Ochsentour, die 18.: Mehr Glück als Strategie
Autor : Alexander Wriedt E-mail: redaktion@e-politik.de Artikel vom: 17.09.2002
Ganz gleich wer die Wahl gewinnt, einer überzeugenden Kampagne werden die
Parteien ihren Erfolg nicht zu verdanken haben. Von Alexander Wriedt.
Wie auch immer die Wahl ausgehen wird, eines steht jetzt schon fest: Der
Sieger wird mehr Glück gehabt haben, als in jeder anderen Bundestagswahl zuvor.
Die Zickzack-Bewegungen der Umfragewerte täuschen darüber hinweg, dass der
Wahlkampf zäh und langweilig war. Trotz Sondersendungen, Sonderseiten und
Kandidatenduellen in Fernsehen und Zeitung waren die Wähler so lange
unentschlossen und ratlos wie selten zuvor.
Nach der CDU-Spendenaffäre entstand der
Eindruck, der Union werde viele Jahre lang der Ruf der Korruption anhängen. Der
hielt aber nicht lange an. Entweder vergibt der deutsche Wähler schnell, oder er
akzeptiert die kriminellen Machenschaften seiner Politiker. Dann folgte die
Kölner Spendenaffäre, bei der mächtige Genossen plötzlich mit Handschellen
abgeführt wurden. Schließlich beobachteten wir die Affäre um Rudolf Scharping,
der sich von dem windigen PR-Berater Moritz Hunziger Geld lieh und auch sonst
nicht gerade eine gute Figur abgab, der überstürzte Rausschmiss des
Telekom-Chefs Ron Sommer und der über allem schwebende Satz, er, Schröder, habe es
nicht verdient, wiedergewählt zu werden, wenn er die Arbeitslosigkeit nicht
deutlich gesenkt habe. Plötzlich standen die Genossen im Stimmungstief und
nichts schien sie mehr dort herausholen zu können.
Die Einberufung der Hartz-Kommission beeindruckte viele, nur die Stimmung
konnte das kaum heben.
Doch dann kam die Flut und die Sozialdemokraten bekamen Oberwaser. Und nun
ganz am Schluss ein deutliches Nein zum Irak-Krieg, das sich angesichts des
stümperhaften Agierens von George W. Bush bestens rechtfertigen lässt,
unabhängig davon, ob es richtig ist oder nicht. Und plötzlich fügen sich ein paar
Zufälle zusammen, deren Aufeinandertreffen hinterher zur Strategie erklärt
werden wird: Der Kanzler packt an, wenn Not am Mann ist, er setzt Reformen durch,
wie die Hartz-Kommission beweisen soll, und er kämpft als aufrechter
Sozialdemokrat gegen einen Krieg, den viele Menschen in Deutschland ablehnen.
Edmund Stoiber hingegen verblasst, seine schlechte Rhetorik wird nicht mehr
als ehrlich empfunden, sondern als stümperhaft. Sein Macher-Image tritt
hinter dem Fluthelfer Schröder zurück, denn das "Erfolgsmodell Bayern" lässt sich
kaum auf symbolträchtige Einzelhandlungen herunterbrechen. Trotz des
Trendwechsels bleiben die Umfragewerte für die Union hoch. Und Stoiber will nicht
mit ansehen, wie ihm der Sieg in letzter Minute durch die Finger rinnt. Also
bläst er zum letzten großen Angriff und schüttelt ein Thema aus dem Ärmel, das
bisher aus dem Wahlkampf herausgehalten wurde: die Zuwanderung. Aus gutem
Grund. Unabhängig von moralischen Bedenken, das Thema könnte Ausländern in
Deutschland Schaden zufügen, könnte es die eigenen Anhänger spalten.
Liberal-Konservative aus den großen Städten außerhalb Bayerns etwa, die trotz ihrer
konservativen Gesinnung einen CSUler nur zögernd zum Bundeskanzler haben wollen,
könnten ebenso verprellt werden, wie Kirchen oder liberale Parteianhänger, die
eher wegen Peter Müller als wegen Günther Beckstein Union wählen. Und
schließlich die Arbeitgeber, die immer wieder vor einem Abriegeln der Grenzen
warnen.
Kommt der alte Stoiber wieder, der rechte Parteien, wie etwa die
Republikaner ausgrenzte, indem er ihre Thesen übernahm? Die Zeit bis zur Wahl ist zu
kurz, als dass Stoiber Stimmen mobilisieren könnte, für die man sich eigentlich
schämen sollte. Doch vielleicht bewahrt ihn gerade dies vor einer Niederlage:
denn die "Gute-Menschen-Maschinerie", die in solchen Fällen anspringt, kommt
ebenfalls nicht mehr rechtzeitig in Gang. Und spätestens seit den
Antisemitismus-Vorwürfen gegen Jürgen Möllemann sollte man sich vor solch einer Lawine und
deren Auswirkungen auf den 22. dieses Monats fürchten.
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