Die Stimme... diese Stimme. Ist das Gisela Schneeberger? - Kongeniale Partnerin Gerhard Polts bei Wia im Richtigen Leben? Ja, Tatsache. Und der, der sich da gerade händeschüttelnd nähert...? Ja, das ist der Polt. "Rudi," ruft er, "Servus, wia geht's da denn?" Nein, keine Szene aus Leberkäs' Hawaii. Wir befinden uns in einem gemütlichen Münchener Gasthof nicht unweit vom wilden Treiben auf der Leopoldstrasse. Man feiert die Buchvorstellung von Gerhard Polts neuestem Werk. Mit Bier und Brez'n, klar! Breitbeinig stellt sich Polt vor die gesammelte Gästeschar und fängt an zu lesen.
Der Untertitel seines nur 60 Seiten leichten Buches lautet: Dialoge von A nach B. Wer Polt kennt weiß, dass die Informationen von A, niemals bei B landen werden. Polt führt uns Dialoge vor Augen, die die Bezeichnung "Dialog" nicht verdienen. Parallel-Monologe trifft es vielleicht besser. In der letzten der kurzen Konversationen auf die satirische Spitze getrieben: A redet von einem Urlaub in der Dominikanischen, B vom Tod des Bruders des Vaters seiner Frau.
Kommunikation: Ungenügend
Polt nutzt das Hauptproblem der Kommunikation: Ihre Unschärfe. Hier packt der Satiriker sie bei den Hörnern und setzt sie uns wieder auf. Denn: Wer etwas sagt, sendet nicht nur eine Botschaft, sondern schnürt gleich ein ganzes Paket an Informationen. Neben Sachinhalten mischen sich da beispielsweise noch Appelle, Vorwürfe, Ironie und andere versteckte Informationen. Dieses Paket kommt beim Empfänger an. Der entscheidet dann, welche dieser Botschaften er überhaupt hören will.
Und hier liegt das Problem: Prinzipiell kann er jede dieser Botschaften empfangen. Doch meistens gibt er einer bestimmten Botschaft den Vorzug: Nüchtern denkende Menschen hören mit Vorliebe auf die Sachinhalte des Pakets. Menschen, die es allen Recht machen wollen, stürzen sich auf den Appell. Sensible Personen lauschen mehr auf die Beziehungsebene und nehmen es eher persönlich.
Polt stürzt sich mit Vorliebe auf jene Menschen, die einfach jede Botschaft überhören, um ihrer eigenen Botschaft um so lauter Gehör zu verschaffen. Wenn er Gespräche belauscht, die vor lauter Borniertheit, Unwissenheit oder gar Desinteresse und Intoleranz nur so quietschen, greift er zur Feder. Schreibt an gegen Un- und Schwachsinn.
Hinrichtung der Heiligen Drei Könige
"Zur Feder!", hieß es auch für die beiden Zeichner Achim Greser und Heribert Lenz. Bekannt sind sie als Greser & Lenz bei der FAZ oder dem Satiremagazin Titanic. Sie haben Polts Dialogen ihre Bilder beigesteuert. Die Qualität reicht von genial über hinterhältig bis hin zu vordergründig plakativ. Das "schönste" Bild: Die Hinrichtung von drei völlig entsetzten "Heiligen Drei Königen". Die Bilder sind Geschmacksache, aber nie belanglos. Manchmal sogar erschreckend. Das Bild der KZ-Häftlinge, die sich mit ihrem Wächter ablichten lassen müssen, beispielsweise.
Fazit: Letztendlich ist das Buch das, was man vom Polt erwarten darf. Eine Auslese von teils bekannten Pointen aus seinem Bühnenrepertoire, genauen Alltagsbeobachtungen und feinsinnig gedrechselten menschlichen Stumpfsinnigkeiten. Ob man nun der Meinung ist, es handele sich hier um ein "perfektes satirisches Sprachkunstwerk" oder schlichtweg um interessante Denkanstöße zur Alltagskommunikation, muss jeder selbst entscheiden. Vordergründig politisch ist das Buch nicht, aber man stelle sich vor: mit Hilfe dieser fehlerbehafteten Kommunikation wird auch Politik betrieben - im Großen wie im Kleinen. Schaurig, oder? Ach ja: Ein bisschen kurz ist das kleine Werk, nur: dafür wird es als nettes intelligentes Geschenk auf jeden Fall seinen Dienst leisten.
"Wann treff ma'n uns?" ruft die Schneeberger dem Polt noch hinterher. "Woas net. Ja am Dienstag, Mittwoch oder so... hät I Zeit." Kabarett, Satire, oder... einfach nur ein Gespräch?