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Rebellenchef Foday Sankoh nach seiner Verhaftung

Netzreportage - ein Drama unter UN-Beobachtung (23.05.00)

Autor :  Florian Wachter
E-mail: fwachter@e-politik.de
Artikel vom: 24.05.2000

Terror und Leid in einem westafrikanischen Kleinstaat, den die Welt fast vergessen hat: Sierra Leone. Jetzt sollen UN-Blauhelme einen Frieden überwachen, der nie einer war. e-politik.de führt zu Informationen über den brutalen Bürgerkrieg.


Mahmud Sillah war am 16. Mai 2000 zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Mit der einzigen Aufnahme von der Festnahme des berüchtigten Rebellenführers Foday Sankoh hat der 26-jährige Fotograf aus Sierra Leone wohl den Schnappschuss seines Lebens gemacht. Kein ausländischer Journalist war in der Nähe, als Einwohner der Hauptstadt Freetowns Sankoh überwältigten und Regierungssoldaten übergaben.

Foday Sankoh ist Chef der Revolutionary United Front (RUF). Seine Rebellengruppe zählt zu den brutalsten Afrikas. Die RUF paktiert mit den Truppen der National Patriotic Front of Liberia (NPFL) des berüchtigten Charles Taylor, mittlerweile Präsident Liberias. Der Konflikt im Nachbarland Liberia brachte im März 1991 den Bürgerkrieg nach Sierra Leone.

Die Ursachen des Krieges in Sierra Leone

Eine Anfangschronologie des Guerilla-Krieges der RUF gegen die Regierung Sierra Leones findet sich auf den Seiten des Internet-Projekts "Eine Welt voller Kriege" der Haus- und Landwirtschaftsschule Schwäbisch Hall. Mit Hilfe des Vereins Schulen ans Netz haben die Schüler eine Seite zum Konflikt in Sierra Leone erarbeitet. Einen ähnlich informativen Überblick - zusammen mit allgemeinen Länderinformationen - bietet die Sierra Leone-Seite von Erdkunde online. Die Forschungsstelle Kriege, Rüstung und Entwicklung und Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung am Institut für Politische Wissenschaft der Universität Hamburg hat sich ebenfalls mit den Ursachen des Konflikts in Sierra Leone beschäftigt. Der Beitrag "Sierra Leone" liefert ein fundiertes Faktenmaterial. Für Recherchen über die ersten Jahre des Bürgerkriegs in Sierra Leone empfiehlt sich ein Blick auf das Dossier "Sierra Leone" der unabhängigen International Crisis Group.

Verbrechen schlimmer als im Kosovo

Offiziell brüstet sich der RUF-Chef Foday Sankoh als Verfechter der Demokratie. Tatsächlich verfolgt der ehemalige Armee-Fotograf nur ein Ziel, die Herrschaft über die reichhaltigen Diamentenvorkommnisse Sierra Leones. Dafür töteten seine Soldaten in einem achtjährigen Krieg über 20.000 Menschen und verstümmelten 10.000 Landsleute. Der UNO-Hochkommissarin für Menschenrechte, Mary Robinson zufolge sind die Verbrechen in Sierra Leone schlimmer als alles, was im Kosovo die Weltöffentlichkeit erschütterte. Mit welcher Grausamkeit die RUF-Freischärler im Krieg gegen die eigene Bevölkerung vorgingen, dokumentiert der Bericht "Der Präsident soll Euch Eure Hände wiedergeben" des deutschen Arztes Willi Schäberle, der für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen in Sierra Leone gearbeitet hat.
Die Kämpfer der Revolutionary United Front vertrieben 450.000 Menschen nach Liberia und Guinea. Das Referat des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) hat in seinem Arbeitspapier "Sierra Leone In Short" (pdf.Datei) für das Jahr 2000 einen Plan formuliert, um in Liberia und Sierra Leone eine Rückführung der Flüchtlinge zu organisieren.

Vom Friedensabkommen, das keines war

Das Vorhaben des UNHCR stützt sich auf ein Friedensabkommen vom Juli 1999, das mit Billigung der amerikanischen Außenministerin Madeleine Albright in Togo zwischen der Regierung Sierra Leones und den Rebellen unterzeichnet wurde. Die RUF hatte zuletzt im Januar 1999 versucht, den demokratisch gewählten Präsidenten Ahmed Tejan Kabbah zu stürzen. Nur mit Hilfe der westafrikanischen Eingreiftruppe ECOMOG gelang es, die RUF aus Freetown zu vertreiben. Dennoch hinterliessen die Guerillas eine Trümmerstadt mit 5000 ermordeten Einwohnern. Umso mehr Hoffnung setzte man deshalb auf die Friedensgespräche.
Aber der Friedensvertrag von Lomé war in Wirklichkeit nicht einmal das Papier wert, auf dem er unterzeichnet wurde. So gewährte die Regierung Sierra Leones Foday Sankoh und der RUF Amnestie und machte ihn zudem noch politikfähig: Ausgerechnet jener Mann, dessen Soldateska für Diamanten und andere Rohstoffe vergewaltigend, plündernd, brandschatzend und mordend durch das Land zog, wurde zum Vizepräsident und Minister für Mineralien und Wiederaufbau (!) ernannt.
"Man stelle sich vor, dem Kriegsverbrecher Karadzic wäre im bosnischen Kabinett ein Ministerposten angeboten worden!" (Bartholomäus Grill, Die Zeit).

