene Zeit entführt.
"Der Barbier von Sibirien" (Frankreich, Russland, Italien, Tschechien 1998)
Sibirskij tsiryulnik
ab dem 21. Dezember 2000 in den deutschen Kinos
Regie: Nikita Mikhalkov
Produzent: Michel Seydoux
Buch: Rustam Ibragimebekov, Nikita Mikhalkov
In Zusammenarbeit mit: Rospo Pallenberg
Nach einer Originalgeschichte von: Nikita Mikhalkov
Kamera: Pavel Lebeshev
Mit:
Julia Ormond (Jane Callahan)
Oleg Menshikov (Andrej Tolstoi)
Alexej Petrenko (General Petrenko)
Richard Harris (Dougles McCracken)
Vladimir Ilyin (Kapitän Mokin)
Daniel Olbrychski (Kopnowski)
Länge: 177 Min.
Verleih: Arthaus Filmverleih