Die Weltgemeinde schaute zu und überließ Sierra Leone sich selber und den Vereinten Nationen. Die UN-Mission für Sierra Leone, UNAMSIL, soll das Friedensabkommen überwachen. Seit Januar 2000 befinden sich die ersten 8700 Blauhelme aus Nigeria, Sambia, Kenia und Indien, zusammen mit zivilen und militärischen Beobachtern, in Sierra Leone. Seit Mai 2000 einige hundert von ihnen in Geiselhaft der RUF, 5 von ihnen starben bei Gefechten. Die drei englischen Militärbeobachter David Lingard, Paul Rowland und Andrew Samsonoff konnten entkommen, als sie und kenianische UN-Soldaten von RUF-Kämpfern eingekesselt wurden.

Einzig die ehemalige Kolonialmacht England hat mittlerweile eine Elitetruppe nach Freetown verlegt, um ausländische Geschäftsleute und Diplomaten in Sicherheit zu bringen und die UNAMSIL zu unterstützen. Das Britische Verteidigungsministerium stellt aber in seinen "Sierra Leone Statements" klar, dass der zeitlich begrenzte Einsatz seiner Soldaten ausschließlich der logistischen Unterstützung der UN-Truppen in Sierra Leone dient, um eine Aufstockung des UN-Kontingents mit indischen und afrikanischen Soldaten auf 13 000 Blauhelme zu erleichtern.
De facto haben die Briten mit ihren 1500 Soldaten das Kommando über die sierra-leonischen Regierungstruppen übernommen. Es ist kaum mehr ein Geheimnis, dass englische Offiziere derzeit drei einheimische Elitebataillone für einen Angriff auf die RUF in den Diamentenfördergebiete im Osten Sierra Leones ausbilden und ausrüsten.

Aktuelle Informationen zum Bürgerkrieg

Zudem stehen weitere britische Einheiten in Alarmbereitschaft. Vor der Küste Sierra Leones kreuzen eine Fregatte und ein Hubschrauber-Träger. Das meldet das täglich aktualisierte unabhängige Nachrichtenportal Sierra Leone News.
Aktuelle und zuverlässige Quellen zum Konflikt in Sierra Leone bieten zudem die umfangreichen Angebote der BBC News und der Informationsdienst Integrated Regional Information Networks des UN Office for the Coordination of Humanitarian Affairs. Aktuelle Aufsätze, Reportagen und Analysen liefern auch die Websites von Policy.com und Human Right Watch. Die Redakteure der sierra-leonischen Tageszeitung Concord Times aus Freetown berichten in ihrem englischsprachigen Online-Angebot "Concord Times News" zweimal täglich über die Entwicklungen in ihrer Heimat, fast halbstündlich neue Nachrichten aus Agentur- und Zeitungsquellen findet man beim Sierra Leone Internet Services.

In Washington, Paris und Berlin nur Achselzucken

Offenbar scheint die Minimal-Intervention eines westlichen Staates der RUF den notwendigen Respekt vor den Vereinten Nationen einzuflössen. Die ersten UNO-Geiseln kamen nach der Landung britischer Fallschirmjäger frei.
Die Briten will unterdessen kein westlicher Bündnispartner unterstützen. In Washington, Paris und Berlin gibt es lediglich zaghafte diplomatische Bemühungen. US-Präsident Bill Clinton schickt neben ein paar Tonnen Hilfsgüter seinen Berater Jesse Jackson als Krisenmanager nach Liberia und Sierra Leone. Der fordert in einem Aufruf zur sofortigen Freilassung aller UN-Geiseln auf. Und die deutsche Regierung? Die schickt das Entwicklungsministerium vor. In der Regierungserklärung zur Entwicklungpolitik (19. Mai 2000) fordert die Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Heidemarie Wieczorek-Zeul, zum Eingreifen auf:
"Lassen wir nicht zu, dass die Weltgemeinschaft wie in Ruanda dem Völkermord zusieht!"
Auf die Worte müssten aber Taten folgen. Auch die großen Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen können nicht mehr wegschauen. Denn die UNO steht mit ihrem zurzeit größten Einsatz kurz davor, Schiffbruch zu erleiden.

Foto: Copyright liegt bei Mahmud Sillah


   


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